Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Menschenhandel und Sexarbeit würden in der Debatte ständig vermischt, sagt Sexarbeiterin Ruby Rebelde. Foto: Privat
+
Menschenhandel und Sexarbeit würden in der Debatte ständig vermischt, sagt Sexarbeiterin Ruby Rebelde.

Internationaler Tag für die Rechte von Sexarbeiter:innen

Sexarbeit: Das „Hurenstigma“ ist die Abwehr der Gesellschaft von weiblicher Sexualität und Lust

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
    schließen

Die Sexarbeiterin Ruby Rebelde erzählt über das Verhältnis zu ihrem Körper, das Hurenstigma und die paternalistische Haltung in Politik und Gesellschaft. Bascha Mika hat zugehört.

Ich bin Ruby und arbeite als berührbare Domina. Den Begriff habe ich gewählt, weil meine Gäste mich anfassen dürfen, wenn ich es erlaube. Das ist anders als bei klassischen Dominas, die entrückte Frauenfiguren der Bewunderung sind. Ich bin vor acht Jahren in die Sexarbeit eingestiegen. Für mich ist sie eine Superlösung. Ich mache die Arbeit gern und kann mich darin bis zu einem gewissen Punkt verwirklichen.

Angefangen habe ich als Animateurin in einem Swingerclub. Nur nebenberuflich. Ich habe Kunstgeschichte studiert und brauchte damals Geld, um mein Bafög zurückzuzahlen. Ich hatte zwar einen Vollzeitjob in einer Reitschule und habe als Reittherapeutin in einem Projekt zu pferdegestützter Therapie für Kinder und Jugendliche gearbeitet. Aber von dem Gehalt konnte ich die Rückzahlung nicht leisten.

Sexarbeiterin: Angefangen im Swingerclub

Später habe ich dann bei einer Escort-Agentur angefangen und nach meinem ersten Date war ich total high, voll mit Endorphinen. Es war schöne Arbeit und ich hatte für meine Verhältnisse in kurzer Zeit richtig viel Geld verdient.

Es wird immer behauptet, man könne nicht freiwillig Sex verkaufen. Da kann ich mir nur an den Kopf fassen. Sexarbeitende werden pathologisiert: Diese Arbeit mache uns psychisch krank und wir wüssten nicht, was gut für uns ist. Und wenn ich für die Rechte von Sexarbeiter:innen kämpfe, versucht man mich als Ausnahme hinzustellen und wirft mir vor, auf dem Rücken der geschundenen, ausgebeuteten Kolleg:innen selbstsüchtig meinen Vorteil zu suchen.

Sicher, meine Situation ist nicht vergleichbar. Doch das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 trägt eine große Mitschuld daran, dass die Ungleichheit unter Sexarbeiter:innen größer wird. Als weiße, privilegierte Sexarbeiterin bin ich registriert und habe alle Corona-Hilfen bekommen. So konnte ich während der Pandemie meine Zeit für Vorträge oder Vorstandsarbeit bei Hydra einsetzen.

Das Bordell Europas?

Mehr zum Thema

CDU-Politiker Michael Brand im Interview über Ausbeutung im Rotlichtgewerbe und warum die Union ein Sexkaufverbot erwägt.

Schwedens „Nordisches Modell“ gilt weltweit als Vorbild - doch vielerorts zeigt sich, wie hoch die Kosten für Betroffene sind.

Der Vorstoß der Union beim Thema Prostitution zielt am Ende auf ein Sexkaufverbot, das wenig bringt und kontraproduktiv wirkt. Ein Kommentar.

In den Augen der Politik, der Medien und der Dominanzkultur wird die große Mehrheit der Sexarbeiter:innen zu sexuellen Dienstleistungen gezwungen. In dieser Kategorisierung kommen die meisten von uns gar nicht vor. Diejenigen zum Beispiel, für die Sexarbeit eine Übergangslösung ist oder die ins Land kommen, um zu verdienen. Für sehr viele ist es ein Job wie andere auch, weder gut noch schlecht, so wie Arbeit häufig nicht gerade identifikationsstiftend ist.

