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Amin Tarazzet, Ben Huschke, Jonah Rheindorf, Maryam Ayoub und Frederik Hirsch (v.l.) in der Paulskirche: Hier dreht sich heute alles um das Grundgesetz.

Du gehörst zu mir

Das Fundament der Freiheit

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600 Jugendliche feiern heute in der Paulskirche das Grundgesetz.

Auf die Frage, ob sie etwas am Grundgesetz ändern würden, hat erst mal niemand eine Antwort. Schließlich äußert sich Mika. „Ich fände es gut, wenn das Grundgesetz einfach so bleiben würde“, sagt er. Daran herumzudoktern, sei keine gute Idee. „Damit würde man ihm nicht den nötigen Respekt entgegenbringen.“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Heute vor 70 Jahren wurde das Grundgesetz verkündet, am Wochenende wählen Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament, und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie.

Heute präsentieren wir zum letzten Mal die Vorschläge der Leserinnen und Leser für Änderungen an der Verfassung: Gewonnen haben unseren kleinen Ideenwettbewerb die Schülerinnen Matilda Lotte Höfling und Lea Brodt (siehe Interview). Die anderen Texte stammen von Schülerinnen und Schülern des Pfalz-Kollegs in Speyer, die auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machen. Und weil das Grundgesetz die Wurzel unserer Gemeinschaft ist, der Boden, auf dem wir stehen, haben wir dies im Bild eingefangen.

Mika ist 17 und besucht das Gymnasium Riedberg in Frankfurt. Gemeinsam mit fünf weiteren Jugendlichen sitzt er an diesem Freitagnachmittag in den vorderen Reihen der Paulskirche. Es ist das letzte Treffen vor der großen Veranstaltung, die dort am 23. Mai stattfindet. 600 Schülerinnen und Schüler feiern dann das 70. Jubiläum des Grundgesetzes. Die 11. Klassen von vier Frankfurter Schulen haben das Programm mit vorbereitet, es gibt unter anderem ein Quiz und einen Poetry Slam zum Thema.

Und natürlich soll auch diskutiert werden, in diesem Fall über die Verfassung als Auftrag und Chance. Mika und sieben andere Schülerinnen und Schüler haben dieses Gespräch vorbereitet – und sich dafür in den vergangenen Wochen intensiv mit dem Grundgesetz auseinandergesetzt. Reicht das Grundgesetz als Basis für unsere immer heterogenere Gesellschaft weiterhin aus? Welche Freiheiten, aber auch welche Verpflichtungen bringt es mit sich? Brauchen wir mehr direktdemokratische Elemente?

Fragen wie diese hat die Gruppe immer wieder besprochen – und naturgemäß für keine eine abschließende Antwort gefunden. „Vieles hängt ja auch vom jetzigen Stand der Dinge ab“, sagt Maryam, die die Freiherr-vom-Stein-Schule besucht. Natürlich könne man die Frage nach mehr direktdemokratischen Elementen heute theoretisch mit Ja beantworten, sagt die 18-Jährige. „Aber die Dinge können sich ja ändern.“ Konkret durchgesprochen haben sie den Fall am Brexit und der Frage, was es für die Bundesrepublik bedeuten würde, wenn es Referenden gäbe.

„Die Pflanze gedeiht nicht, der man einen häufigen Bodenwechsel aufzwingt.“ Seneca; römischer Philosoph.

Die Idee zu dem Projekt hatten die Stiftung Polytechnische Gesellschaft und die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Mit der Veranstaltung wolle man mit Jugendlichen über die Bedeutung des Grundgesetzes und über Werte wie Demokratie, Freiheit und Grundrechte ins Gespräch kommen, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Roland Kaehlbrandt. „Denn es ist an dieser Generation, diese Fundamente unseres Landes aufs Neue zu verstehen, zu bewahren, zu beleben und weiterzuentwickeln.“

Und das hat offenbar funktioniert. Das Projekt habe den Blick für die Rechte geschärft, die die Menschen in Deutschland dank des Grundgesetzes genießen, da sind sich die Jugendlichen einig. „Vorher habe ich ganz normal mein Leben gelebt“, sagt etwa Ben, der dieselbe Schule wie Mika besucht. „Erst jetzt fällt mir auf, dass ich nur durch das Grundgesetz die Freiheit habe, jede Entscheidung selbst zu treffen.“ Junge Menschen nähmen das Grundgesetz einfach so hin, glaubt Amin von der Bettinaschule. „Wir kennen keine Zeit, in der die Leute nicht so frei waren wie heute, wie zum Beispiel in der DDR.“

Für den Festakt haben sich die Jugendlichen einiges vorgenommen. „Ich hoffe, dass wir andere zum Nachdenken anregen“, sagt Amin. Er wünsche sich, dass nach der Diskussion alle Gäste mit ihren Familien und Freunden diskutieren und versuchen, die Leitfragen für sich zu beantworten. „Jemand, der sich mit dem Grundgesetz befasst, weiß, welche Bedeutung es hat. Das Problem ist, dass das zu wenig Leute tun“, glaubt Frederik, der die Musterschule besucht. Veranstaltungen wie die in der Paulskirche könnten da helfen, ist seine Hoffnung.

Der Festakt am heutigen Donnerstag in der Paulskirche ist nicht öffentlich. Das HR-Fernsehen überträgt ihn live ab 10 Uhr.

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