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Beate Klarsfeld präsentiert auf einer Pressekonferenz 1969 ihr Buch.

Analyse

Gauck und Klarsfeld - starke Charaktere

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In der Konkurrenz zwischen Joachim Gauck und Beate Klarsfeld vergewissern sich die Deutschen ihrer Geschichte. Retro ist das dennoch nicht.

Heinrich Böll schickte Beate Klarsfeld fünfzig Rosen, als er von der Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erfuhr und zog sich prompt die Kritik seines Schriftstellerkollegen Günter Grass zu. Der missbilligte den Schlag ins Gesicht des Kanzlers als Akt unbotmäßiger Gewalt, obgleich er die symbolische Demonstration gegen das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger durchaus guthieß.

Ist Klarsfelds Ohrfeige heute vor allem als ein Stück der politischen Folklore der Bundesrepublik in Erinnerung, so kehrt der Eklat vom 7. November 1968 nun mit beachtlicher Schwerkraft in die gesellschaftliche Diskussion zurück. So aussichtslos Klarsfelds Bewerbung für das Präsidentenamt auch sein mag, so nachhaltig dürfte sie die verbleibenden Tage bis zur Wahl als Ausdruck einer Art historischer Reflexionsphase prägen. Während Bundespräsident Christian Wulff sich als Vertreter einer schicksalslosen Generation im Gestrüpp politischer Stil- und Anstandsfragen verhedderte, scheint die neuerliche Kandidatenkür nun ganz im Zeichen einer plötzlichen Selbstvergewisserung der Deutschen zu stehen.

Beate Klarsfeld und Joachim Gauck, 1939 und 1940 geboren, drücken ihrer jeweiligen Bewerbung den Stempel einer politisch gelebten Ernsthaftigkeit auf, die der Amtsvorgänger nie ganz glaubhaft nachweisen konnte. Mit Gauck und Klarsfeld treten nun zwei Kandidaten an, die sich in ihren sehr unterschiedlich verlaufenden Lebensgeschichten intensiv mit den Folgen der deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben.

Weder Gauck noch Klarsfeld laufen dabei Gefahr, sich von den Parteien, die sie in das seltsame Medienspektakel Präsidentenwahlkampf schicken, instrumentalisieren zu lassen. Als politische Charaktere sind sie zu selbstbewusst, bisweilen vielleicht auch zu selbstbezogen, um etwas anderes als ihre ureigenen Erfahrungen mit der Geschichte zu repräsentieren.

Der nun aufbrausende Furor der Debatte um Gauck und dessen Rolle als Bürgerrechtler und Mann der DDR-Kirchengeschichte zeigt, dass die Wende von 1989 noch lange nicht als Kapitel einer inzwischen beruhigten Geschichte gelesen werden kann. Fast scheint es so, als müsse Gauck für den warmen Strom der Zuneigung, der ihn bei der ersten Kandidatur 2010 umwehte, nun nachträglich Gebühren entrichten.

Beate Klarsfeld - Kandidatur als Rehabilitation

Beate Klarsfeld hat solche Zuneigung nie erfahren. Eine staatliche Anerkennung für ihre Verdienste um die juristische Verfolgung der NS-Verbrechen von Kurt Lischka, Klaus Barbie und anderen blieb ihr in Deutschland verwehrt. Beate Klarsfeld wird und darf die Kandidatur um das höchste deutsche Staatsamt als nachträgliche Rehabilitation in der Sphäre der Politik verstehen. Aber das ist bereits Interpretation. Der lange Nachhall der Ohrfeige übertönte stets eine überfällige Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Ehepaars Klarsfeld für den zähen, zögerlichen und beschwichtigenden Umgang bundesrepublikanischer Institutionen mit den Gewalttaten der Nationalsozialisten. Das archaisch anmutende Etikett Nazi-Jäger bringt noch immer deutlich zum Ausdruck, dass den Aktionen der Klarsfelds etwas Illegitimes anhaftet. Bei ihrer beharrlichen Verfolgung der Nazi-Verbrecher mögen sie die Grenzen des rechtlich Erlaubten strapaziert haben. Die historische Bewertung erlaubt und verlangt jedoch einen ganz anderen Blick.

Der Retro-Sound der Präsidentenkür ist gewiss ein zufälliger Effekt. Für die zerstrittene Partei Die Linke war der Name Klarsfeld zunächst kaum mehr als ein Einfall, der die Partei nun mit einer Art Wiederkehr des Verdrängten konfrontiert. Um Gauck als Vertreter einer nicht geteilten Deutung von 1989 abzuwehren, greift die Linke auf eine nicht restlos verstandene Version von 1968 zurück. Beate Klarsfelds Solidarität mit Israel ist nicht allein die Folge ihrer Bindung zu der jüdischen Herkunft ihres Mannes Serge Klarsfeld. Sie ist vielmehr ein elementarer Bestandteil ihres politischen Selbstverständnisses.

Es spricht einiges dafür, dass sich Gauck und Klarsfeld mühelos über die Zuschreibungen und Erwartungen ihrer Lager, die sie ausgesucht haben, hinwegsetzen. Das Amt ist für sie nicht Ziel einer politischen Karriere, sondern Ehrenrunde eines diskontinuierlich verlaufenen Lebens. Bei der emotional aufgeladenen Präsidentenwahl geht es denn auch gar nicht um eine Lektion nachholenden Geschichtsunterrichts. Beide Kandidaten stehen vielmehr für die Transformation geschichtlicher Erfahrungen in einen Habitus politischer Aufgeklärtheit.

Gauck hat dafür die Formen einer manchmal ins Barocke tendierenden Rhetorik gefunden, Klarsfeld das Bild von der unerbittlichen Jägerin schon vor langer Zeit in eine unprätentiöse Damenhaftigkeit übersetzt, die den Geist des Pariser Intellektuellenlebens ausstrahlt. Gauck und Klarsfeld haben Geschichte eingeatmet, aber sie verkörpern ein Modernitätsversprechen, das die politischen Akteure, die sie berufen haben, allzu oft vermissen lassen.

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