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In einem Workshop der Ziehenschule in Frankfurt setzen sich Zehntklässler mit judenfeindlichen Aussagen auseinander.

Pogromnacht

Der ganz alltägliche Judenhass

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80 Jahre nach den Pogromen in Deutschland warnt die jüdische Gemeinschaft vor wachsendem Antisemitismus ? vor allem unter Jugendlichen.

Erst bliesen ihm die beiden Mitschüler den Rauch ihrer Zigaretten ins Gesicht. Dann sagten sie: „Zur Erinnerung an deine Verwandten.“ Der 15-Jährige wusste gar nicht, was er sagen sollte, und lief weg. Die beiden Raucher lachten dem jüdischen Jungen hinterher.

Wir schreiben das Jahr 2018, und es ging Monate so: Beschimpfungen, Mobbing, Hakenkreuzschmierereien auf der Kleidung. Die Schulleitung wurde erst aktiv, als die Presse davon Wind bekam. Und es handelt sich nicht um irgendeine Schule in einem einschlägigen Stadtbezirk in Berlin. Nein, es passierte in der amerikanisch-deutschen Eliteschule „John F. Kennedy“ im feinen Steglitz-Zehlendorf.

80 Jahre nach den Pogromen in Deutschland, als in der Nacht des 9. November Synagogen in Flammen aufgingen, Scheiben jüdischer Kaufleute barsten und die systematische Vertreibung der Juden begann, ist Antisemitismus aktuell wie lange nicht. Ein älterer Deutscher schreit den aus Israel stammenden Berliner Gastronomen Yorai Feinberg an: „Was macht ihr Juden noch hier, haben die Gaskammern nicht gereicht?“ Im Prenzlauer Berg schlägt ein junger Syrer einen Israeli mit einem Gürtel, weil der mit einer Kippa durch die Straßen geht. Einem Berliner Drittklässler wird von einem Mitschüler gesagt, ihn hätte man wohl vergessen zu töten.

Judenhass ist kein neues Phänomen

1504 antisemitische Straftaten verzeichnete die Kriminalstatistik 2017 für Deutschland. Berlin ist die Hochburg von Judenhass motivierter Vorkommnisse. Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) wurden 947 im vergangenen Jahr gemeldet. So viele waren es noch nie. Dazu zählen Angriffe, Bedrohungen, Sachbeschädigungen oder verletzende Äußerungen. Daniel Poensgen von Rias sagt: „Viele fühlen sich animiert durch den Zuspruch rechtspopulistischer Positionen im Netz und in der Offline-Welt.“

Judenhass ist kein neues Phänomen. Er gehört quasi zur DNA Europas. Selbst in einer aufgeklärten Welt vererben sich Ressentiments offenbar wie Krankheiten von Generation zu Generation. Die jüdische Gemeinschaft, stellt der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, fest, müsse gegenwärtig so vehement wie lange nicht mehr um ihre Grundrechte auf Religionsfreiheit und auf persönliche Freiheit kämpfen. „Freiheit bedeutet, sich bewegen zu können mit sichtbaren Zeichen des Judentums wie der Kippa und dem Davidstern, ohne angestarrt, angepöbelt oder gar geschlagen zu werden. „Freiheit“, so Schuster, „bedeutet auch, offen als Jude leben zu können, ohne als Kindermörder, Spekulant oder Raffzahn diffamiert zu werden.“

Bereits 1981 stellte der Kölner Soziologe Alphons Silbermann in seiner Studie „Sind wir Antisemiten?“ fest, dass etwa ein Fünftel der Bundesdeutschen stark ausgeprägte antisemitische Vorurteile pflegte. Damals lebten in Deutschland rund 30.000 Juden. Diese Zahl schätzten lediglich 21 Prozent realistisch ein. Der Rest glaubte, in Deutschland würden Millionen Juden leben.

Heute sind knapp unter 100.000 Menschen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands organisiert. Noch einmal so viele Juden, wird geschätzt, leben ohne Bindung an eine Gemeinde in der Bundesrepublik. Silbermanns Zahlen sind durch neue Untersuchungen belegt. Die Forscherin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin hat beispielsweise die digitale Kommunikation der vergangenen zehn Jahre auf Antisemitismus untersucht. Ergebnis: Die Anzahl entsprechender Online-Kommentare hat sich verdreifacht. Nutzer seien in digitalen Medien kaum noch vor judenfeindlichen Texten sicher. Schwarz-Friesel warnt: „Wenn das so weiter geht, wird die Akzeptanz in der Gesellschaft steigen.“ Kann man nichts dagegen tun? Der Antisemitismusbeauftragte der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, meint, dass es schwierig sei, Erwachsene von antisemitischen Vorbehalten abzubringen. 

Und es bringe auch nichts, ohne die Mitwirkung von Muslimen gegen den Judenhass vorzugehen, denn häufig fielen hier Migranten auf. „Der Schlüssel ist die Schule“, sagt Königsberg. „Hier treffen sich Kinder und Jugendliche aus allen Kulturen, und hier sind Pädagogen und Sozialarbeiter, die Toleranz und Verständnis für die Zukunft vermitteln könnten, wenn sie die entsprechenden Fähigkeiten erworben hätten.“ Dies sei, stellt Königsberg mit Bedauern fest, „derzeit leider noch nicht gegeben“.

