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Die Stadt Maidan Shahr im Jahr 2012: „Ich wünsche mir, dass es Frauen möglich sein sollte, durch jeden Teil der Stadt zu gehen und sich selbst in der Öffentlichkeit zu zeigen“, sagt Zarifa Ghafari.
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Die Stadt Maidan Shahr im Jahr 2012: „Ich wünsche mir, dass es Frauen möglich sein sollte, durch jeden Teil der Stadt zu gehen und sich selbst in der Öffentlichkeit zu zeigen“, sagt Zarifa Ghafari.

Afghanistan

„Für die Taliban sind Frauen keine Gesprächspartner“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Zarifa Ghafari, Bürgermeisterin einer afghanischen Stadt, über die Hoffnungen der jungen Generation, ihre Ansprüche an die westlichen Mächte nach dem Abzug und die Zukunft der Frauen

Zarifa Ghafari ist seit drei Jahren Bürgermeisterin einer Stadt in Afghanistan und wird dort aufgrund ihrer Arbeit mit dem Tod bedroht. Sie erhält heute in Frankfurt den Menschenrechtspreis der Ingrid zu Solms-Stiftung. Ihr Vater war im November von den Taliban umgebracht worden, sie wird aus einem Versteck in Afghanistan zugeschaltet.

Frau Ghafari, seit dem Sommer des Jahres 2018 sind Sie Bürgermeisterin von Maidan Shar, einer Stadt mit 35 000 Einwohnerinnen und Einwohnern in der Nähe der afghanischen Hauptstadt Kabul. Als Sie gewählt wurden, waren Sie 26 Jahre alt. Warum wollten Sie Bürgermeisterin werden, was sind ihre Ziele für die Stadt?

Ich wollte die Probleme lösen, die wir mit der technischen Infrastruktur der Stadt hatten. Ich will die Korruption bekämpfen. Und ich wünschte mir, dass es Frauen möglich sein sollte, durch jeden Teil der Stadt zu gehen und sich selbst in der Öffentlichkeit zu zeigen. Und mein Ziel war es, dass die Menschen in der Stadt nicht länger die Taliban unterstützen und Geld für sie sammeln.

Heute sind Sie 29 Jahre alt, arbeiten also seit drei Jahren als Bürgermeisterin. Denken Sie, dass Sie Erfolg hatten?

Ja, ich habe Erfolg. Ich habe ein neues Büro der Bürgermeisterin aufgebaut mit neuen Mitgliedern. Ich habe ein neues Team und Frauen sind darin vertreten. Und meine Generation ist dort ebenfalls repräsentiert. Meine Präsenz als Bürgermeisterin stellt ein gutes Signal dar für die Frauen in der gesamten Provinz. Die Frauen denken: Wenn Zarifa das tun kann, dann können wir das auch tun.

Im Land breitet sich der Krieg immer weiter aus. Die afghanische Armee und bisher auch die Truppen der westlichen Allianz kämpfen gegen die Taliban. Wie ist die Sicherheitslage in ihrer Provinz?

Die Sicherheitslage wird tatsächlich von Tag zu Tag schlechter. Die Ankündigung der westlichen Allianz, dass sie ihre Truppen zurückziehen wird, war ein Signal für die Taliban. Sie ermutigt die Taliban. Diese Ankündigung war ein großer Fehler.

Sind Sie enttäuscht über die Entscheidung der westlichen Allianz, Afghanistan zu verlassen; sind Sie wütend?

Sehen Sie: Als die Truppen der USA und der anderen westlichen Länder nach Afghanistan kamen und der Krieg begann, war ich ein Kind. Ich erinnere mich, dass ich schockiert war. Ich hatte Angst. Nach zwanzig Jahren des Krieges haben die westlichen Staaten nun entschieden, das Land zu verlassen. Ich habe nicht das Recht, das zu kritisieren. Sie haben ihre Wahl getroffen. Aber sie entscheiden über meine Zukunft und die Zukunft der Menschen in diesem Land. Wir haben keine Wahl. Wir sind Opfer des Krieges gewesen in den zurückliegenden zwanzig Jahren und wir sind nun Opfer des Friedens.

Was meinen Sie damit?

Wir, das Volk von Afghanistan, sind nicht Teil dieser Friedensverhandlungen. Die Taliban haben mit den USA gesprochen und mit den anderen Mitgliedern der westlichen Allianz. Sie sprechen über die Zukunft meiner Generation und ich werde dabei nicht einbezogen. Und das zweite große Problem ist, dass da ganz alleine nur Männer verhandeln. Frauen nehmen an diesen Gesprächen nicht teil. Sie sitzen nicht mit am Tisch. Sie sind nicht Mitglieder des Verhandlungsteams. Das ist ein großes Problem. Sie verhandeln auf unserem Rücken.

