+
„Wir hätten uns früher entschuldigen müssen“, sagt Schneider.

FR-Interview mit Nikolaus Schneider

„Das war zum Fürchten“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche über den Heimkinder-Skandal, seinen Positionswandel in Sachen Präimplantationsdiagnostik und den Deutschland-Besuch von Papst Benedikt XVI im nächsten Jahr.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche über den Heimkinder-Skandal, seinen Positionswandel in Sachen Präimplantationsdiagnostik und den Deutschland-Besuch von Papst Benedikt XVI im nächsten Jahr.

Herr Schneider, war 2010 ein fürchterliches Jahr für die deutschen Kirchen?

Ja und nein. Es war erschreckend, was bei der Aufklärung der Schicksale von Heimkindern zutage kam. Das war zum Fürchten. Da geht es um den Kern unseres Selbstverständnisses, um unsere Botschaft: Gott wendet sich den Menschen in Liebe zu und es ist unsere Aufgabe als Kirchen, diese Botschaft weiterzutragen, sie zu predigen und zu leben. Und dann wird diese Liebe so verdunkelt, dass Menschen sie nicht mehr erfahren können. Das ist beschämend. Dafür müssen wir um Entschuldigung bitten.

Das haben Sie getan. Aber kommt diese Entschuldigung nicht 40 Jahre zu spät?

Es wäre im Interesse der Betroffenen sicher gut gewesen, wenn sie früher gekommen wäre.

Haben Sie eine Erklärung dafür, wie sich diese Schwarze Pädagogik in den kirchlichen Einrichtungen überhaupt etablieren konnte?

Man hatte damals völlig andere Vorstellungen von dem, was Erziehung ist. In den Schulen wurde geschlagen und niemanden regte das auf, auch die Eltern nicht. Im öffentlichen Bewusstsein war Gewalt ein Mittel der Erziehung. Das war auch eine Spätfolge des Krieges und der Nazidiktatur. Zerstörte Familien, die Prägung durch Gewalt ? all das wirkte lange nach.

Waren es nur die äußeren Einflüsse?

Es gibt Stellen in der Heiligen Schrift, die Gewalt als Instrument der Pädagogik empfehlen oder die Gewaltanwendung zu einer Ausdrucksform der Liebe erklären. Es gibt Menschen, die nehmen jedes Wort der Heiligen Schrift wörtlich. Sie haben es als Ausdruck einer besonderen Frömmigkeit verstanden, Gewalt anzuwenden. Das war und ist fatal.

Welche Konsequenzen wird die evangelische Kirche ? abseits der materiellen Entschädigung ? aus diesen Erkenntnissen ziehen?

Offenlegen. Das ist wesentlich. Denn wenn diese Schicksale totgeschwiegen werden, erleben die Opfer noch einmal Missachtung und Verletzung. Den Opfern muss jetzt die Hilfe gegeben werden, die wir ihnen noch geben können.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass die materiellen Hilfen die Opfer auch wirklich erreichen?

Wir haben dafür gesorgt, dass die Mittel in den Landeskirchen vorsorglich bereitgestellt werden, damit Hilfe wirklich schnell geleistet werden kann. Die Opfer sind in der Mehrzahl bereits im fortgeschrittenen Alter. Sie können und sollen nicht mehr länger warten müssen.

Im nächsten Jahr wird der Bundestag über die Präimplantationsdiagnostik entscheiden. Sie sind von dem strengen Nein der Protestanten zur PID abgerückt. Was hat Sie dazu bewogen?

Was mich getrieben hat, ist die Situation von Familien, an denen ich nicht vorbeikomme. Sie haben einen starken Kinderwunsch und das können wir ja nur begrüßen, aber sie machen die Erfahrung, dass die Leibesfrucht nicht ausgetragen werden kann. Da ist die Fortpflanzungsmedizin eine Hilfe. Dass in der Petrischale geschaut wird, welche befruchtete Eizelle eine Chance hat, zu überleben, das dient doch dem Leben. Daran kann ich nicht vorbei. Da müssen wir noch einmal neu nachdenken.

Das ist eine schwer zu entscheidende ethische Frage …

Ja, aber eine Ethik, die sich allein auf die Petrischale konzentriert, ist mir zu wenig. Eine befruchtete Eizelle in der Petrischale wird ohne Mutter und ohne Familie nie zum Leben kommen. Die ethischen Überlegungen müssen also die Familien einbeziehen, sonst sind sie für meine Begriffe unzureichend.

Im nächsten Jahr wird Papst Benedikt XVI. Deutschland besuchen. Wie gestaltet sich das Verhältnis zur katholischen Kirche und zu ihrem Oberhaupt?

Wir sind in einem guten Kontakt mit der Deutschen Bischofskonferenz. Wir sind uns unserer Unterschiede bewusst, aber wir sind freundschaftlich anders und wir bemühen uns darum, möglichst viel gemeinsam zu sagen und zu tun. Es wäre schön, wenn wir hier weiterkämen. Aber wir sind auch bei den wirklich dicken Brettern.

Welche sind das?

Unser Verständnis des Amtes und der Kirche unterscheidet sich doch sehr von dem der Katholiken. Auch ich habe im Moment keine Idee, wie ich als Protestant einen positiven Zugang zum Papstamt und dem Anspruch, der damit verbunden ist, finden soll.

Was irritiert Sie am Papstamt?

Es irritiert mich tief, dass die römisch-katholische Kirche nicht nur eine Kirche ist, sondern auch ein Staat. Wir haben in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 bekannt, die Kirche hat keine staatliche Art. Die Kirche als staatliches Organ – das geht gegen unser Bekenntnis. Und immerhin hat auch Jesus im Johannes-Evangelium gesagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Also: Nicht nur die Katholiken haben ein Problem mit uns, auch wir haben ein Problem mit ihnen. Es entsteht ja häufig der Eindruck, die Evangelischen sind da viel weiter, das ist für die kein Problem, nur die Katholiken haben eins. Das ist nicht so.

Wird es eine Begegnung mit dem Papst geben?

Ich weiß es nicht. Ich kenne nur den Zeitraum, in dem der Papst in Deutschland sein wird.

Er wird im Reichstag sprechen …

Dann ist das ein Staatsbesuch. Wenn der Papst als Staatsoberhaupt kommt, wird er die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten treffen.

Sie haben gesagt, Sie wünschten sich einen schnellen Abzug aus Afghanistan, ohne einen Scherbenhaufen zu hinterlassen. Ist das noch möglich, oder muss man, wie Ihre Vorgängerin es getan hat, sagen: „Nichts ist gut in Afghanistan“?

„Nichts ist gut“ war ja eine sehr zugespitzte Formulierung. Ich bin Margot Käßmann sehr dankbar für diesen Satz, weil er zu einer neuen Qualität der Debatte geführt hat. Das war nötig. Der Bericht, der jetzt im Bundestag gegeben wurde, macht deutlich, in welcher Lage wir in Afghanistan sind. Es hat Fortschritte gegeben, in der medizinischen Versorgung etwa, in der Infrastruktur oder im Schulwesen. Die Sicherheitslage hat sich dagegen nicht verbessert. Die Korruption ist schlimm und von einem demokratischen Staatswesen wird man nicht reden können. Was man friedensethisch dazu sagen kann, haben wir in der Friedensdenkschrift der EKD bereits 2007 deutlich gemacht. Wer reingeht in einen Konflikt, muss auch ein Ausstiegsszenario haben. Einen konkreten Plan aber scheint es nicht zu geben. Also erinnern auch wir als Kirche immer wieder daran.

Interview: Katja Tichomirowa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion