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Demonstranten setzen sich am 26. April 1972 auf der Hamburger Moorweide bei einer Solidaritätskundgebung für die Regierung Brandt-Scheel ein.

100. Geburtstag von Willy Brandt

Friedensbote Willy Brandt

Willy Brandt verstand die Wirkung der kleinen Gesten, der Demut und des Schweigens. Das machte ihn zu einem großen Politiker

Von Wilhelm von Sternburg

Am Ende sind es häufig Bilder, die unser kollektives Gedächtnis prägen: Ein zurückgenommener, jede Triumphgeste verweigernder Willy Brandt am 10. März 1970 am Fenster des Erfurter Hotels ist ein solches. Die fast unmerkliche Handbewegung, mit der der Bundeskanzler angesichts der immer lauter erschallenden „Willy Brandt ans Fenster“-Rufe eine Brüskierung der DDR-Führung abwendet, ist zum Symbol für eine Politik des klugen Ausgleichs, der Suche nach Lösungen geworden, die die Menschen beschwichtigen und nicht aufhetzen.

Neun Monate später geht ein Bild um die Welt, auf dem ein deutscher Regierungschef schweigend, demütig und wissend vor dem Mahnmal kniet, das an den von deutschen Soldaten und Polizisten blutig erstickten Warschauer Ghetto-Aufstand im Frühjahr 1943 erinnert. Zwei Momentaufnahmen sind es, die ein anderes Deutschland zeigen, als es die Nachbarn und die Deutschen selbst in den vorausgegangenen 100 Jahren gewohnt waren. Und im Zentrum dieser Bilder steht einer der außergewöhnlichsten Politiker, die dieses Land im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Homo politicus

Willy Brandt – diesen Kampfnamen nimmt der am 18. November 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm im Lübecker Proletariermilieu aufgewachsene Sohn der alleinstehenden Verkäuferin Marta Frahm im Exil an – ist einen weiten Weg gegangen. Ein homo politicus war er von der Wiege bis zu Bahre: Er beginnt als radikaler Sozialist und sozialdemokratischer Abweichler, im Alter von 20 Jahren muss er ins Exil gehen, durchlebt in Norwegen und Schweden seine zweite wichtige politische Lehrzeit; im Widerstand schreibt er in hunderten von Artikeln gegen die Nazis an; im zerstörten und bald geteilten Berlin beginnt er zäh und machtbewusst seinen Aufstieg in der deutschen Sozialdemokratie, deren Vorsitzender er von 1964 bis 1987 ist; 1957 wird er Regierender Bürgermeister von (West)-Berlin, 1966 Außenminister, 1969 Bundeskanzler, 1976 Vorsitzender der Sozialistischen Internationale und 1977 Chef der Nord-Süd-Kommission.

Ein kluger Stratege mit langem Atem wird Willy Brandt im Laufe seines Politikerlebens, ein Mann der Versöhnung und des Verstehens, ein Intellektueller, der sich weder vor persönlichen Machtansprüchen noch vor Entscheidungen fürchtet. Seine Heimat ist der Sozialismus, den er von frühester Jugend an – nicht zuletzt durch den Einfluss des Großvaters und der Mutter – in sich aufnimmt. Seine Vorbilder heißen August Bebel, Julius Leber, Mentor aus Lübecker Jugendtagen, und Ernst Reuter, legendäres Berliner Stadtoberhaupt in den Jahren der Krisen und Luftbrücken. Nie wird er den menschenfeindlichen Vereinfachungen totalitärer Ideologien erliegen. Marx erkennt er als Theoretiker immer an. Das aber, was seine Propagandisten dann als marxistische Politik betreiben, bekämpft er schon im Exil.

"Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört"

Er ist, zumindest in den besten seiner Bücher, ein wunderbarer Schriftsteller. Als Redner und Wahlkämpfer findet er die Sprache, die bald nicht nur seine engeren Anhänger verstehen und bewegt. „Wir fürchten uns nicht. Berlin erwartet mehr als Worte. Berlin erwartet politische Aktion“, ruft der von den Westmächten tief enttäuschte Regierende Bürgermeister den empörten und vor dem Schöneberger Rathaus versammelten 300 000 Berlinern in den Tagen nach dem Mauerbau zu und wird – mit kühlem politischen Kalkül – zum Kalten Krieger, um die Massen von folgenreichen Übergriffen abzuhalten. „Mehr Demokratie wagen“, heißt es 1969 in Zeiten des Jugendprotestes und des innen- wie außenpolitischen Stillstandes einer zerstrittenen Republik in seiner ersten Regierungserklärung. „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, sagt ein tief bewegter Willy Brandt im Herbst 1989, als die jubelnden Menschen vor zerbröckelnden Berliner Mauer jubeln. Worte für die Geschichtsbücher.

