1. Startseite
  2. Politik

Netzagentur-Chef Müller prognostiziert harte Zeiten: Darauf muss sich Deutschland im Winter einstellen

Erstellt:

Von: Matthias Schneider

Kommentare

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, steht vor dem Haus der Bundesnetzagentur.
Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, ruft angesichts eines möglichen Gaslieferstopps zum Sparen auf. © Oliver Berg/dpa

Der Netzagentur-Chef Klaus Müller ist der Meinung: Industrie und Haushalte müssen noch mehr sparen. Im Wochenend-Interview erklärt er: „Deutschland braucht einen Ruck-Moment“.

München - Die Angst vor einem Gasmangel hat die Börsenpreise auf ein Rekordhoch von rund 250 Euro pro Megawattstunde getrieben. Gleichzeitig ist die französische Stromerzeugung zusammengebrochen – und der Winter naht. Kommt es zur Notlage, wird Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller das Ruder übernehmen. Im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA erklärt der Leiter der aktuell wohl wichtigsten Behörde, ob Deutschland es über den Winter schafft – und worauf Verbraucher sich jetzt einstellen müssen.

Herr Müller, nur 20 Prozent Auslastung auf Nord Stream 1, aber 80-mal mehr Flüssiggas (LNG) über belgische Terminals. Kommen wir über den Winter?

Wir haben verschiedene Szenarien berechnet. Bei einem durchschnittlichen Winter und 20 Prozent Lieferungen aus Russland bräuchten wir mindestens 20 Prozent Einsparung in allen Bereichen und zusätzliche zehn bis 15 Gigawattstunden an Gaszuflüssen, um den Winter zu überstehen. Das ist nicht unmöglich. Neben den vier schwimmenden LNG-Terminals, die die Bundesregierung gechartert hat, gibt es einige private Initiativen. Auch mit Frankreich gibt es gute Gespräche. Wenn wir das alles schaffen, haben wir eine Chance, über diesen und den nächsten Winter zu kommen. Wenn wir es nicht schaffen, kann es schwierig werden.

Wie steht es um unsere anderen Nachbarländer?

Norwegen, Belgien und die Niederlande haben Deutschland in den vergangenen Monaten sehr geholfen und ich plädiere sehr dafür, dass auch wir unseren europäischen Solidaritätsverpflichtungen nachkommen. Wir haben einen europäischen Gasmarkt, in dem Deutschland wegen seiner geografischen Lage einen besonderen Platz einnimmt. Deshalb haben wir ein großes Interesse, uns weiter in diesem Markt bewegen zu können.

Was, wenn Russland gar kein Gas mehr liefert?

Wir müssten über unsere ohnehin anspruchsvollen Annahmen hinaus zusätzliche Einsparungen oder Gasflüsse ermöglichen – und beides wird richtig schwierig. Oder Petrus müsste uns mit einem deutlich milderen Winter zu Hilfe kommen. Es würde uns aber nichts nützen, die Speicher sehr tief herunterzufahren, weil wir auch an den Winter 2023/2024 denken müssen.

Gaskriese: LNG-Handel geht Richtung Europa und Deutschland

Die europäischen Gaspreise haben sich sogar für Termingeschäfte verzehnfacht – aber gibt es genug LNG auf dem Weltmarkt?

Wir sehen, dass der internationale LNG-Handel eine ganz andere Richtung genommen hat. Jahrelang gingen die Schiffe primär Richtung Asien. Wegen der Preise gehen die Lieferungen jetzt Richtung Europa und Deutschland. Blicken wir drei bis vier Jahre in die Zukunft sehen wir, dass es in den USA und Kanada zahlreiche Initiativen gibt, mehr LNG zu exportieren. Man muss ehrlicherweise dazusagen, dass es sich vielfach um Fracking-Gas handelt. Und auch in Afrika und dem arabischen Raum werden neue Quellen erschlossen. Das ist aber eher eine Frage von Jahren. Wir müssen aber jetzt sehen, wie wir in den nächsten 24 Monaten mit dem auskommen, was wir bekommen können.