Ich finde es unzulässig, an die Sexarbeit andere Erwartungen anzulegen als an alle anderen Arbeiten. Ist doch klar, dass Kolleg:innen aus anderen Ländern zu uns kommen, weil es hier bessere Arbeitsbedingungen und bessere Verdienste gibt. Diese Form der Arbeitsmigration gibt es ja auch in der Landwirtschaft, dem Bau, der Pflege. Nur bei der Sexarbeit wird es zum Problem gemacht und von Deutschland als dem Bordell Europas geredet. Natürlich gibt es kriminelle Machenschaften in der Branche. Aber das Problem ist nicht annähernd so groß wie die Gegner:innen der Prostitution uns glauben machen wollen. Außerdem – gibt es kriminelle Umtriebe nicht auch auf dem Bau? Ausbeutung, Schwarzarbeit?

Sexarbeit: „Diese Arbeit hat mir nicht geschadet“

Als berührbare Domina arbeite ich deutschlandweit, hauptsächlich in Hannover, München und Berlin. Mich hat das Kosten-Nutzen-Verhältnis immer motiviert, meine Arbeit gut zu machen. Sie gestattet mir, mein Leben ziemlich frei einzuteilen und sehr selbstbestimmt zu entscheiden. Deshalb ärgert es mich, dass ständig das Narrativ von der Prostituierten als Opfer bemüht wird.

Diese Arbeit hat mir nicht geschadet, im Gegenteil. Selbstverständlich hatte ich all die Vorurteile im Ohr und habe immer auf negative Begleiterscheinungen gewartet. Wann kommt das Gefühl, dass mein Körper beschmutzt ist? Dabei hat die Arbeit dazu beigetragen, dass ich ein besseres Verhältnis zu meinen Körper entwickelt habe.

Zur Person

Ruby Rebelde, 40, ist seit acht Jahren Sexarbeiterin. Sie ist Vorständin beim Verein Hydra , der ein Café und eine Beratungsstelle für Sexworker in Berlin unterhält. Als Aktivistin kämpft sie für intersektionalen Feminismus und betreibt mit einer Kollegin den Whoroscope Podcast. mik

Meinen Nebenjob als Sexarbeiterin habe ich zum Hauptjob gemacht, nachdem ich zwangsweise geoutet wurde. In Berlin arbeite ich in einem BDSM-Studio, das von drei Frauen betrieben wird. Geschlechtsverkehr biete ich nicht mehr an. Berühren und Anfassen gehören für mich aber dazu. Ich lasse mich zum Beispiel auf dem Körper des Gastes nieder, um Druck auszuüben.

Ich interessiere mich für Menschen und ihre Bedürfnisse. Aber Sexarbeit ist keine Therapie. Wir bieten einen bestimmten Rahmen und manchmal wird es dann eine therapeutische Begegnung. Auch für mich, wenn ich nochmal an Punkte rankomme, bei denen ich etwas über mich erfahre.

Paternalistische Haltung gegenüber Sexarbeitenden

Als Sexarbeitende begegnet dir ständig eine paternalistische Haltung von oben herab. Dazu kommt das gängige Hurenstigma, das nichts anderes ist als die Abwehr der bürgerlichen Gesellschaft von weiblicher Sexualität und Lust. Das zeigt sich auch in dem neuen Positionspapier der CDU/CSU. Es reproduziert die üblichen Klischees, Menschenhandel und Sexarbeit werden ständig vermischt. Gewünscht sind mehr Kontrolle, mehr Strafen, mehr Policing. Über konkrete Unterstützungsangebote für Sexarbeitende lese ich dagegen sehr wenig. Man versucht, mit Verboten etwas zu bekämpfen, was man eigentlich durch Strukturen von Beteiligung, Sichtbarkeit und Rechten ändern müsste.

