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Geflüchtete Syrer im Libanon leben „in der Angst, entführt zu werden“

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Von: Philippe Pernot

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Am Rande eines der syrischen Elendslager im Bekaa-Tal, zehn Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt.
Am Rande eines der syrischen Elendslager im Bekaa-Tal, zehn Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. (Archivbild) © imago

Menschen, die aus dem Bürgerkriegsland Syrien in den Nachbarstaat flüchten, kommen vom Regen in die Traufe. Sie werden diskriminiert, ausgebeutet und verschleppt.

Beirut – Das fruchtbare Bekaa-Tal im Libanon ist umgeben von zwei Gebirgsketten, die Hochebene ist nicht nur die Kornkammer des kleinen Landes am östlichen Mittelmeer, sondern auch Grenzbereich zu Syrien. Hunderttausende Syrer:innen, die dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat entflohen sind, haben sich in den hellgrünen Weizen- und Weinfeldern der Ebene niedergelassen. Viele leben in den weißen Zelten der Vereinten Nationen, gefangen zwischen zwei Ländern, die sie verachten.

„Ich bin von Rakka geflüchtet, um der IS-Gewaltherrschaft zu entkommen, aber im Libanon lebe ich weiterhin in Gefahr“, sagt die 36 Jahre alte Maryam (alle Namen geändert, Anm. d. Red.). Seit 2017 arbeitet sie im Land der Zedern als Mitarbeiterin einer NGO und verdient dabei nur rund die Hälfte ihrer libanesischen Kolleg:innen. „Wir werden als billige Arbeitskräfte diskriminiert, hier erwartet uns weder Gerechtigkeit noch Sicherheit“, ergänzt ihr Ehemann Mourad.

Bürgerkrieg in Syrien – Angst vor Entführung im Libanon

Wenn die Dämmerung einsetzt, verriegeln sie die Metalltür ihrer kleinen Wohnung. „Wir trauen uns nachts nicht raus und leben in der Angst, entführt zu werden“, erzählt Mourad. „Unser Nachbar ist sogar vor einem Monat um acht Uhr morgens erschossen worden, weil jemand sein Motorrad klauen wollte.“

Wegen ihrer Arbeit in einer NGO seien sie dreimal im Libanon bedroht worden. In Bekaa herrschen Kräfte, die dem syrischen Regime unter Diktator Baschar al-Assad nahestehen: die schiitisch-iranische Hisbollah, aber auch die Syrische Soziale Nationalistische Partei sowie Familienclans, die mit Drogenhandel und Grenzschmuggel ihr Brot verdienen.

Nach Bürgerkrieg in Syrien: „Multidimensionale Armut“ im Libanon

Manchmal agieren sie sogar mit Hilfe lokaler Politiker:innen, Militärs und Abgeordneten – der Libanon ist ein profitorientierter, neoliberaler Staat, in dem sich einige wohlhabende Familien bereichern, während der Rest der Bevölkerung in der schlimmsten Krise der Geschichte des Landes feststeckt. 82 Prozent der Libanes:innen und 99 Prozent der Syrer:innen leben laut UN in „multidimensionaler“ Armut – und zehn Prozent der Reichsten besitzen so viel wie 70 Prozent aller anderen Menschen.

Wegen der wirtschaftlichen Krise im Libanon – die Währung Lira ist um 95 Prozent abgestürzt – versuchen viele ins Ausland zu fliehen. Obwohl das Risiko groß und der Preis der Schmuggler und Schlepper gewaltig ist: 8000 US-Dollar musste Mohammad Ibrahim bezahlen, um einen falschen Pass und ein Flugticket nach Deutschland zu kaufen.

Flucht aus Syrien – Libanon gehört „der Hisbollah, den Schmugglern und Mafiosi“

Doch bevor Mohammad die Bundesrepublik erreichen konnte, wurde der 30-Jährige aus Aleppo von denselben Schleppern entführt, die ihm zuvor sicher Passage garantiert hatten. „Sie brachten mich in ein Dorf an der Grenze, wo Assad- und Hisbollah-Fahnen wehten. Am ersten Abend organisierten sie eine Drogenparty mit Hisbollah-Leuten und boten mir Haschisch und Heroin an,“ erinnert sich Mohammad.

