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Fußball als Ventil

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Von: Julia Gerlach

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Nach der Tragödie: Gedränge bei der Ankunft der Al-Ahly-Fans in Kairo.
Nach der Tragödie: Gedränge bei der Ankunft der Al-Ahly-Fans in Kairo. © dapd/Ahmed Hassan

Die Stadion-Katastrophe von Port Said hat viel mit der Revolution zu tun: Viele Fans des Star-Clubs Al-Ahly waren an der Revolte gegen Mubarak beteiligt. Sie demonstrieren auch gegen den regierenden Militärrat.

Die „Ultras al-Ahly“ sind nicht einfach fanatische Fußballfans, die sich nach dem Vorbild europäischer Hooligans zusammengetan haben, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Al-Ahly ist auch nicht einfach eine x-beliebige Fußballmannschaft. Ebenso wenig wie Fußball in Ägypten einfach nur eine Sportart ist.

Kurz gesagt: Es ist kein Zufall, dass der schlimmste Ausbruch von Gewalt seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak ausgerechnet bei einem Spiel der Mannschaft von Al-Ahly losgebrochen ist. Dass es ausgerechnet jetzt dazu kam – auch dies ist wohl nicht einfach so passiert, so sehen es zumindest die Ultras selber.

Ultras waren der Regierung suspekt

Die „Ultras Al-Ahly“ taten sich 2007 zusammen. Liebe zum Fußball brachte sie zusammen – zumal sie sonst nicht so viel hatten, wofür sie sich engagieren konnten. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sie nicht nur die Fans der anderen Vereine als ihre Gegner ansahen. Polizei und Sicherheitskräfte machten Jagd auf die Ultras, und die wehrten sich.

Zusammenschlüsse von Jugendlichen dieser Art waren der alten Regierung suspekt. Zu Recht, denn mit den ersten Tagen des Aufstands der Jugend am Nil, entdeckten die „Ultras Al-Ahly“ sich neu.

Macheten und Molotow-Cocktails

Der Hass auf die Sicherheitskräfte brachte sie auf die Straße – und sie spielten in den Tagen der Gewalt eine wichtige Rolle. „Sie sind die Auseinandersetzungen mit der Polizei aus den Kämpfen nach Fußballspielen gewohnt.

Sie sind sportlich, haben keine Angst und außerdem sind sie gut organisiert“, sagt Kholoud al-Baida, eine der Aktivistinnen. Sie stand Seite an Seite mit den Fußballfans, als der Tahrir-Platz von den Schlägerbanden der Regierung mit Macheten und Molotow-Cocktails angegriffen wurden. Auch Kamelreiter attackierten die Protestierer.

Das war auf den Tag genau vor einem Jahr, am 2. Februar 2011. „Es war kein Zufall, dass ausgerechnet am Jahrestag der Kamelschlacht die Gewalt im Stadion von Port Said gegen uns ausbricht“, sagt einer der Ultra-Aktivisten.

Wie viele vermutet er, dass die Gewalt von Vertretern der alten Regierung angestiftet wurde.

Vielleicht, um sich an den Ultras zu rächen, vielleicht auch, weil sie mit der Gewalt vom Mubarak-Prozess ablenken wollen. In den nächsten Wochen wird mit einem Urteil gegen den Ex-Präsidenten gerechnet.

Vielleicht geht es aber auch um die neue Rolle der Ultras in der Politik.

„Stürze, stürze – Militärregierung!“

Sie spielen auch bei den aktuellen Protesten gegen die Militärregierung unter Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi eine wichtige Rolle. „Stürze, stürze – Militärregierung!“, ist ihr Kampfruf im Stadion und der war auch zu hören, als sie am Mittwochnachmittag am Innenministerium vorbeizogen.

Fußball war schon früher wichtig in der ägyptischen Politik. So entstand der Al-Ahly-Club 1907 aus einer Vereinigung von ägyptischen Nationalisten, die gegen die britische Besatzungsmacht kämpften. Sie trafen sich zum Sport, weil politische Vereinigungen verboten waren.

Fußball als Ventil

Unter Mubarak wiederum galt Fußball als Ventil: „Die Menschen sind arm und frustriert, aber es gibt keine Möglichkeit, sich politisch zu betätigen oder gegen die Regierung aufzulehnen. Sie leben für den Fußball, das lenkt sie von ihrer Misere ab“, sagt der Anthropologe Eissam Fawzi, der sich mit der Geschichte des Fußballs am Nil beschäftigt hat.

Im Stadion konnten die Menschen ihren Frust vergessen und sogar ablassen. So sei auch zu erklären, dass es schon früher nach Spielen oft zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei gekommen sei.

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