1. Startseite
  2. Politik

„Wie Bittsteller“: Millionen Bürger verzichten auf Sozialleistungen

Erstellt:

Von: Alexander Eser-Ruperti

Kommentare

Millionenfach wird in Deutschland trotz Anspruch auf Sozialleistungen verzichtet. Woran liegt das? Armutsforscher Christoph Butterwege liefert Gründe.

Berlin – Die Not bei vielen Menschen in Deutschland ist groß, doch ebenso hoch scheint für viele die Hürde, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Das kann verschiedene Gründe haben, meint auch Armutsforscher Christoph Butterwegge gegenüber FR.de von IPPEN.Media, und übt deutliche Kritik an den vorhandenen Mechanismen beim Bezug. Woran liegt es, dass so viele Menschen trotz Anspruch auf Sozialleistungen verzichten? Butterwegge zeichnet ein düsteres Bild – er ist nicht der einzige.

Besonders in Zeiten sich zuspitzenden ökonomischen Drucks auf deutsche Haushalte sollen Sozialleistungen eigentlich das letzte Fangnetz in der Not sein. Nichtsdestotrotz werden staatliche Leistungen in Deutschland trotz vorhandenem Anspruch in Millionen von Fällen nicht genutzt, wie ein Bericht der Süddeutschen Zeitung zeigt. Ob Grundsicherung im Alter, Grundsicherung für Jüngere oder Wohngeld: Der Staat spart Milliarden durch den Verzicht. Alleine beim Wohngeld würde etwa die Hälfte der Berechtigten auf ihren Anspruch verzichten, so Ralph Henger vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) laut SZ.

Bürgergeld, Wohngeld und Co.: Millionen Menschen verzichten trotz Anspruch auf Sozialleistungen

Agentur für Arbeit
„Agentur für Arbeit“ hängt über dem Eingang der Bundesagentur. Viele Menschen beziehen Leistungen nicht, obwohl diese ihnen zustehen. (Symbolbild) © Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Armutsforscher Christoph Butterwegge erklärt gegenüber FR.de von IPPEN.MEDIA, wie sich die Lage bei der Grundsicherung darstellt. Der Experte: „Von zwei Menschen, die bei der Grundsicherung für Arbeitsuchende (Bürgergeld, bisher: Hartz IV) anspruchsberechtigt sind, stellt nur einer den entsprechenden Antrag; von drei Menschen, die bei der Grundsicherung im Alter anspruchsberechtigt sind, stellt ebenfalls nur einer den Antrag.“ Die Zahlen überraschen, und doch hat der Armutsforscher Erklärungen für sie: Bürokratische Hürden, Angst, Stolz und eine schlechte Informationslage.

Verzicht auf Grundsicherung und andere Sozialleistungen: Zwischen Bürokratie, Stigma und Stolz

Vielen Leistungsberechtigten sind die verschiedenen Möglichkeiten an staatlicher Hilfe überhaupt nicht bekannt, meint Butterwegge, „sie wissen nicht, dass es die betreffende Sozialleistung gibt oder dass sie ihnen zusteht“. Hinzu kommen die Angst vor Stigma und Sorgen vor langfristig verschärften Notlagen: „Sie schämen sich, sind zu stolz, haben Angst vor den Ämtern, scheuen den bürokratischen Aufwand oder fürchten, dass ihre Kinder oder gar ihre Enkel zum Regress herangezogen werden“, so der Experte.

Butterwegges Urteil ist unmissverständlich, ebenso wie seine Forderungen an die Politik: „Würden die staatlichen Stellen besser informieren und Transferleistungen des Staates als Bringschuld gegenüber Bedürftigen verstehen, könnte die Nichtinanspruchnahmequote (sog. Dunkelziffer) deutlich gesenkt werden.“ Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt man auch beim Sozialverband VdK. Dort heißt es laut Süddeutscher Zeitung, viele Menschen fühlten sich „wie Bittstellerinnen und Bittsteller, oder sie werden auf den Ämtern so behandelt. Das macht ihnen Angst, beschämt sie und hält sie davon ab, die Sozialleistungen zu beantragen, die ihnen zustehen“.

Ausbleibende Anträge bei Sozialleistungen: „Sie fürchten sich vor dem Urteil der anderen“

Eine Studie des DIW belegt wissenschaftlich, dass Angst vor Stigma einer der entscheidenden Ursachen für Verzicht auf Sozialleistungen ist. Wie die SZ berichtet, gelang es den Forschenden nachzuweisen, dass die Bereitschaft, Hilfe zu beanspruchen, höher war, wenn dies „privat“ möglich ist. In anderen Worten: Wenn das Zurückgreifen auf Angebote im Verborgenen geschieht. Im bisherigen Modus ist genau dieser Punkt ein Problem, ergänzt durch bürokratische Hürden und eine dürftige Informationslage.

Welche Lösungen könnte es geben? Geht es nach Verena Bentele vom VdK, wäre Automatisierung eine Möglichkeit: Wer Anspruch hat, könnte Gelder automatisch erhalten. Dafür bräuchte es unter anderem erhebliche Investitionen in die entsprechenden Behörden. Tatsache ist: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg – und so lange wird wohl auch weiterhin die Angst vor Sachbearbeitern, Stigmata und Regress viele Leistungsberechtigte davon abhalten, Hilfe zu suchen, sofern sie von dieser überhaupt wissen. Was es braucht, sind niedrige bürokratische Hürden und leicht zugängliche Informationen, doch viel mehr noch: Ein angstfreies gesellschaftliches Klima, wenn es um die Inanspruchnahme von Hilfe geht.

Auch interessant

Kommentare