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Elternzeit? Geht so manchem am Hintern vorbei.

Elternzeit

Friede, Freude, Elternzeit?

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Vor elf Jahren wurde das Elterngeld eingeführt. Inzwischen nehmen sich ein Drittel der Väter die berufliche Auszeit, um bei den Kindern zu sein und ihre Partnerin zu entlasten. Ein Grund zum Feiern? Oder Anlass zu fragen, was die übrigen abhält?

Was für ein Konzept! Gut, der Name ist nicht besonders spektakulär, seine Wirkung offenbar umso mehr! Denn mit dem Elterngeld wurde nicht bloß ein Anreiz für Väter geschaffen, sich ein paar Monate um den Nachwuchs zu kümmern, ohne an die Arbeit denken zu müssen. Nein, mit dem im Jahre 2007 eingeführten Elterngeld scheint Vater Staat ein großer Wurf gelungen zu sein. Hat es doch „dazu geführt, dass sich soziale Normen verändert haben und ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden hat“. Darüber hinaus hat es „einen Startpunkt gesetzt, von dem aus sich Familien auf den Weg gemacht haben, entsprechend ihren Vorstellungen zu leben“. Und weil aller guten Dinge drei sind, darf noch etwas pathetisch hinzugefügt werden: „Die Einführung des Elterngeldes löste unter den Vätern eine kleine Kulturrevolution aus.“

Gesellschaftlicher Wandel also. Ein Leben nach eigenen Vorstellungen. Eine kleine Kulturrevolution. In der Bilanz, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) voriges Jahr nach dem ersten Jahrzehnt Elterngeld vorgelegt hat, wird nicht mit großen Worten gegeizt. Sämtliche Zitate im ersten Absatz stammen aus dem Bericht, der neben besagten Schwärmereien auch ein paar erfreuliche Grafiken präsentiert. So lässt sich etwa an apricotfarbenen Balken ablesen, dass 2008 jeder Fünfte Vater in Elternzeit ging, während es 2014 bereits 34 Prozent waren. Tendenz weiter steigend, wie der 2018 veröffentlichte „Väterreport“ des BMFSFJ belegt.

Und während also immer mehr Väter für eine gewisse Zeit ihr Arbeitspensum reduzieren oder komplett aussteigen, hat das Elterngeld auch „eine dynamische Entwicklung bei der Erwerbstätigkeit von Müttern“ angeschoben. Von jenen Müttern, deren jüngstes Kind zwischen einem und acht Jahren alt ist, haben 55 Prozent mindestens einen Teilzeitjob – 2006 waren es nur 47 Prozent. Also auch der Ansatz, Mütter nicht nur zu entlasten, sondern ihnen auch Zeit zu geben, sich über ihre berufliche Zukunft Gedanken zu machen, hat Früchte getragen. Jetzt gibt es mit dem ElterngeldPlus sogar die Möglichkeit, nach dem Prinzip „Zeit gegen Geld“ die Elternzeit in Kombination mit einer reduzierten Wochenarbeitszeit zu verlängern.

Also, mehr Väter in Elternzeit und mehr Frauen, die arbeiten – ist doch alles in Ordnung. Oder etwa nicht?

Nehmen wir den erwähnten gesellschaftlichen Wandel. Das Bild ist schon allein deshalb schief, weil das Elterngeld nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft eine Veränderung der Lebenswirklichkeit hin zu mehr Selbstbestimmung und mehr Zeit für die Familie bedeutet. Einen sehr, sehr kleinen Teil: Es sind jährlich nicht einmal zwei Prozent der Gesamtbevölkerung, die es beziehen. Und obschon es erfreulich ist, wenn sich für diese etwas verändert, so ist das noch lange kein gesellschaftlicher Wandel. Da braucht es mehr als 186 250 Väter, die im Sommer 2017 in Elternzeit waren!

Zumal der Wille, Gutes zu bewirken, ja auch nicht zwingend Gutes hervorbringt. Es mag sein, dass wieder mehr Mütter erwerbstätig sind, aber die Zahlen belegen auch, dass vor allem jene Frauen zu Hause bleiben, die eher wenig verdienen. So haben im Jahr 2014 von jenen Frauen, die vor der Geburt des Kindes zwischen 500 und 1000 Euro verdient haben, gut ein Fünftel das Elterngeld bezogen, während es in dieser Einkommensgruppe 5,3 Prozent Männer waren. Bei höheren Einkommen ist es umgekehrt: In der Gruppe jener, die mehr als 2770 Euro verdienen, beziehen ein Viertel der Männer, aber nur 7,6 Prozent Frauen das Elterngeld.

