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Interview

Afghanistan: „Die Taliban sehen sich auf dem Weg zum Sieg“

  • Karin Dalka
    VonKarin Dalka
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Konfliktforscher Conrad Schetter über 20 Jahre Intervention in Afghanistan und wie man aus einer Niederlage lernen kann – oder besser: sollte.

Die Bundeswehr will ihren Abzug aus Afghanistan bis Anfang Juli abschließen. Zeit für eine Bilanz. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagt, man habe nicht alle Ziele erreicht. Verständlicherweise mag sie den verlustreichsten und teuersten Einsatz der Bundeswehr, der nach fast 20 Jahren zu Ende geht, nicht als kompletten Fehlschlag bezeichnen. Aber hatte der Einsatz überhaupt irgendein Gutes, Herr Schetter?

Medien und Öffentlichkeit neigen zu einem Militärfetisch. Der Einsatz in Afghanistan wird auf die Bundeswehr verkürzt. Aber dieser Fokus greift zu kurz. Wir sollten auch die Entwicklungszusammenarbeit, die ja weitergehen wird, einbeziehen. Und hier gibt es ja durchaus Erfolge: Mehr Kinder gehen zur Schule, der Bildungsgrad ist insgesamt höher. Auch im Gesundheitsbereich ist einiges passiert. Blickt man aufs Militärische, so hatte die Anwesenheit der Nato in Afghanistan in den ersten Jahren einen Sinn und auch eine enorme psychologische Bedeutung. Allerdings hat man die Herausforderungen des Themas Sicherheit nie richtig verstanden. Und man muss sich fragen, ob die Bundeswehr dafür der richtige Akteur war.

Afghanistan: „Armeen werden dafür ausgebildet, einen Krieg zu führen“

Was antworten Sie? War sie es?

Ich habe daran sehr starke Zweifel. Armeen werden dafür ausgebildet, einen Krieg zu führen, nicht aber dafür, in einem ehemaligen Bürgerkriegsland Sicherheit zu schaffen. Da gibt es einen sehr großen Bedarf an polizeilichen Aktivitäten und viele Aufgaben in einem Zwischenbereich – zwischen Militär und Polizei. Darüber, welche Akteure und Instrumente tatsächlich benötigt werden, hat man in den 20 Jahren viel zu wenig nachgedacht. Der Einsatz in Mali steht etwa vor dem gleichen Dilemma.

Die Sicherheitslage ist desaströs und hat sich nach Angaben der Vereinten Nationen in jüngster Zeit sogar noch verschärft.

Richtig. Es gibt mehr Anschläge und mehr Tote. Die Sicherheitslage hat sich seit 2006/2007 permanent verschlechtert. Afghanistan gilt als das gefährlichste Land der Welt. Als Wissenschaftler muss ich allerdings auch die Gegenthese betrachten, dass es ohne die Nato vielleicht noch schlechter gelaufen wäre. Wir werden es nie wissen. Klar ist: Einen langfristigen positiven Ausschlag konnte die Nato nicht bewirken. Als Erfolg lässt sich festhalten, dass afghanische Spezialeinheiten gut ausgebildet sind. Aber in der Breite mangelt es an einer gut ausgebildeten Polizei. Da, wo die Bürger ihre erste Berührung mit dem Sicherheitssystem haben, herrschen Korruption und Klientelwirtschaft. In den Augen vieler Afghanen ist ein Polizist ein Bandit in Uniform.

Ein Maschinengewehrschütze einer Einheit der gegen die Taliban kämpfenden „Sangorian“.

Interventionsmächte in Afghanistan handeln nach dem Motto: „Augen zu und durch“

Vetternwirtschaft und Korruption sind nicht nur ein Problem der Polizei. Sie verhindern den Wiederaufbau eines funktionierenden Staatswesens.