Wenn die Truppen der westlichen Allianz nun Afghanistan verlassen haben werden und die Taliban immer stärker werden, was wird das für die Frauen in Afghanistan bedeuten?

Wenn die Taliban wieder zurück an die Macht kommen, werden die Frauen in Afghanistan ihre Rechte verlieren. Wir werden dann nicht mehr fähig sein, uns in der Öffentlichkeit zu zeigen. Wir werden wieder in den Häusern leben müssen. Für die Taliban sind Frauen keine Gesprächspartner. Die Taliban haben sich über die Jahre hinweg nicht verändert. Obwohl sie sich in der Öffentlichkeit so präsentieren, als hätten sie sich verändert.

Zur Person und Sache

Zarifa Ghafari, Bürgermeisterin der afghanischen Stadt Maidan Shar, erhält am 1. Juli in Frankfurt am Main den Menschenrechtspreis 2020 der Ingrid zu Solms-Stiftung. Die 29-Jährige ist eine von nur wenigen Politikerinnen in Afghanistan. Sie bekommt die Auszeichnung, die wegen Corona mit einem Jahr Verspätung verliehen wird, für ihren Mut und ihren Einsatz für Frauenrechte.

Mit dem Menschenrechtspreis 2021 wird die Initiative „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ ausgezeichnet. Stellvertretend bekommen die Würdigung Naila Chikhi aus Algerien und Fatma Keser aus der Türkei. Sie wollen Frauen eine Stimme geben, die unter patriarchalischen und religiösen Zwängen leiden. Der Menschenrechtspreis ist mit 5000 Euro dotiert.

Die Ingrid zu Solms-Stiftung wurde 1994 gegründet. Sie will insbesondere Frauen unterstützen, „die sich nicht dem traditionellen Rollenbild fügen“. jg

Was ist Ihr Vorschlag? Sollten die Truppen der westlichen Staaten in Afghanistan bleiben?

Sie können das Land verlassen, das ist ihre Entscheidung. Aber sie sollten keine Deals auf unserem Rücken machen. Was Afghanistan für die Zukunft braucht, ist die wirkliche Unterstützung des Westens. Wir brauchen technische Hilfe, wir brauchen auch juristische Hilfe. Der Grund dafür ist: Wir kämpfen weiter für sie, den Westen.

Wenn man den Fachleuten des Westens folgt, werden die Taliban den Kampf nach dem Abzug der westlichen Truppen gewinnen. Wie ist die militärische Situation derzeit in Afghanistan? In deutschen Zeitungen wird es manchmal so dargestellt, dass die Taliban bereits bis zu zwei Dritteln des Landes kontrollieren. Trifft das zu?

Nein, nein, nein! Das ist nicht wahr! Nur einige wenige Distrikte befinden sich unter der Kontrolle der Taliban.

Aber erwarten Sie, dass die afghanische Armee tatsächlich den Krieg gegen die Taliban gewinnen kann?

Unsere Armee ist sehr professionell. Aber wir werden in der Zukunft die technische und militärische Unterstützung des Westens brauchen. Die westlichen Staaten müssen das verstehen: Wenn sie New York City schützen wollen, müssen sie dem afghanischen Volk und der afghanischen Armee helfen.

Ich möchte mit Ihnen über Ihre persönliche Situation sprechen. Ihre Familie hat sehr viel erlitten beim Kampf gegen die Taliban.

Nun, mein Vater wurde durch die Taliban im November 2020 getötet. Er war ein tapferer Soldat. Und vorher haben sie meinen Großvater und meinen Onkel getötet.

Sie persönlich können sich von Ihrer Wohnung in Kabul zu Ihrem Büro in Maidan Shar nur unter dem Schutz ihrer Leibwächter bewegen. Leben Sie in Angst?

Nein, ich habe keine Angst vor denen. Ich bin die Tochter eines mutigen Soldaten und einer mutigen Lehrerin, die für dieses Land arbeitet. Sie haben meinen Dad getötet, um mir Angst vor ihnen einzujagen. Aber ich habe keine Angst. Ich bin heute noch viel stärker als früher, um mich den Dingen zu stellen.

Sie haben Wirtschaftswissenschaften in Indien studiert. Ist das der Weg, den junge Frauen in Afghanistan gehen sollten? Ist Bildung die Lösung für die Zukunft?

Das denke ich, ja. Bildung wird die Zukunft für Afghanistan sein.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Preisträgerin Zarifa Ghafari.

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