Die Psychologin Marina Chernivsky sitzt an ihrem Schreibtisch in Prenzlauer Berg und lässt Königsbergs Satz nachhallen. Sie und ihr Team arbeiten seit Jahren mit Schulen an Strategien gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Sie sagt, es gebe eine große Unsicherheit in der Lehrerschaft im Umgang mit Antisemitismus, aber auch die Bereitschaft, bisherige Ansätze zu verbessern. Denn jetzt, seitdem offener und verstärkt über Antisemitismus geredet wird, steigt die öffentliche Erwartung, dass sie in der Schule dagegen einschreiten. „Viele wissen nicht wie oder versuchen es mit moralischen Appellen.“

Chernivsky leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Es kümmert sich um Sensibilisierung, Fortbildung und Beratung von Bildungseinrichtungen, aber auch um Beratung von Familien. „In den Schulen“, sagt die Psychologin, „geht es nicht allein um Antisemitismus. ‚Schwuchtel, Opfer, Jude‘ – auf alle Alltagsdiskriminierungen muss eingegangen werden.“ Angesichts kulturell heterogener Gruppen sollten im Unterricht auch Geschichten und Erfahrungen anderer Minderheiten mit der deutschen Gegenwart verbunden werden. „Auf diese Weise können alle mitgenommen werden“, so die Erfahrung der Expertin.

Antisemitismus wird mehrheitlich als historisches Phänomen wahrgenommen. Zugleich hat die Häufigkeit und Intensität judenfeindlicher Übergriffe an Schulen bundesweit ein neues Ausmaß erreicht, stellte der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus des Bundestags im vergangenen Jahr fest. Alarmierend: Die Schule wird von Betroffenen als „unsicherer Ort“ erlebt.

Der Berliner Senat verpflichtet vom kommenden Jahr an alle Schulen, antisemitische Vorfälle zu melden, um belastbare Zahlen zu erhalten. Marina Chernivsky begrüßt das Vorhaben grundsätzlich. Am Problem selbst werde dies jedoch nur dann etwas ändern, wenn die Meldepflicht mit entsprechender Sensibilisierung verbunden wird, sagt die Präventionsexpertin. „Nötig ist eine Gesamtstrategie, Schulen darin zu unterstützen, für Diskriminierung und Antisemitismus sensibel zu sein und mit Vorfällen jeglicher Art kompetent umzugehen.“

In Köln steht Lamya Kaddor im Sozialverein „Rheinflanke“ vor elf jungen Musliminnen. Kaddor, vor 40 Jahren als Tochter eines eingewanderten syrischen Ehepaars im westfälischen Ahlen geboren, sucht seit Jahren in Projekten wie „Extreme out“ genau diese Auseinandersetzungen mit jungen Leuten. Sie untersucht mit ihnen re-importierten und islamisierten Antisemitismus. Ihr Ziel: Muslime sollten ihr Leben in Deutschland selbstbestimmt und selbstbewusst führen – ohne andere auszugrenzen.

Die Mädchen in Köln, zwischen 11 und 16 Jahre alt, kommen gerade vom Fußballplatz, ihre Gesichter glühen noch. Die Stimmung ist ausgelassen, auf dem Platz hat es keine Verlierer gegeben. Im Gespräch mit der Islamwissenschaftlerin geht es um Ausgrenzung. Die meisten kommen aus der Mitte des Stadtbezirks Porz am gegenüberliegenden Rheinufer. Er ist stark von Migration geprägt. Die 15-jährige Alia erklärt, dass sie nur wenige Jugendliche kennt, die nicht aus muslimischen Familien kommen. „Wir sind eigentlich unter uns.“

Die 12-jährige Rana berichtet hingegen von ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder, der von Mitschülern gern als „Jude“ bezeichnet wird, „nur weil sie neidisch darauf sind, dass er besser rechnen kann“. Rana musste ihm erst erklären, dass sie ihn damit beschimpfen wollten. Verstanden hat er das nicht. Und die Lehrerin, fragt Kaddor, was hat die dazu gesagt? „So was sagt man nicht.“

Kaddor, selbst jahrelang Religionspädagogin an einer „Problem“-Schule in Dinslaken-Lohberg, hält das nicht für harmlos. Sie meint, gerade weil solche Äußerungen oft zu hören sind, wird schnell darüber hinweggesehen. Dies sei der Nährboden für Rassismus oder Antisemitismus. „Die Schule ist ein Konfliktort. Lehrer haben ununterbrochen mit Konflikten zu tun – zwischenmenschlichen, fachlichen, kollegialen. Sie sollen Stoffvermittler und Konfliktmanager sein. Sie sind jedoch überlastet, überfordert und nicht geschult.“

Also müssen Frauen wie Marina Chernivsky in Berlin und Lamya Kaddor in Duisburg-Marxloh, Dinslaken oder Köln ran. Sie sind deshalb bundesweit geschätzt und werden immer wieder für diese Arbeit ausgezeichnet. Doch der Weg zu mehr Toleranz ist sehr weit, räumen beide ein.

Das Ende des Zehlendorfer Falls zeigt, warum. Er kennt letztlich nur Verlierer. Der gepeinigte 15-jährige Berliner wollte dort nicht mehr länger zur Schule gehen. Die beiden Haupttäter mussten die Schule verlassen. Die Schulleitung ringt weiter um Aufklärung und Image. „Unterm Strich ist hier bei vielen eins hängen geblieben“, hat ein betroffener Lehrer unter Schülern und Kollegen beobachtet, „die Probleme hat der Jude ausgelöst.“

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