Drei Tage lang wurde er in einem Zimmer gehalten, seine Kleidung und sein Eigentum ihm weggenommen. Seine Entführer verlangten, dass er seinem Vater eine Nachricht über Whatsapp schickt. Er weigerte sich zuerst. „Ein bewaffneter Mann nahm meine Hand und hielt eine Pistole an meine Finger. Er drohte, sie abzuschießen und meinem Vater als Drohung zu schicken.“

Eine Flucht ist riskant – Krieg in Syrien, Mafiosi im Libanon

Kurz danach wurde Mohammad zur syrischen Grenze gebracht – außer Reichweite aller staatlichen libanesischen Kräfte. „Meine Augen wurden verbunden, meine Schuhe weggenommen, der Schmuggler hat mich vor den Lauf seiner Pistole getrieben, bis wir ein Dorf in der Nähe des Grenzstädtchens Qusayr erreichten“.

Nach einer Woche in Gefangenschaft wurde Mohammad zurück in den Libanon gebracht – vorbei an mehreren Kontrollpunkten der Armee, wo die Soldaten die Schmuggler:innen mit einem Augenzwinkern durchließen. „Der libanesische Staat gehört der Hisbollah, den Schmugglern und Mafiosi, sie haben die Macht“, seufzt Mohammad. Deswegen ging er nach seiner Rückkehr auch nie zur Polizei – sie hatte ihm ein Jahr zuvor seinen Pass weggenommen und würde ihn wohl festnehmen, weil er illegal ausreisen wollte.

Libanon organisiert „freiwillige Rückkehrkampagnen“ nach Syrien

Im Libanon fürchten Geflüchtete nicht nur Assad-Verbündete, sondern auch den Staat. „Seit 2011 ist die Rückkehr der Geflüchteten zum Wahlkampfmotto für viele Politiker geworden, die alle Krisen auf die Syrer schieben wollen, um populistische Kampagnen zu führen“, meint Wadih Al-Asmar, Gründer des Libanesischen Zentrums für Menschenrechte. Seit 2018 organisiert die Regierung „freiwillige Rückkehrkampagnen“ zusammen mit der syrischen Regierung, um die Menschen loszuwerden.

Doch vor einigen Monaten wurde die Rückkehr der Geflüchteten zur „obersten Priorität“ der Regierung, sagte Premierminister Najib Mikati im November. Man wolle 15.000 Menschen pro Monat zurückschicken, kündigte der Minister für Vertriebene, Issam Saharfeddine, im Sommer an.

Geflüchtete Syrer wollen nicht zurück in den Libanon

Im Oktober brachten Bus-Konvois rund 1000 angeblich freiwillig angemeldete Syrer:innen zurück – seitdem nicht mehr. „Wir zweifeln an der tatsächlichen Freiwilligkeit dieser Rückkehr, denn es gibt keine Beweise, dass kein Druck ausgeübt wurde, ganz im Gegenteil“, bedauert Wadih al Asmar. Weniger als ein Prozent der syrischen Geflüchteten im Libanon will laut einer Studie der Refugee Protection Watch zurück.

Einwohner:innen von Flüchtlingslagern im Bekaa-Tal berichteten, dass die libanesische Armee in mehreren Razzien ihre Satellitenschüsseln, Wlan-Geräte und Fernseher beschlagnahmt habe. „Sie wollen uns ausgrenzen und uns erschrecken, damit wir zurück nach Syrien fliehen“, glaubt Khawla Khalouf El Hassan, eine syrische Mutter von acht Kindern aus Aleppo.

Schreckliche Lebensbedingungen im Libanon zwingen zur Rückkehr nach Syrien

Zusammen mit ihrer Familie lebt sie in einem Lager nahe Bar Elias und arbeitet auf den Feldern – harte Arbeit für wenig Lohn. „Was wir verdienen, reicht kaum, um die Miete unseres Zeltes zu bezahlen, geschweige denn für Essen und Medikamente“, sagt sie. Die Krise und die schrecklichen Lebensbedingungen zwingen viele zur Rückkehr nach Syrien. Eine Studie hat gezeigt, dass rund 75 Prozent der Zurückgekehrten, es wegen der Lebensbedingungen im Libanon tun.