Allein im Juli haben deutsche Gaskraftwerke vier Milliarden Kilowattstunden Gas verstromt, das ist der Jahresbedarf von 200 000 Vier-Personen-Haushalten. Müssen wir das nicht stoppen?

Eine gewisse Stromerzeugung aus Gas brauchen wir, um die Netze stabil zu halten, und ein Teil erzeugt Heizenergie für Wohngebäude, ist also besonders geschützt. Was darüber hinausgeht, ist ein wunder Punkt, aber erklärbar: Frankreich hat durch Mängel an seinen Atomkraftwerken signifikante Probleme mit der Stromversorgung. Deshalb werden dort so hohe Preise bezahlt, dass es sich für deutsche Kraftwerke trotz der horrenden Kosten lohnt, Gas zu verstromen. Das ist aus nachbarschaftlicher Verbundenheit richtig – mit Sicht auf die Gasversorgung ist das aber keine gute Entwicklung. Deshalb sollen stattdessen die Kohlekraftwerke wieder ans Netz. Die Verordnungen werden Schritt für Schritt erlassen und das Material bevorratet, damit die Kraftwerke dann auch einsatzbereit sind. Bei der Steinkohle ist das schon passiert, bei der Braunkohle kommt sie im Herbst.

Klaus Müller
Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller mahnt: Es muss noch mehr Energie gespart werden. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Energiekrise: „Es gibt Unternehmen, die verstanden haben, dass es ein solidarischer Akt ist“

Neben der Uniper haben einige weitere Unternehmen, etwa OMV, beantragt, an der Umlage zur Ersetzung russischer Gaslieferungen beteiligt zu werden. Bedeutet das höhere Umlage-Kosten im Januar?

Es gibt feste Termine, zu denen die Unternehmen ihre Anträge stellen können, das heißt, wir wissen, wie viel Gas insgesamt ausgefallen ist. Was wir nicht wissen, ist, wie die Ersatzbeschaffungspreise sich entwickeln. Davon hängt ab, ob die Umlage, die alle drei bzw. sechs Monate neu berechnet wird, sinkt oder steigt.

Konzerne wie die österreichische OMV verdienen kräftig an der Energiekrise, im ersten Halbjahr hat sie ihren Gewinn verdoppelt. Wie verhindern wir, dass Umlagenzahler Konzern-Gewinne finanzieren?

Die Umlage-Verordnung sollte verhindern, dass Uniper insolvent wird, weil das auch hunderte Stadtwerke und deren Kunden mitgerissen hätte. Eine Regel nur für Uniper wäre nach dem Gleichbehandlungsgrundsatz aber nicht möglich gewesen, deshalb haben alle Unternehmen, deren Lieferungen ausgefallen sind, einen Rechtsanspruch. Es gibt Unternehmen, die verstanden haben, dass es ein solidarischer Akt ist, ohne eigene Notlage auf die Umlage zu verzichten – das könnte ein Vorbild für andere sein.

Perspektivisch müssen wir aber damit rechnen, dass Gaskunden mit der aktuellen Gestaltung der Umlage Konzerngewinne finanzieren – denn ein solventes Unternehmen könnte seinen Lieferverpflichtungen nachkommen. Ist das gerecht?

Die Frage nach der Gerechtigkeit ist eine politische Diskussion, da hat die Bundesnetzagentur kein Mandat.

Waschlappen statt Duschkopf. Winfried Kretschmann rät zum Verzicht - und erntet dafür Spott von den Linken.

Gaskrise: Heizen mit Strom ist ineffizienter und teurer als mit Gas

Schwenken wir zum Strom: Experten warnen wegen des großen Heizlüfterabsatzes vor Blackouts.

Mit Strom zu heizen, ist um ein Vielfaches ineffizienter und damit immer noch weit teurer als mit Gas. Deshalb sind die Käufe nur aus der Sorge heraus erklärbar, im Winter kein Gas mehr zu haben. Haushalte sind aber besonders geschützt – ich bin optimistisch, dass sie in diesem und nächstem Winter versorgt werden können. Gehen die Heizlüfter nicht ans Netz, verursachen sie auch keine Probleme.