Korruption ist ein ganz zentrales Thema in Afghanistan. Dieses Problem ist die internationale Gemeinschaft nie richtig angegangen. Das blieb auf der Strecke. Man hätte sich viel stärker etwa darauf konzentrieren müssen, auf lokaler Ebene die administrativen Fähigkeiten von Verwaltungen zu stärken.

Korruption ist auch Gift für demokratische Prozesse. Afghanistan hat – nach vielen massiv gefälschten Wahlen – nur eine Demokratiefassade. Haben die Interventionsmächte weggeguckt oder das Spiel sogar mitgespielt? Ihr Demokratieversprechen haben sie jedenfalls nicht eingelöst.

Sie haben beides gemacht. Bei Wahlmanipulationen haben sie nach dem Motto gehandelt: Augen zu und durch. Bei der Zusammensetzung der Loya Jirga, der verfassunggebenden Großen Ratsversammlung, haben die Vereinten Nationen und die USA stark mitbestimmt, wer auf jeden Fall dabei sein sollte. Immer wieder wurden demokratische Prinzipien außer Kraft gesetzt. Dass Aschraf Ghani Präsident wurde, haben mehr oder weniger die USA durchgesetzt. Die einfachen Afghanen hatten andauernd das Gefühl: Auf der einen Seite wird Demokratie gepredigt, auf der anderen Seite sind die internationalen Akteure nicht viel demokratischer als viele Warlords.

Zur Person

Conrad Schetter ist Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC, Bonn International Center for Conversion). Er ist Professor an der Universität Bonn.

Geografie und Geschichte hat er studiert und über „Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan“ promoviert und sich über „Ordnungsmuster gewaltsamer Konflikte“ habilitiert. Von 1999 bis 2013 war Schetter am Zentrum für Entwicklungsforschung und ist bis heute assoziiertes Mitglied.

Seit mehr als 20 Jahren forscht er zu Interventionspolitik, zivil-militärischer Kooperation, Ethnizität, Umweltwandel und translokaler Migration. Vor allem beschäftigt er sich mit der Rolle von Gewalt an der Schnittstelle von Entwicklungs- und Sicherheitspolitik – mit besonderem Fokus auf Afghanistan.

Mehrfach hat er schon Ministerien beraten wie auch humanitäre und Entwicklungsorganisationen. dac

Blicken wir noch einmal auf die Errungenschaften im Bereich Menschenrechte, etwa bei der Bildung von Mädchen und Frauenrechten. Wie stabil sind sie?

Überhaupt nicht stabil. 20 Jahre sind ein kurzer Zeitraum, um Verbesserungen zu institutionalisieren. Mühsam aufgebaute Strukturen können schnell wieder wegbrechen. Die Zivilgesellschaft steht auf sehr wackligen Füßen. Und sie steht unter Beschuss – nicht nur von den Taliban. In den vergangenen Monaten mussten wir in Kabul viele Anschläge auf Frauen in höheren Positionen erleben: auf Politikerinnen, Journalistinnen oder Richterinnen. Die Täter wollen die Uhr wieder zurückdrehen.

Afghanistan: „Ja, die Kluft wird größer“

Der Konflikt zwischen Moderne und Tradition ist auch ein uralter Stadt-Land-Konflikt. Täuscht der Eindruck, dass er sich zuletzt verschärft hat – auch durch ein gewachsenes Selbstbewusstsein in urbanen Milieus?

Der Stadt-Land-Gegensatz war seit der Gründung des Staates Ende des 19. Jahrhunderts stets bestimmend. Durch die internationale Intervention nach dem 11. September 2001 wurde Kabul noch mehr zu einem Ort der Moderne. Für viele Menschen ist die Stadt ein Hort von Freiheit, Demokratie und gesellschaftlichem Wandel. Das restliche Afghanistan blieb davon abgehängt. Vor diesem Hintergrund würde ich sagen: Ja, die Kluft wird größer.

Das klingt sehr pessimistisch.

