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Gabriel Boric: Jung und links

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Von: Klaus Ehringfeld

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Der Präsident mit seiner Regierung.
Der Präsident mit seiner Regierung. © AFP

In Chile tritt Gabriel Boric das Amt des Präsidenten an. Seine Chancen, das Land zu verändern, sind groß. Die Herausforderungen auch.

Es ist so vieles so anders bei dieser Amtsübergabe in Chile. Natürlich vor allem die politische Ausrichtung der neuen Regierung, aber auch das Alter, die Diversität und die Verteilung der Jobs an Frauen und Männer. 14 der 24 Kabinettsmitglieder sind weiblich. Dieses Mal geht es beim Übergang von Sebastián Piñera zu Gabriel Boric nicht um Kontinuität mit einer vielleicht neuen Nuancierung. Diese Amtsübergabe ist der Beginn eines völlig neuen, steinigen Weges für das schmale südamerikanische Land. Den Wechsel als Zeitenwende zu beschreiben, scheint beinahe untertrieben.

Wenn der 36 Jahre alte Boric am Freitag die Präsidentenschärpe umgehängt bekommt, dann soll Chile von der Ikone des Neoliberalismus zu einem Land der wirtschaftlichen und sozialen Inklusion umgebaut werden, einem Land, das grün und gleichberechtigt in allen seinen Dimensionen denkt. Von Ureinwohner:innen bis hin zu den Frauen. Geführt werden soll das Land von einem Kollektiv, als das Boric seine Regierung versteht und nicht von ihm als Präsidenten mit den traditionell weitreichenden Vollmachten.

„Es ist ein Amtswechsel mit Hoffnung und historischer Verantwortung“, sagt Constanza Schonhaut, eine enge Beraterin und Wegbegleiterin von Gabriel Boric. „Es ist ein bisschen schwindelerregend zurückzublicken. Alles ging so schnell, wir sind eine Generation, die den institutionellen Weg rasch und gewissenhaft aufgebaut hat“, betont die 33-jährige, die Mitglied im Verfassungskonvent ist, der derzeit ein neues Grundgesetz für Chile ausarbeitet.

Und so wird es in den kommenden vier Jahren darum gehen, Widerstände zu überwinden, mangelnde Erfahrung im Regierungsteam wettzumachen und vielleicht ein Vorbild für eine neue Linke in Lateinamerika zu sein, die einen Gegenentwurf zu den stalinistischen Regimen in Nicaragua, Kuba und Venezuela bildet.

Mit Boric erreicht der soziale Aufstand von 2019 den Präsidentenpalast. Was damals am 18. Oktober mit dem Protest gegen eine Preiserhöhung der U-Bahn-Tickets begann, endet jetzt mit der Umwälzung des politischen Systems. Der Abgeordnete Boric protestierte zu Beginn des Aufstands auf der Straße selbst für ein neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell mit und verhandelte später mit der Rechten im Kongress ein Abkommen für die Schaffung einer Verfassunggebenden Versammlung.

„Es kommt eine Generation an die Macht, die nun einen sozialen und politischen Bruch managen muss, wie ihn Chile noch nie erlebt hat“, sagt der Soziologe Carlos Ruiz vom Thinktank „Fundación Nodo XXI“. Claudia Heiss, Politologin an der Universidad de Chile ergänzt: „Boric ist Ausdruck des Wunsches von 80 Prozent der Chilenen nach einer neuen Etappe in der Politik, ohne die Fesseln der Pinochet-Diktatur, hin zu einer gerechteren Gesellschaft und einem Sozialstaat.“

Vor zehn Jahren war der bärtige Mann mit den Unterarmtattoos den meisten Chilen:innen noch unbekannt. 2011 betrat er die politische Bühne als Studentenführer mit langen Haaren und hochgekrempelten Hemdsärmeln. Seither hat er eine kometenhafte Karriere hingelegt vom Aktivisten zum Präsidenten – und das in einem Land, in dem die Politik seit Jahrzehnten von einer beamtenartigen Kaste dominiert wurde. Boric ist nun der erste explizit linke Kandidat, der Chile nach 1970 regieren wird, als der Sozialist Salvador Allende gewählt wurde.

Boric wurde am 11. Februar 1986 in Punta Arenas im extremen Süden Chiles in eine wohlhabende Mittelstandsfamilie geboren. Sein Vater war Christdemokrat. Bereits zu Schulzeiten begann Gabriel Boric Politik zu machen. Zum Jurastudium wechselte er ins 3000 Kilometer entfernte Santiago. 2011 war er Mitorganisator von Straßenprotesten, mit der Verbesserungen im öffentlichen Bildungswesen durchgesetzt werden sollten. 2013 zog der Jurist, der sein Studium nicht beendete, mit gerade 27 Jahren als Abgeordneter ins Parlament ein.

„Boric ist vernünftig, offen für den Dialog und hat aus der Komplexität der Politik gelernt“, sagt die Politologin Heiss . Früher habe er selbst gegen das politische System und die Parteien gewettert, das habe sich geändert. „Boric hat gezeigt, dass er in der Lage ist, Dinge zu tun, die seiner Basis nicht gefallen“, unterstreicht Heiss. Diese Fähigkeit wird er nun als Präsident ausgeprägt benötigen. Denn die Chancen für ihn, Chile zu verändern sind groß, aber die Herausforderungen sind wesentlich größer.

Aber von Chile geht ein ermutigendes Zeichen aus: Proteste, Beharrlichkeit, Forderungen nach Veränderung und Reformen lohnen sich. In nur gut zwei Jahren ist es den Menschen gelungen, die Weichen dafür zu stellen, dass ihr Land künftig auf neuen Grundfesten steht.

Boric will einen Sozialstaat europäischer Prägung schaffen, in dem der Staat generell ein kostenfreies oder kostengünstiges Gesundheits- und Bildungssystem zur Verfügung stellt, in dem die Renten nicht mehr privat verwaltet, sondern in einem staatlichen Solidaritätsmodell geführt werden. Die paramilitärische Polizei soll neu erfunden werden. Die Ureinwohner:innen werden eingebunden in die Entscheidungsprozesse, die Frauen werden auf allen Ebenen gleichberechtigt und der Umbau des Staates soll ökologisch sein.

Es liest sich wie die Wunschliste eines modernen Staates. Ob Boric das gegen die Widerstände der Wirtschaftselite und der alten politischen Kasten schafft, ist eine der spannendsten Fragen dieser neuen Regierung. Aber es ist eine wunderbare Utopie, die vorbildgebend sein kann – auch und gerade für Europa. Eine Utopie, wie sie vor gut 50 Jahren schon mal aus Chile um die Welt ging. Damals wurde mit Allende ein Sozialist auf demokratischem Weg zum Präsidenten gewählt.

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