Darüber hinaus leben sie in ständiger Angst vor Übergriffen und Mietkündigungen. „Für uns ist der Libanon wie der Wilde Westen“, sagt sie. Es komme vor, dass Lager verbrannt würden, erzählt Khawla. Das ist schon im Nordlibanon, im Libanongebirge, und mehrere Male in Bekaa geschehen. Im November starb ein Syrer unter der Folter von Polizisten, ein Monat zuvor waren Dutzende syrische Feldarbeiter:innen von ihrem libanesischen Arbeitgeber brutal misshandelt und ausgepeitscht worden.

Libanon: „In der Haft fühlte ich mich wie eine Kakerlake“

Ali Schahine wurde festgenommen, als er einkaufen gehen wollte. „In der Haft fühlte ich mich wie eine Kakerlake, ich wünschte, ich wäre nie geboren worden. Sie schlugen mir ins Gesicht, legten mir Handschellen an und warfen mich in eine ekelhafte Zelle mit einer offenen Toilette“, erzählt der 26 Jahre alte Politikwissenschaften- und Jura-Student, der mit mehreren Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeitet. „Wir haben keine Rechte hier, und die Regierung macht alles, um uns zu vertreiben“, sagt Ali.

Doch Rückkehrer:innen erwartet nicht immer ein besseres Schicksal. „Es ist nicht bekannt, was mit ihnen passiert, wenn sie in Syrien ankommen – außer dass viele wieder inhaftiert und in das Heer eingezogen werden“, sagt Al Asmar. Von den 1000 Syrer:innen, die im Oktober zurückgekehrt waren, wurden tatsächlich 106 kurz danach verhaftet.

Syrien-Rückkehr aus dem Libanon endet oft in Haft

Im Land Assads herrschen nicht nur Krieg und Repression, sondern auch Dürre und eine Cholera-Epidemie, die sich teilweise in den Libanon ausgebreitet hat. Der UNHCR kann kaum helfen: 70 Prozent der Geflüchteten haben seit zwei Jahren keine Hilfe bekommen, und die Agentur für Geflüchtete muss ihre Ausgaben weiterhin kürzen. „Weder der UNHCR noch die internationalen Organisationen sind in der Lage, die Sicherheit von irgendjemandem zu garantieren, auch nicht die ihrer Mitarbeiter,“ kritisiert Wadih el Asmar.

Darüber hinaus arbeiteten die UN, wie viele andere NGOs, mit dem Regime zusammen. Die UN versicherten im November, sie würden „alle Hürden beseitigen, die im Weg der Rückkehr stehen“. Heißt das dann Kooperation mit dem Assad-Regime? Der Hohe Kommissar der UN für Flüchtlinge, Filippo Grandi scheint das akzeptiert zu haben. Wadih el Asmar sagt: „Ich halte es für inakzeptabel, dass Organisationen sich bereiterklärt haben, unter der Vormundschaft von Assad zu arbeiten und damit die Foltermaschine des syrischen Regimes zu finanzieren.“

Weder Syrien noch Libanon sind sicher – Drittländer meist tabu

Auch Geflüchtete beschweren sich regelmäßig über die UN und andere Hilfsorganisationen. „Die UN behandeln uns wie Vieh, wie Nummern – auch in Hilfsorganisationen ist viel Rassismus gegen Syrer vorhanden“, kritisiert Ali. Seit 2015 registrieren die UN syrische Menschen nicht mehr als Geflüchtete und geben ihnen statt eines Schutzbriefs nur eine Nummer. Damit dürfen sie bis zu 500.000 Lira pro Person und pro Monat (rund zwölf Euro) bekommen, aber kein Asylverfahren beantragen.

Die internationale Gemeinschaft spiele mit, indem sie ihre Spenden und Visavergaben reduziere, meint Asmar. Die internationalen Geber haben dem UNHCR 2021 insgesamt 5,3 Milliarden Euro zugesagt – 1,6 Milliarden weniger als bei der vorherigen Syrien-Konferenz 2020 und drei Milliarden weniger als bei der Syrien-Konferenz 2019.

Weder Syrien noch Libanon sind sicher, aber in Drittländer dürfen Geflüchtete meist auch nicht reisen – wegen der Behörden und der westlichen Asylpolitik schaffen das nur ein Viertel der Asylbewerber:innen. Syrische Geflüchtete bleiben dann zwischen dem Meer und den Gebirgsketten gefangen – zwischen zwei Höllen. (Philippe Pernot)

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