Willy Brandt ist zeitlebens ein deutscher Patriot. Schon im norwegischen Exil wird er schreiben: „Ich fühle mich durch tausend Fäden mit Norwegen verbunden, aber ich habe Deutschland – das andere Deutschland – nie aufgegeben.“ 1946 veröffentlicht er nach dem Besuch des Nürnberger Prozesses, in dem sich führende Nazis für ihre Verbrechen verantworten müssen, die Schrift „Verbrecher oder andere Deutsche“. Vehement lehnt Brandt in diesem Buch jegliche Kollektivschuld der Deutschen ab. Auf dem Dortmunder Parteitag im Juni 1966 scheut Brandts Patriotismus auch populistische Thesen nicht: „Wir Deutschen dürfen die Geschichte nicht vergessen. Aber wir können auch nicht ständig mit Schuldbekenntnissen herumlaufen, die junge Generation noch viel weniger als die ältere.“

Brandt nahm Reformwillen der 60er auf

Die Nachkriegsdeutschen hatten mit ihren ersten Kanzlern alles in allem doch Glück. Der Pragmatiker Adenauer war wohl in den Jahren der Besatzung und der Geschichtsvergessenheit der richtige Mann, damit die Westalliierten ihr Misstrauen zu überwinden begannen. Brandt wiederum kam an die Macht, als die deutsche Gesellschaft endgültig zu erstarren begann und die Eliten politisch, wirtschaftlich und ethisch zunehmend eine die Menschen irritierende heuchlerische Doppelmoral predigten. Der Kalte Krieg drohte durch die Unbeweglichkeit einer illusionären „Deutschland in den Grenzen von 1937“- und „Alleinvertretungs“-Politik immer wieder in eine heiße Phase umzuschlagen.

Die internationale Politik ging zunehmend über die sie störenden „Querelles allemandes“ hinweg zur Tagesordnung über. Eine neue Generation stellte neue Fragen. In den 60ern veröffentlichten deutsche Historiker aufsehenerregende Bücher, die die Verdrängungsideologie durchbrachen. In Frankfurt bildete der Auschwitz-Prozess den Auftakt zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Diskussion über die Vernichtung des europäischen Judentums. An den Universitäten reimten die Studenten: „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren.“

Brandts große und bleibende innenpolitische Tat war zweifellos, dass er es glaubwürdig und mutig verstand, diesen moralischen und politischen Reformwillen aufzunehmen. Von der Mitbestimmung bis zur Novellierung des berüchtigten Homosexuellenparagraphen 175 oder der Änderung des Abtreibungsverbots, von dem Versuch einer neuen Bildungs- und Hochschulpolitik bis zum „Blauen Himmel über der Ruhr“ oder der Unterstützung einer offensiven Tarif- und Lohnpolitik für Beamte, Angestellte und Arbeiter – vieles blieb auf halbem Weg stehen, manch kostspieliger Irrtum musste korrigiert werden, aber Deutschland hat sich unter der kurzen Kanzlerschaft Brandt tiefgreifend verändert.

Friedensnobelpreis 1971

Selbst die dumpfen Kohl-Jahre, in denen die Konservativen den Stillstand und die wieder wachsende gesellschaftliche Ungleichheit mit dem Ruf nach einer „geistigen Wende“ zu übertünchen versuchten, haben daran nur wenig ändern können. Natürlich war es nicht Brandt allein, der für diesen Aufbruch der 60er und frühen 70er Jahre steht. Aber seine moralische Glaubwürdigkeit und seine tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden, sein Wille zu Veränderungen trugen mitentscheidend zur Versöhnung einer zeitweise tief gespaltenen westdeutschen Gesellschaft bei. „Willy wählen“ wird im Wahlkampf von 1972, der mit einem Triumph für die SPD endet, zum meistgetragenen Button in der Bonner Republik.

