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Ein wortgewaltiger Prediger: Friedrich Schorlemmer.

Friedrich Schorlemmer wird 75

Provokateur und Mutmacher

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Friedrich Schorlemmer, Theologe und Publizist aus Wittenberg, wird 75 - ein Porträt.

Erst am Sonntag kam Friedrich Schorlemmer aus Erfurt zurück. Es hatte dort etwas zu feiern gegeben, den 90. Geburtstag des ehemaligen Propstes Heino Falcke, der wie Schorlemmer ein linker Protestant ist. Am Tag zuvor hatte Schorlemmer in der „Leipziger Volkszeitung“ über den Wahl-Thüringer mit ostpreußischen Wurzeln geschrieben, er sei „ein mutiger Anreger, ein prophetischer Geist, ein Anwalt der Bedrängten, ein inspirierender Theologe“ und schließlich „ein wackerer Zeitgenosse“. Es las sich wie eine Charakterisierung seiner selbst.

An diesem Donnerstag hat der Pastor aus Wittenberg nun ebenfalls Geburtstag. Er wird 75. Schorlemmer ist einerseits immer noch der Alte – und andererseits doch nicht.

Geboren nicht in Wittenberg, sondern in Wittenberge an der Elbe und aufgewachsen ganz in der Nähe in dem Örtchen Werben, war Schorlemmer eine der bemerkenswertesten Stimmen der DDR-Opposition – hörbar am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz.

Abtritt von der Bühne

Sein Ruf hallte bis weit nach Westen. Und als die Mauer fiel, kam seine große Zeit. Schorlemmer, seinerzeit Mitte 40, wurde Vorsitzender der SPD-Fraktion im Rat der Lutherstadt, Studienleiter an der Evangelischen Akademie, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und eine öffentliche Figur in und für ganz Deutschland. Schorlemmer war in jenen Jahren wie eine Kerze, die an beiden Enden brannte. Immer kraftvoll, durchaus auch im körperlichen Sinne.

Entweder holte er, nie mittelmäßig und meist zuversichtlich, die Welt zu seinen Freunden nach Wittenberg – Hans-Dietrich Genscher etwa oder Günter Gaus – oder er sprach via Presse, Funk und Fernsehen in die Welt hinaus, gern nach dem Motto: „Viel Feind, viel Ehr.“ Manche in der Stadt frotzelten über Schorlemmer, der sich auch an sich berauschen und sich vergaloppieren konnte. Und doch waren sie stolz, Teil einer Bühne zu sein, zu der Schorlemmer die Stadt machte und zu der er allein sie machen konnte – außer Martin Luther, aus dessen Schriften er regelmäßig öffentlich las. 

Spätestens als Schorlemmer 2007 die Evangelische Akademie im Schatten der berühmten Wittenberger Schlosskirche verließ, trat ein Wandel ein. Nicht nur war er weniger gefragt als ehedem. Er warf sich auch seltener in die Schlacht. Telefonische Bitten um Interviews, denen sein Temperament früher zunächst zögernd und dann umso energischer nachgab, quittierte er zuweilen mit einem Nein. Mal wies Schorlemmer auf sein fortgeschrittenes Alter hin. Mal schien statt des Zorns von einst Resignation durch. Den Rechtsruck der jüngeren Vergangenheit kommentierte er mit fünf Worten: „Es kommt durch alle Ritzen.“

Über Heino Falcke, den Erfurter Bruder im Geiste, schrieb Friedrich Schorlemmer jetzt: „Man konnte sich an ihm reiben, aber noch mehr konnte man sich an ihm aufrichten.“ Viele werden das auch über ihn schreiben wollen.

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