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Frühling in Charkiw: „Die Stadt wird viel schöner als vor dem Krieg“

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Ein Charkiwer Polizist dokumentiert die Zerstörung eines Bekleidungsgeschäfts.
Ein Charkiwer Polizist dokumentiert die Zerstörung eines Bekleidungsgeschäfts. © AFP

Nach der Rückeroberung kehrt ein bisschen Alltag in die Stadt zurück. Dem neuen Frieden trauen viele aber nicht. Von Dmytro Durnjew.

Charkiw – Das Lokal „Protagonist“ ist angesagt in Charkiw. Der Laden ist je nach Tageszeit Frühstückscafé, Restaurant oder Tanzbar. Zwischen den Tischen thront eine Musikanlage. Jetzt aber ist Mittag und der „Protagonist“ voll mit Soldaten der ukrainischen Armee.

Sie tragen dunkle Markenbrillen oder Piratenkopftücher in Tarnfarbe. Ihre Schutzwesten sind voll gehängt mit Funkgeräten, Pistolen, Patronen-Magazinen oder Handgranaten. Und viele studieren ihre iPhones. „Putin“, grinst einer der drei Krieger am Nebentisch, „sieht immer älter aus.“ Unter seinem Armee-T-Shirt schauen die hautengen Ärmel eines atmungsaktiven Markensportunterhemds hervor.

Charkiw atmet durch. Nach drei Monate langer Belagerung und Trommelfeuer durch die russischen Truppen haben die ukrainischen Verteidiger:innen den Feind zurückdrängt, kamen Anfang der Woche an zumindest einer Stelle bis zur russischen Grenze. Dem erklärten Kriegsziel der Ukraine. In Charkiw erreichen immer weniger gegnerische Geschütze die Wohnviertel, oder auch das historische Zentrum. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine schwankt zwischen Siegesfreude und der Angst-, die Todesgefahr sei doch chronisch geworden.

Ukraine-Krieg: Die Ukraine „scheint die Schlacht um Charkiw gewonnen zu haben“

Der sowjetische Neoklassizismus in der Stadtmitte ist stark angeschlagen. Vielen der mannshohen Fenster fehlt das Glas, andere sind mit Sperrholz vernagelt, Ziegel, ganze Dach- und Mauerstücke fehlen. „Sie haben Gebäude verstümmelt, die den Großen Vaterländischen Krieg überstanden“, schimpft eine Passantin. Die Geschosshagel verwandelten ganze Plattenbauviertel im Nordosten Charkiws in rußige Hochhausruinen, vor allem den Stadtteil Saltivka, die größte Schlafstadt der Ukraine, wo 300.000 der insgesamt 1,5 Millionen Charkiwer:innen lebten. Allein bis zum 21. April kamen nach Angaben von Radio NW im Stadtgebiet 228 Zivilist:innen ums Leben. Jetzt haben sich die russischen Truppen aus acht Dörfern nördlich von Charkiw zurückgezogen. „Die Ukraine“, schreibt das amerikanische Militärforschungsinstitut Institut ISW, „scheint die Schlacht um Charkiw gewonnen zu haben.“

In der Millionenstadt gerät der Frühling schon zum Frühsommer. Abends versammeln sich außer Soldat:innen und Polizist:innen auch Biker:innen und Radrennfahrer:innen an der Uferpromenade Strilka. „Die Stadt wird viel schöner als vor dem Krieg“, schwärmt Vadim, ein junger PR-Experte, der jetzt als Volontär im Internet Kinderzeichnungen für die kämpfende Truppe organisiert.

Auch auf den Bänken in den Parkanlagen an der U-Bahn—Station Sahysnykiv Ukrainy sitzen schwatzende Menschen, Kinder laufen um sie herum. Aber die Leute sehen blass aus. Ab und zu gehe sie nach Hause, aber nur kurz, erzählt Alisja, eine Zeitschriftenhändlerin auf dem berühmten Parabschwo Großmarkt. Den Job hat sie verloren, weil der Markt zerbombt wurde.

Derzeit herrscht Ruhe: Erwartet die Menschen in Charkiw ein weiterer Angriff?

Sie lebt seit drei Monaten mit ihrem achtjährigen Sohn auf dem Bahnsteig der U-Bahn, mit etwa 200 anderen Charkiwer:innen, die unter der Erde Schutz vor den Bomben gesucht haben. Es gibt Internet, Toiletten, eine Dusche. Ihren Schnellkochtopf hat Alisja von zu Hause mitgebracht. Auf dem U-Bahnsteig ist es weiter kalt, 15, 16 Grad, zwischen den Matratzen stehen viele Zelte. Aber noch will niemand nach Hause. „Jetzt ist es ruhig“, sagt Alisja, „aber keiner weiß, was in einer Stunde geschieht.“ Die russischen Raketen könnten noch immer die ganze Stadt treffen. Es gäbe keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit denen man zur Arbeit komme, es gäbe auch keine Arbeit, weil die meisten Fabriken kaputt seien. Sie und ihre Schicksalsgenoss:innen leben von eigenen Ersparnissen oder der Buchweizengrütze, die freiwillige Helfende bringen.

Oft wehren sich Menschen gegen den Krieg, indem sie versuchen, ihren Alltag weiterzuleben, bis man ihnen das Dach über dem Kopf wegschießt. Aber wer einmal mental im Krieg angekommen ist, wagt sich nicht so einfach wieder heraus.

Ukraine-Krieg: Junge Soldaten sind lebensfroh – und naiv

Die Glasfront des „Protagonisten“ scheint keinen Kratzer abbekommen zu haben. Die drei Soldaten am Nebentisch erinnern mit ihren jungen, getrimmten, Bärten an die drei Musketiere. Der mit dem Leistungssportunterhemd zeigt Smartphone-Fotos: Der MG-Mann steht vor einem erbeuteten Panzer im Wald. „Das war nur noch zehn Kilometer vor der russischen Grenze. Vorgestern.“ Dort liegt auch ein toter Russe mit ausdruckslosem, von der Verwesung schon geschwärztem Gesicht. Der Ukrainer spottet, die Russen seien dumm, wütend und schwach. Er selbst ist offenbar noch zu jung und lebensfroh, um an der eigenen Unsterblichkeit zu zweifeln.

Am Nordrand des zusammengeschossenen Stadtteils Saltivka endet die Straße in einer langen, von Scherben und Splittern übersäten Geraden. Der rostige Blechzaun daneben ist ebenfalls von Stahl durchsiebt. Der einsame Soldat am Kontrollpunkt lässt nur Autos stadteinwärts passieren. (Dmytro Durnjew)

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