Gilt als loyal: Andrij Jermak.
+
Gilt als loyal: Andrij Jermak.

Ukraine

Frischer Wind in Kiew?

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
    schließen

Der ukrainische Präsident tauscht seinen Büroleiter aus. Die Opposition findet, der Neue sei prorussisch und befürchtet Schlimmes.

Sie sollen sich im Streit getrennt haben. „Morgens gab es ein unangenehmes Gespräch zwischen Selenskij und Bohdan“, schreibt die Internetzeitung „Ukrainskaja Prawda“ unter Berufung auf zwei Quellen aus dem Präsidialbüro. „Bohdan schlug dem Staatschef vor, ein Rücktrittsgesuch zu schreiben. Selenskij sagte: ,Geh und schreib!‘“

Am Dienstag hat der ukrainische Präsident seinen Bürochef ausgetauscht. Er ersetzte den Anwalt Andrij Bohdan, 43, der bisher als rechte Hand Selenskijs galt, durch seinen außenpolitischen Berater Andrij Jermak, 48. Dahinter verbirgt sich eher persönlicher Zwist als ein politischer Kurswechsel.

Bohdan arbeitete früher als Jurist für den ostukrainischen Wirtschaftsoligarchen Ihor Kolomojskij, der bisher als politischer Ziehvater des einstigen TV-Komikers Selenskij galt. „Selenskij hat angefangen, sich von Kolomojskij zu distanzieren“, titelt das russische Nachrichtenportal RBK jetzt. Allerdings verweist der Kiewer Politologe Ihor Rejterowitsch gegenüber der FR darauf, dass Bohdan selbst seit einiger Zeit auf Abstand zu Kolomojskij gegangen sei. „Und Selenskij hat einen neuen Gouverneur für das Gebiet Kiew ernannt, der Kolomojskij ziemlich nahe stehen soll.“ So könne man Bohdans Entlassung auch als Manöver betrachten, um weiterhin enge Kontakte des Präsidenten zum Oligarchen zu verschleiern.

Rejterowitschs Kollege Vadim Karasjew sagt, in Selenskijs Mannschaft schwele schon länger ein Konflikt zwischen Bohdan und mehreren alten Freunden des Präsidenten aus seiner TV-Zeit, darunter auch Jermak. Der Medien- und Wirtschaftsjurist gehört seit weit über zehn Jahren zum privaten Umfeld Selenskijs. Bohdan war unter Staatschef Selenskij für die Innenpolitik zuständig, Jermak für die Außenpolitik. Er handelte erfolgreich zwei Gefangenenaustausche und einen neuen Gastransitvertrag mit Russland aus, bereitete außerdem den Normandie-Gipfel in Paris vor. „Er mischte in letzter Zeit auch immer intensiver in der Innenpolitik mit“, sagt Rejterowitsch, „drei neue Gouverneure soll Selenskij unter seinem Einfluss ausgewählt haben.“ Außerdem habe Jermak Witalij Klitschko, Kiews Bürgermeister und Ex-Boxweltmeister, gegen öffentliche Angriffe Bohdans verteidigt. Der, auch „Turbo-Bohdan“ genannt, galt als Macher, kreativ, aber autoritär und aufbrausend – im Gegensatz zu dem ruhigen und loyalen Jermak. Er mache nur Politik, weil es den Präsidenten Selenskij gebe, erklärte Jermak in mehreren Interviews.

Und er bleibt weiter Selenskijs Chefunterhändler bei den Donbass-Verhandlungen mit Russland. Angeblich soll die Chemie zwischen Jermak und Dmitri Kosak, Wladimir Putins neuem Ukraine-Bevollmächtigten, gut sein. Was die Opposition in Kiew Schlimmes befürchten lässt. „Die ukrainische Führung stellt den politisch-diplomatischen Widerstand gegen den Aggressor schrittweise ein“, kommentiert Ex-Präsident Petro Poroschenko Jermaks Ernennung düster. „Die Partei der Kapitulierer wird stärker.“

Selenskijs neuer Bürochef aber gibt sich gleichzeitig als Mannschaftsspieler und Patriot. Vor Journalisten in Kiew versprach er am Mittwoch mehr Offenheit gegenüber den Medien, will sich gar einen eigenen Pressesprecher zulegen. Und Wahlen im Donbass seien erst möglich, wenn sich dort keine ausländischen oder illegalen Kämpfer mehr aufhielten, die Ukraine außerdem die Kontrolle über die Grenze habe. Moskau lehnt diese Bedingungen bekanntlich ab. Das weiß auch Jermak. „Was die Durchführung der Wahlen am 25. Oktober angeht, das ist mein Traum.“

Mehr zum Thema

Kommentare