Brandt blieb als Politiker zeitlebens ein Suchender und Verstehender: Als politscher Partner und Gegner, als Kritiker der Vergangenheit seiner Landsleute, als nachdenklicher Betrachter des Aufstandes der Jugend und auch – so kann man es jetzt in den sympathischen Erinnerungen seines Sohnes Peter Brandt nachlesen – als Vater. Kein Heiliger ist Brandt gewesen. In Wahlkämpfen konnte er gewaltig polemisieren, der für eine Demokratie beschämende Radikalenerlass ist in seiner Amtszeit Wirklichkeit geworden, ihm ist zumindest im nachhinein nicht unbekannt geblieben, dass beim dramatischen Misstrauensvotum von 1972 nicht alles mit rechten Dingen zuging und mancher opportunistische Kurswechsel begleitete seine Karriere („Wir werden uns niemals an einer Regierung beteiligen, der auch Herr Strauß angehört“). Aber ein Mann der Vernunft und des unbedingten Friedenswillens führte damals die deutsche Politik und die Sozialdemokraten. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises von 1971 hat die Welt das anerkannt.

Verschlossener, misstrauischer Skeptiker

Untrennbar verbunden mit dem Namen Willy Brandt ist die Ostpolitik geblieben. Egon Bahrs sensationeller These vom „Wandel durch Annäherung“, 1966 in Tutzing ausgesprochen, folgten die von den Menschen in beiden Teilen Deutschlands ersehnten Passagierabkommen mit der DDR. Die Verträge von Moskau und Warschau befriedeten Europa und sie ließen eine Zukunft offen, die dann viel kürzer währen sollte, als die Protagonisten auf der politischen Weltbühne ahnen konnten. Der Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung sind nicht allein auf die Ostpolitik der deutschen Sozialdemokratie zurückzuführen, aber sie bildete einen wichtigen Baustein auf dem Weg zum Frieden in Europa.

Es gab – für alle sichtbar – auch den anderen, den privaten Brandt: den depressiven Melancholiker, der die „Wunde“ der unehelichen Geburt lebenslang nicht zu schließen verstand und den die unsäglich niveaulose Häme seiner Gegner (Adenauer: „Willy Brandt alias Frahm“; Franz Joseph Strauß: „Eines wird man doch Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben sie zwölf Jahre draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben.“) viel tiefer traf, als er es je aussprach. Ein verschlossener, misstrauischer Skeptiker blieb er, lachender Sänger und launiger Witzeerzähler ist er gewesen und Kettenraucher, der seinen Rotwein überaus schätzte. Willy Brandt war ein gut aussehender Sinnesmensch, der die Gesellschaft von Frauen liebte. Der Boulevard und die politischen Gegner geiferten, klatschten und dichteten. Der Wahrheit näherten sie sich nur selten. Die Wirklichkeit anders aus: Brandt blieb auch in der politischen Klasse, deren Mitglied er war, ein Außenseiter. Er wurde verehrt und gehasst wie kaum ein anderer deutscher Nachkriegspolitiker.

Kein entscheidungsschwacher Politiker

Es gab nur wenige Vertraute – Egon Bahr, Klaus Schütz, Klaus Harpprecht, Horst Ehmke – und viele innerparteiliche Heckenschützen. Mit Helmut Schmidt verband ihn eine schwierige, am Ende fast zerstörte Zusammenarbeit. Der totalitäre Halbdemokrat Herbert Wehner ließ ihn fallen (Brandt „badet gerne lau“), sobald er ihn nicht mehr brauchte. Das Kanzlerende mit der lächerlichen Guillaume-Affäre war melancholisch. Krank, depressiv, von infamen Spekulationen über sein Privatleben bedroht und von Schmidt und Wehner bei der ohne ihn diskutierten Regierungsbildung im Stich gelassen, erwies Brandt ein weiteres Mal seine konsequente politische und moralische Unabhängigkeit: Nicht der für den Fall Guillaume verantwortliche Innenminister oder einer der Chefs der Nachrichtendienste traten zurück, sondern der Kanzler.

Ein „lauer“, zögernder, entscheidungsschwacher Politiker, wie sie ihm pauschal nachriefen? Legendenbildung. Denn hatte sich der junge Herbert Frahm nicht für den Widerstand entschieden? Hatte der Rückkehrer Willy Brandt sich nicht im Berliner Parteidickicht hochgekämpft? Ist er nicht nach zwei schweren Wahlniederlagen erneut zum Kampf um die Macht angetreten? War er es nicht, der gegen Schmidts und Wehners Bedenken in der Wahlnacht vom 28. September 1969 blitzschnell mit Walter Scheel die sozial-liberale Koalition vereinbarte? Kanzler und Staatsmann wird kein entscheidungsschwacher Politiker. Und so blieb sich der Ex-Kanzler auch in den beiden Jahrzehnte, die ihm noch blieben, treu. Er wurde als Friedensbote der Sozialistischen Internationale und Armutsbekämpfer in der Nord-Süd-Kommission zum Weltbürger.

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