Was mich absolut schockiert, ist die Forderung, die Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes auf dieses Jahr vorzuverlegen. Dagegen muss ich entschieden protestieren. Corona hat keine Basis geschaffen, auf der sich Sexarbeit untersuchen lässt. Eher müsste man die Evaluation weiter nach hinten schieben.

In die Grauzone gedrängt

Zudem soll der Hurenpass nur noch erteilt werden, wenn man eine Krankenversicherung vorweisen kann. Das richtet sich vor allem gegen Migrant:innen, die noch keine Meldeadresse oder Versicherung haben. Der Union geht es dabei um die Kontrolle von Zuwanderung und Migration. Wieso glaubt man, durch Kriminalisierung der Nachfrage etwas zu erreichen? Es verdrängt die Sexarbeit lediglich in die Grauzone. Schwedische Kolleginnen erzählen, dass Sexarbeiter:innen aus dem Ausland extra einreisen, weil die Preise in Schweden so hoch sind.

Auch die Idee, das Einstiegsalter auf 21 Jahre festzulegen, ist eine Verkürzung der Debatte. Vermindert ein Verbot die Armut oder Ausbeutung in den Herkunftsländern und damit die Gründe, warum sich Menschen für Sexarbeit entscheiden? Es wird immer wieder versucht, Sexarbeit isoliert zu betrachten, aber das funktioniert nicht. Wir können sie nicht von den systemischen Voraussetzungen trennen, unter denen wir leben.

Erst seit ich Sexarbeiterin bin, fühle ich mich attraktiv und begehrenswert. Ich habe meine Grenzen kennengelernt und kann inzwischen nein sagen, das konnte ich vorher nicht. Im Studium und im Beruf habe ich sexuelle Gewalt erlebt – aber nie in der Sexarbeit. Ich lebe zur Zeit nicht in einer festen Beziehung. Aber grundsätzlich fühlt sich mein Körper nicht anders an, egal ob ich partnerschaftlichen Sex habe oder professionellen. Und mein Geist kann sehr genau zwischen Arbeit und Privat unterscheiden.

My body, my choice?

Vor zwei Jahren habe ich mich gegenüber meiner Mutter geoutet. Sie hatte schon so was vermutet und war unglücklich, damit recht zu haben. Sie möchte nicht, dass mein Vater es erfährt, denn sie befürchtet, von ihm dafür verantwortlich gemacht zu werden, wohin (sic!) meine Erziehung geführt hat. Das klassische Hurenstigma im Schoße einer kleinbürgerlichen Familie mit all ihren Ungerechtigkeiten.

So wie der Umgang der Gesellschaft mit meinem Job. Entweder ist die Haltung voyeuristisch, ablehnend oder unsolidarisch wie bei manchen sogenannten Feministinnen, die Verbote statt Rechte fordern. Wieso glauben die, über meine Menschenwürde urteilen zu dürfen? Brauche ich deren Erlaubnis? Was ist mit der grundfeministischen Forderung: My body, my choice?

Der Aufreger ist immer Sex gegen Geld. Aber wenn wir über patriarchale Strukturen sprechen wollen, dann bitte auch über solche Arrangements wie die Ehe. Noch vor gut 20 Jahren war Vergewaltigung in der Ehe erlaubt. Und keiner spricht über all die unsichtbare Arbeit, die Frauen bis heute in großem Maßstab für Männer erledigen und außerdem im Beruf sehr viel weniger verdienen. Huren sind nicht die Unterstützerinnen des Patriarchats, sondern ein Symptom der Verhältnisse. Und eine Symptomkur führt nirgendwo hin.

Weil Sexarbeit in der Pandemie zu Recht verboten ist, habe ich mich selbst gefragt, wie ich mit einem Sexkaufverbot in Deutschland umgehen würde. Eine Alternative zur Sexarbeit habe ich für mich nicht gefunden, außer vielleicht Menschenrechtsarbeit.

Nachrichten, Analysen und Kommentare im Online-Dossier Prostitution

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare