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Raul Krauthausen (39) kämpft für Barrierefreiheit und ist Gründer der Initiative „Sozialhelden“.

Risikogruppen

„Für alle müssen gleiche Regeln gelten“

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Inklusionsaktivist Raul Krauthausen hält eine Isolation von Risikogruppen für falsch. Sein bestes Argument ist ein einfaches Rechenspiel.

Raul Krauthausen (39) kämpft für Barrierefreiheit und ist Gründer der Initiative „Sozialhelden“. Forderungen nach einem Ende des Lockdowns sieht er kritisch. Manche Befürworter würden den Tod von Menschen billigend in Kauf nehmen, glaubt er. 

Herr Krauthausen, was bedeutet die Corona-Krise für Behinderte?

Wir sind geübt darin, zu Hause zu bleiben. Wir sind aber auch genervt. Wenn jetzt Lockerungen kommen und die Leute nach weiteren Lockerungen schreien, dann ist das aus meiner Sicht trotzdem viel zu früh. Und es bedeutet eine Ungleichbehandlung der verletzlichen Gruppen. Das gilt umso mehr, als niemand die Frage beantworten kann, was eigentlich geschieht, wenn deren Angehörige wieder rausgehen und sich draußen mit dem Virus anstecken.

Was schlagen Sie vor?

Wir müssen nach dem Motto vorgehen: gemeinsam rein und gemeinsam raus. Gleiche Regeln für alle. Ich wäre deshalb dafür, den Lockdown noch zwei bis drei Wochen aufrechtzuerhalten. Ein zweiter Lockdown würde viel weniger Akzeptanz finden. Und man müsste mit wesentlich mehr Verstößen rechnen.

Von Forderungen, verletzliche Gruppen wie Alte, chronisch Kranke und Behinderte besonders zu schützen, indem man sie separiert, halten Sie nichts?

Nein. Und wenn man über die verletzlichen Gruppen spricht, dann darf man ja auch eines nicht vergessen: Schätzungen zufolge handelt es sich dabei um bis zu 36 Millionen Menschen; das wäre fast die Hälfte der Bevölkerung. Das geltende Besuchsverbot in Alten- und Behinderteneinrichtungen ist jedenfalls schon jetzt faktisch ein Einsperren in den eigenen vier Wänden und verfassungsrechtlich gar nicht haltbar. Außerdem ist der Schutz der Betroffenen auch dann nicht gewährleistet – weil es keine funktionierenden Schutzkonzepte beziehungsweise Ausrüstungen gibt. Konservative und liberale Gruppen kann ich daher vor Paternalismus uns gegenüber nur warnen, wenn sie Vulnerable zwingen wollen, zu Hause zu bleiben. Das empfinde ich als hoch problematisch. Die meisten Menschen der sogenannten Risikogruppen können selbst beurteilen, was für sie gefährlich ist und was nicht. Bevormundung ist hier fehl am Platze.

Haben Sie das Gefühl, dass jene, die umfangreiche Lockerungen fordern, den Tod von Menschen billigend in Kauf nehmen?

Der Kanzlerin würde ich das nicht unterstellen. Aber einigen ihrer Parteifreunde schon. Teilweise werden von der politischen Seite überdies völlig unnötige Fronten gegenüber Virologen aufgemacht.

Was sagen Sie Kritikern von der linken Seite des politischen Spektrums, die wegen des Lockdowns Eingriffe in die Grundrechte beklagen?

Ich sehe den Punkt. Jede Einschränkung sollte daher mit einem Ablaufdatum versehen werden. Da teile ich die Sorgen der Juristen. Ich sehe auch, dass man mit den Apps, die jetzt in der Diskussion sind, eine Menge Mist bauen kann. Doch einige Kritiker – von den Verschwörungstheoretikern mal ganz zu schweigen – haben offenbar einfach keinen Bock mehr, zu Hause zu bleiben. Diese Leute sollten mal ganz leise sein. Denn durch eine Rücknahme der Beschränkungen würden alle bisherigen Bemühungen zunichte gemacht und das Ganze geht von vorne los.

Interview: Markus Decker

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