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Tessa Ganserer über trans*Feindlichkeit – und warum sich Markus Söder „schnell ignoriert fühlt“

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Von: Thomas Eldersch

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Für die Ampel-Regierung haben sich nach knapp einem Jahr große Baustellen aufgetan. Ein Mitglied aus der Koalition, Tessa Ganserer von den Grünen, zieht Bilanz.

München – Ihr Einzug in den Bundestag war 2021 eine kleine Revolution. Als erste trans*Abgeordnete schaffte Tessa Ganserer von den Grünen den Sprung vom bayerischen Parlament auf die große Politik-Bühne in Berlin. Knapp ein Jahr ist das jetzt her und damit Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen.

Tessa Ganserer: Die Abhängigkeit von russischem Gas verdanken wir der CDU/CSU

Für die 45-Jährige ging es aus der Opposition in Bayern in die Regierung nach Berlin. Seit einem Jahr gestaltet sie nun das Geschick des ganzen Landes mit und hat es mit zahlreichen Baustellen zu tun: Steigende Inflation, der eskalierte Ukraine-Konflikt – und Corona ist auch immer noch nicht ausgestanden. Besonders akut belasten die explodierenden Kosten im Energiesektor die Menschen im Land.

„Unter Führung von CDU und CSU haben wir uns in Deutschland komplett abhängig von russischem Gas gemacht. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien kam in den vergangenen Jahren praktisch zum Erliegen“, sagte Ganserer FR.de von IPPEN.MEDIA im Interview.

Tessa Ganserer in einem Nürnberger Biergarten: Die Bundestagsabgeordnete zieht nach einem Jahr in Berlin Bilanz und verrät, warum ihr Herz für Bayern schlägt.
Tessa Ganserer in einem Nürnberger Biergarten: Die Bundestagsabgeordnete zieht nach einem Jahr in Berlin Bilanz und verrät, warum ihr Herz für Bayern schlägt. © Daniel Karmann/dpa/Archivbild

Weiter führte die Grünen-Abgeordnete aus: „Das war eine fatale Fehleinschätzung, die wir nun alle gemeinsam ausbaden dürfen. Kurzfristig werden wir deshalb unsere Energieimporte auf möglichst viele Lieferanten verteilen müssen. Mittel- und langfristig kann die Lösung nur sein, die Energieeffizienz voranzubringen und den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen.“ Deshalb sei es auch richtig und wichtig, dass Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) mit dem „Wind-an-Land-Gesetz“ bundeseinheitliche Regelungen in puncto Windkraft schafft.

In Berlin wird der bayerische Grundsatz „Leben und Leben lassen“ mehr gelebt als im Freistaat selbst

Doch der Alltag von Ganserer war im vergangenen Jahr nicht nur von Arbeit geprägt. Die Grünen-Politikerin stammt aus Nürnberg, ihre Familie lebt dort. „Mein Lebensmittelpunkt bleibt in der Frankenmetropole“, ist Tessa Ganserer überzeugt. Für sie bedeutet das regelmäßiges Pendeln – „öfter, als mir lieb ist“.

Sie habe die Toleranz in Berlin zu schätzen gelernt, sagt sie. „Da ist die Hauptstadt ein Stück weit auch Vorbild.“ Den Berlinern riet Ganserer: „Andersherum sieht auch das Leben der Menschen in Bayern deutlich anders aus, als es die CSU nach Jahrzehnten in der Staatsregierung gern nach außen glauben macht. Deshalb lade ich alle Berliner*innen nach Bayern ein, um sich ein eigenes Bild zu machen.“

Der Umgang mit trans* Personen sei in Berlin ebenfalls ein anderer als in Bayern. Dort sei man zwar „genauso tolerant wie in Berlin. Transfeindlichkeit gibt es überall, allerdings wird in Berlin deutlich mehr für Akzeptanzförderung unternommen. Und in Berlin gibt es eine deutlich größere Community“, sagt die Grünen-Abgeordnete im Gespräch mit FR.de von IPPEN.MEDIA.

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Tessa Ganserer: „Bayern ist immer noch eins von 16 Bundesländern“

Die bayerische Landespolitik lässt die 45-Jährige aber nicht los. Immer wieder brandet in Berlin der Vorwurf von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf, dass die Ampel-Regierung sein Bundesland übergehe. Ihre Antwort auf die Vorwürfe: „Meines Wissens ist Bayern nach wie vor eins von 16 Bundesländern und hat weiterhin sechs Sitze im Bundesrat. Die bayerischen Interessen werden also sehr wohl gesehen und gehört. Aber wenn Markus Söder mal nicht im Mittelpunkt steht, scheint er sich sehr schnell ignoriert zu fühlen.“

Sein Stellvertreter, Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), bekommt kein besseres Zeugnis ausgestellt. Auf seine Idee, Windkraftanlagen in den Wäldern der bayerischen Nationalparks zu errichten, antwortete Ganserer: „Ich würde Hubert Aiwanger raten, trotz der Hitze einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn er wirklich dafür Sorge tragen möchte, dass der Ausbau der Windenergie in Bayern endlich wieder Fahrt aufnimmt, dann soll er nicht länger den Steigbügelhalter für die CSU machen.“

Und wie fällt Ganserers Fazit über das erste Jahr in Berlin aus? „Alles ist größer und schneller. Die Gremien und die Anzahl der Kolleg*innen, die Fülle der Informationen, die Anzahl der Menschen, die sich an einen wenden, das mediale Interesse, die Verantwortung der Entscheidungen.“ Das schrecke sie aber nicht ab. Sie wolle weiter „an einem ökologischen, sozial gerechten und gesellschaftspolitischen Aufbruch mitwirken.“

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