Ja, es fällt schwer, optimistisch zu sein. Einige meinen, die jungen, gut ausgebildeten Afghanen wird man nicht wieder mundtot machen können. Sie sind die Zukunft des Landes. Andere sagen, diese Menschen werden Afghanistan verlassen, wenn sich der Konflikt zuspitzt. Die zentrale Frage ist: Wie kann man sie im Land halten?

Was kann die Bundesrepublik dafür tun?

Es gibt die ganz große Sorge, dass Hunderttausende Afghanen das Land verlassen, wenn keine Perspektiven geschaffen werden. Von denen würde dann ein beträchtlicher Teil vor den Türen Europas landen. Für Europa – und da spielt Deutschland eine Vorreiterrolle – ist es daher wichtig, in das Land zu investieren und den Menschen zu sagen: Es wird sich nicht wiederholen, was ihr 1992 nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes erlebt habt. Es wird alles dafür getan, dass der Bürgerkrieg nicht zurückkehrt und dass er langfristig eingehegt werden kann. Deshalb wird man weiter viel Geld in das Land pumpen.

Afghanistan: Taliban sehen sich auf dem Weg zum Sieg

Nach vier Jahrzehnten Gewalt hat die Mehrheit der Bevölkerung noch nie Frieden erlebt. Wie müsste ein echter Friedensprozess aussehen?

Von den Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA waren die afghanische Regierung und das Gros der Bevölkerung ausgeschlossen; das im Februar 2020 geschlossene Abkommen wurde durchgepeitscht. Ein Friedensprozess braucht aber viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen – und zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Es reicht nicht aus, wenn nur die Eliten miteinander sprechen. Es braucht lokale Leuchttürme der Versöhnung. Das Problem ist: Die Taliban sehen sich auf dem Weg zum Sieg und glauben, dass sie bald das ganze Land kontrollieren können. Frieden wird es aber nur geben, wenn sich alle darauf einlassen.

Welche Folgen wird der Nato-Abzug für den weltweiten Kampf gegen Drogen haben?

In Afghanistan werden 90 Prozent des Heroins weltweit produziert. Die Intervention hat es in den 20 Jahren nicht geschafft, die Drogenökonomie zu überwinden. Nun steht zu befürchten, dass sie weiter wachsen wird, die Preise werden fallen. Heroin wird für Drogenabhängige auf Europas Straßen billiger werden. Dieser Punkt zeigt: Was in Afghanistan geschieht, hat auch Auswirkungen auf Deutschland.

Wenn sich der Westen militärisch zurückzieht, weitet er in Afghanistan den Raum für die Einmischung anderer Staaten. Was erwarten Sie?

Es gibt zwei Konflikte, die in Afghanistan immer wieder ausgetragen wurden: der Streit um Kaschmir zwischen den verfeindeten Staaten Indien und Pakistan und die Konkurrenz zwischen dem Iran und Saudi-Arabien um die Vorherrschaft im Mittleren Osten. Afghanistan bietet sich für solche Stellvertreterkriege an, weil diese mit niedrigen wirtschaftlichen Kosten und geringen politischen Risiken verbunden sind. Die Gefahr ist groß, dass diese beiden Regionalkonflikte wieder in Afghanistan entlang ethnisch-religiöser Linien ausgetragen werden: Schiiten gegen Sunniten, Paschtunen gegen Nichtpaschtunen. Ein Game-Changer könnte eventuell China sein, das großen Einfluss auf Pakistan hat. Peking hat wegen seiner Seidenstraßeninitiative ein großes Interesse daran, dass in Afghanistan Ruhe einkehrt. Es wird interessant sein zu sehen, ob sich China als Vermittler einbringen und versuchen wird, die Regionalmächte unter Kontrolle zu bringen, die sich in Afghanistan einmischen. (Interview: Karin Dalka)

Rubriklistenbild: © WAKIL KOHSAR/AFP

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