Frankreich hofft, seine Kraftwerke über den Winter wieder in Betrieb nehmen zu können – wie steht es um die restlichen Länder?

Die Lage kann natürlich nur europäisch betrachtet werden. Wo wir stehen, wird der zweite Stresstest zeigen, dessen Ergebnisse wir in wenigen Wochen erwarten.

Die Haushalte erwarten horrende Mehrkosten – als Verbraucherschützer: Wo ist die Grenze zwischen Preissignal und Existenzbedrohung?

Es wird Menschen geben, die sich über die Preise ärgern, aber es verkraften können. Uns schreiben aber täglich Menschen, die die Kosten nicht mehr tragen können. Die Senkung der Mehrwertsteuer ist ein erster Schritt, die Bundesregierung hat darüber hinaus weitere zielgenaue Maßnahmen angekündigt, die in den nächsten Wochen beschlossen werden sollen.

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Merkur.de, FR.de und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Energiekrise: „Das Preissignal, das jetzt schon unterwegs ist, ist sehr stark und hart.“

Ökonomen kritisieren die Mehrwertsteuersenkung als widersprüchlich: Erst macht der Staat es teurer, dann pauschal günstiger. Wie können wir zum Sparen animieren, ohne die Menschen zu überfordern?

Das Preissignal, das jetzt schon unterwegs ist und bei vielen Menschen in den nächsten Wochen in den Briefkästen ankommen wird, ist ein sehr starkes und hartes. Wir sehen jetzt nennenswerte Einsparungen in der Industrie – bei den privaten Haushalten müssen wir die Heizsaison abwarten. Die Mehrwertsteuersenkung ist ja nur ein erster Schritt: Ich habe die Bundesregierung klar so verstanden, dass das dritte Entlastungspaket zielgenau an Bedürftige gerichtet wird.

Thema Preissignal: An den Börsen werden über 20 Cent für Gas und über 50 Cent für Strom gezahlt –werden die Verbraucherpreise dieses Niveau erreichen?

Das kommt auf die Vertragskonstellationen der Versorger und ihre Marktmacht an – noch ein Grund, weshalb Uniper gerettet wurde, denn sie hat viele kleine Kunden. Die Börsenpreise werden durch andere Preisbestandteile gedämpft, aber viele Kunden spüren schon eine Verdreifachung der Gaspreise – und ich kann nicht ausschließen, dass es noch mehr wird.

Sie haben auch vor den kommenden beiden Wintern gewarnt. Wie ist Ihre Prognose für die nächsten Jahre?

Bei den Preisen kann man nur in die Glaskugel schauen. Wir sehen zwar, dass weltweit mehr Angebot geschaffen wird, aber wie das Preise beeinflusst, kann niemand sagen. Was wir aber kalkulieren, ist, wie sehr wir unsere Speicher diesen Winter nutzen. Die Speicher bis zum nächsten Frühjahr vollständig zu leeren, wäre definitiv zu kurz gedacht. Wir müssen auch über den Winter 2023/2024 kommen. Robert Habeck nimmt an, dass wir dann im Sommer 2024 unabhängig von russischem Gas sein können – das ist erst mal die Zielmarke.

Teilen Sie Habecks Ansicht?

Ich glaube, es liegt an uns, es hängt daran, ob Deutschland den Ruck-Moment verspürt. Ich sehe, dass in Brunsbüttel und Wilhelmshaven mit dem Bau der ersten zwei LNG-Terminals begonnen wurde, wir sehen sehr viele Menschen in den Energieunternehmen und in den Behörden, die alles dafür tun, unsere Versorgung zu verbessern, wir sehen die Einsparbemühungen in der Industrie und in den privaten Haushalten eine enorme Nachfrage an Energiesparberatungen. Das macht mir Hoffnung, dass wir nicht ohnmächtig sind – aber es müssen sich alle daran beteiligen.

Auch interessant

Kommentare