1. Startseite
  2. Politik

Führend

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Der 73-jährige Sistani verkörpert hingegen eine Schule, die möglichst großen Abstand von der Politik halten will.
Der 73-jährige Sistani verkörpert hingegen eine Schule, die möglichst großen Abstand von der Politik halten will. © afp

Ayatolla Sistani

Sistani könne in Irak gar nicht politisch handeln, weil er nicht aus Irak stamme und nicht dessen Staatsbürger sei, verkündet die Gruppe um Muktada al-Sadr, der in Bagdad wirkt. Es ist paradox: Die Teheraner Geistlichkeit möchte gerade al-Sadr benutzen, um Einfluss auf die schiitische Mehrheit in Irak zu gewinnen.

Großayatolla Sayyid Ali al-Hussaini al-Sistani ist 1930 in Meschhed geboren, in Iran. Er ist ein direkter Nachkomme des Propheten Mohammed, ein Sayyid in ungefähr der 45. Generation. Seit Anfang der fünfziger Jahre lebt er in Nadschaf. Er steht ganz in einer schiitischen Tradition, die in seinem Geburtsland seit der Machtübernahme durch Ayatolla Ruholla Khomeiny verdrängt und vergessen scheint. Dort hat sich eine Verklammerung von Religion und Politik durchgesetzt, der die Gruppe um al-Sadr nahe steht.

Der 73-jährige Sistani verkörpert hingegen eine Schule, die möglichst großen Abstand von der Politik halten will. Die Freitagsgebete sogar, die von den Predigern im Nachbarland so oft zur Verkündung der politischen Linie eingesetzt werden, möchte er am liebsten frei von solchen Themen sehen. Solange der im 9. Jahrhundert verschwundene letzte Imam nicht wiedererstanden ist, kann es gemäß dieser ehrwürdigen Traditionen keine legitime islamische Regierung geben, sondern nur den Ratschlag des "marjaa", der angesehensten schiitischen Instanz, was erlaubt ist und was verboten. In diesem Sinne ist die Fatwa, das religiöse Urteil, zu sehen, das die US-Besatzer so verstört hat.

Unzulässig sei, dass die US-Besatzer eine verfassunggebende Versammlung einsetzen; ein solches Gremium könne nur aus allgemeinen Wahlen aller Iraker hervorgehen, urteilte Sistani Anfang Juli. Über den fertigen Text sollte dann das ganze Volk abstimmen.

Unbehagen über das Auftreten der USA in Irak hatte der Ayatolla seit dem Sturz Saddam Husseins schon einige Male geäußert, stets mit dem besorgten Hinweis, die kulturelle Identität der irakischen Gesellschaft sei existenziell bedroht.

Im April dieses Jahres setzten ihn Bewaffnete unter Hausarrest, verlangten seine Ausweisung und bedrohten ihn mit dem Tode. Es sollen jugendlich-radikale Anhänger al-Sadrs gewesen sein. Ihnen wurde zur Last gelegt, einige Tage vorher den gerade aus dem Exil heimgekehrten Geistlichen Abdul Madschid al-Khoei ermordet zu haben. Dessen Vater war ein Lehrer Sistanis. gro

Dossier: Irak nach dem Krieg

Auch interessant

Kommentare