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Präsidentschaftswahl in Serbien: Dominator Vucic hat offenbar klar gewonnen

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Von: Thomas Roser

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Seit einem Jahrzehnt hat der Mann mit der markanten Brille das Sagen im Balkanstaat. Foto: Darko Vojinovic/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Seit einem Jahrzehnt hat der Mann mit der markanten Brille das Sagen im Balkanstaat. © dpa

Präsident Aleksandar Vucic kann auf einen Sieg bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Serbien bauen – auch ohne Fototermine in Moskau.

Update vom 03.04.2022, 23.00 Uhr: In Serbien hat das amtierende Staatsoberhaupt Aleksandar Vucic nach Schätzungen der Wahlforschungsinstitute Ipsos und Cesid erwartungsgemäß die Präsidentenwahl klar gewonnen. Nach Berechnungen beider Institute kam Vucic am Sonntag auf 59,8 Prozent der Stimmen und sein stärkster Gegenkandidat, Zdravko Ponos, auf 17 Prozent. Vucic könnte demnach seine zweite Amtszeit in Folge antreten.

Im Parlament liege Vucics Partei SNS mit 43,6 Prozent auf Platz eins, gefolgt von der Parteu Ujedinjeni mit 12,8 Prozent, erklärten Ipsos und Cesid weiter. Die nationale Wahlkommission kündigte an, dass erste Hochrechnungen aufgrund von Auszählungsergebnissen erst Montagabend bekannt gegeben werden. In Serbien fanden am Sonntag Präsidenten- sowie vorgezogene Parlamentswahlen statt. (dpa)

Erstmeldung vom 01.04.2022: Belgrad – Über die Großleinwände flimmern in der Sporthalle von Pozarevac die Ansichten neuer Brücken, Gleise und Autobahnen. „Gott beschütze unser Serbien“, stimmt ein Frauenchor in weißen Blusen vielstimmig die Nationalhymne an. „Erst Gott, dann Vucic“, ist auf einem Plakat auf den Oberrängen der vollbesetzten Tribünen zu lesen.

Der Beifall der rund 4000 Anhänger:innen der regierenden SNS steigert sich zum Orkan, als ihr wie der Erlöser gefeierter Hoffnungsträger mit in die Höhe gereckten Armen die Bühne betritt. Er sei „immer froh“, wenn er in der Stadt der „fleißigen Leute“ sei, „die Serbien lieben“, verkündet der hochgewachsene Staats- und Parteichef Aleksandar Vucic seinem begeisterten Publikum: „Alles, was wir in Serbien erreicht haben, ist nicht mein, sondern euer Verdienst!“

Serbien: Erleichtert Russlands Krieg dem Putin-Freund die Wiederwahl?

Seit einem Jahrzehnt teilt der Mann mit der Hornbrille im Balkanstaat die Karten aus. Und die Chancen sind groß, dass Serbiens nationalpopulistischer Dominator auch nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an diesem Sonntag die Geschicke beim zwischen West und Ost lavierenden EU-Anwärter lenkt: Ausgerechnet Russlands Krieg in der Ukraine erleichtert dem autoritär gestrickten Putin-Freund die anvisierte Wiederwahl.

Eigentlich sei ein „emotionaler, dynamischer und polarisierender“ Stimmenstreit zu erwarten gewesen, doch der Krieg habe das „völlig geändert“, konstatiert der Analyst Bojan Klacar in der Belgrader Zeitung „Blic“: „Es ist einer der ruhigsten Wahlkämpfe, praktisch ohne Zwischenfälle.“

„Frieden. Stabilität. Vucic.“, verkündet selbiger am Rednerpult. Fast vor jedem Urnengang der vergangenen Jahre hatte sich Vucic für ein Wahlkampffoto mit dem Kremlchef nach Moskau aufgemacht. Doch in Pozarevac erwähnt der 52-Jährige weder Wladimir Putin noch dessen Invasion oder die Kriegsleiden der Ukrainer.

Serbien: Vucic warnt vor einer Ausweitung der „großen Krise“

Stattdessen warnt Vucic dunkel vor einer Ausweitung der „großen Krise“. Umso wichtiger sei es, dass eine „verantwortungsvolle Führung“ den Frieden bewahre. „Wir sind stark genug und werden noch stärker sein, um unseren Luftraum zu schützen“, sagt er und schließt einen Nato-Beitritt erneut kategorisch aus. Im Gegensatz zu manchen EU-Staaten verfüge das Land über genügend Mehl und Speiseöl: „Niemand wird in Serbien hungrig sein!“

Die zersplitterte Opposition hat zu Kriegszeiten hingegen noch mehr Mühe, mit ihren Klagen über Korruption, Machtmissbrauch und Umweltsünden Gehör zu finden. Nur einige Dutzend Anhänger:innen des Oppositionsbündnisses „Vereint für den Sieg Serbiens“ haben sich in Erwartung ihres Spitzenkandidaten Zdravko Ponys in der 140 Kilometer nordwestlich von Belgrad gelegenen Provinzstadt Bac am Wahlstand der früheren Regierungspartei DS eingefunden.

Serbien: „Die Jungen ziehen weg – und kommen nicht zurück“

„Die Leute trauen sich nicht zu kommen“, sagt schulterzuckend ein rotbäckiger Rentner: „Sie haben Angst, dass es Kameras gibt – und dass nachher der Bruder, Ehemann oder Enkel Ärger bei der Arbeit erhalten.“ Das größte Problem der von 21 000 auf 10 000 Einwohner:innen geschrumpften Kommune sei die Emigration: „Die Jungen ziehen weg – und kommen nicht zurück. Denn es gibt hier weder Perspektiven noch Jobs.“ Der DNS-Mitstreiter Tomislav Bogdanovic beklagt: „Die Leute hier können nur von der SNS kontrollierte TV-Sender sehen.“ Und wenn sie fünf Mal dasselbe hörten und sähen, „glauben sie das irgendwann“.

Von Wechselstimmung ist auch 200 Kilometer östlich in Pozarevac nichts zu spüren. Beifallsumtost gelobt Vucic ein neues Hallenbad, ein Krankenhaus, einen Autobahnanschluss, die Ansiedlung eines Großinvestors – und höhere Löhne.

Gegenüber den EU-Partnern mimt der wandlungsfreudige Politcharge gerne den proeuropäischen Reformer. Doch in der Geburtsstadt von Ex-Autokrat Slobodan Milosevic streift sich dessen früheren Minister willig den vertrauten Nationalspieler über. Wie das Gallier-Dorf von Asterix und Obelix habe sich Serbien „in Europa die Freiheit bewahrt“: „Das Wichtigste ist, dass wir eine unabhängige Politik machen. Schämt euch nicht, für euer Land zu kämpfen! Wir werden sie am 3. April überzeugender als jemals zuvor besiegen. Es lebe Pozarevac, es lebe Serbien!“ (Thomas Roser)

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