Sicher, diese Zahlen belegen, was ohnehin bekannt ist: Dass Paare sich die Elternzeit auch leisten können müssen. Doch über den Faktor Geld hinaus beeinflusst auch die gesellschaftliche und unternehmerische Akzeptanz der Elternzeit die Entscheidung der Paare, wie sie diese Auszeit gestalten – und mit welchen Konsequenzen. Denn während Männer eine gewisse Achtung erfahren, wenn sie zwei Monate in Elternzeit gehen, wird Frauen selbst aus einer kurzen Babypause ein Strick gedreht.

So hat eine im Herbst veröffentlichte Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin gezeigt, dass die Länge der Elternzeit für eine Frau bei späteren Bewerbungen tatsächlich von Nachteil sein kann. Aber nicht in dem Sinne, dass je länger die genommene Elternzeit einer Frau, desto unattraktiver ist sie als Arbeitnehmerin, sondern genau umgekehrt. Für die Studie wurden 700 fiktive Bewerbungen von Frauen verschickt. Erfahrung und Qualifikation der Bewerberinnen waren identisch, einzig die Länge der Elternzeit unterschied sich. Das Ergebnis: Frauen, die nur zwei Monate Elternzeit genommen hatten, wurden seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als jene, die ein Jahr pausiert hatten. Mit einem Experiment im Anschluss fand das Team um die Wissenschaftlerin Lena Hipp außerdem heraus, dass Mütter, die sich eine längere Auszeit nehmen, als warmherziger, intelligenter, weniger intrigant wahrgenommen werden und daher auch bessere Führungspersönlichkeiten seien. Hieße um Umkehrschluss? Genau.

Und der Mann? Die Berliner Studie befasste sich auch mit den Auswirkungen der Länge der Elternzeit auf die Bewerbungschancen von Männern. Und belegt: Es gibt keine. Offenbar besteht da in Personalabteilungen Nachbesserungsbedarf.

Relativiert werden müsste auch der Begriff der eingangs erwähnten „Kulturrevolution“, die das Elterngeld unter Vätern ausgelöst haben soll und von der International Labour Organization (ILO) „als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen des 21. Jahrhunderts“ ge priesen wird. Natürlich gibt es Männer, die nicht nur die zwei Partnermonate nehmen, sondern sieben oder sogar zwölf Monate in Elternzeit gehen. Und die danach sicher bestätigen, was der „Väterreport“ hervorhebt: Dass Männer nach der Elternzeit ein innigeres Verhältnis zu ihren Kindern haben. Diese „aktiven Väter“ berichten auch „von einer Steigerung des eigenen Wohlbefindens und der eigenen Zufriedenheit“. Von einer Kulturrevolution dürfte man aber schon erwarten, dass sich mehr ändert als nur das Gefühl. Andererseits: Die Frauen profitieren laut Väterreport natürlich auch, da „aktive Väter starke Partner sind und sie wirksam in ihrer beruflichen Entwicklung unterstützen“.

Dennoch: Die Mehrheit der Männer nimmt keine Elternzeit – und zwar aus verschiedensten, meist nachvollziehbaren Gründen. Manche haben Angst, ihr Arbeitgeber könnte sie von der Liste der zu Höherem Berufenen streichen. Andere sind zu dem Ergebnis gekommen, sich eine Auszeit nicht leisten zu können. Wieder andere geben unumwunden zu, dass sie ihren Job einfach zu gerne machen und deshalb auf die Auszeit verzichtet haben. Dafür hätten sie aber nach der Geburt des Kindes ein bisschen kürzer getreten und ihre Frauen unterstützt. Es gibt ihn also, den positiven Nachhall. Und im besten Falle eben nicht nur für den Mann.

Da fällt es auch nicht so sehr ins Gewicht, wenn eine Gruppe von Männern das Nützliche mit dem Schönen verbindet. Beim Statistischen Bundesamt werden diese mit amüsiertem Unterton als „Sommerväter“ bezeichnet. Und tatsächlich sind die Balken der Grafik, die den Väteranteil der Jahre 2015 bis 2018 aufschlüsselt, im dritten Quartal eines jeden Jahres deutlich höher, mitunter sieben Prozentpunkte. Ein Schelm, wer hier Eigennutz unterstellt. Oder müsste man nicht eher sagen: Recht haben sie, die Sommerväter!? Wenn schon Auszeit, dann doch, wenn‘s draußen warm ist.

Der Sommer ist also die Win-Win-Jahreszeit für alle. Nicht wenige Familien erfüllen sich in der Zeit den Traum von einer längeren Reise; es soll auch Väter geben, die in ihrer Elternzeit ein Haus gebaut haben. Aber auch hier darf eingeworfen werden: Und wenn schon? Elternzeit und Elterngeld sind, wir erinnern uns, „ein Startpunkt, von dem aus sich Familien auf den Weg gemacht haben, entsprechend ihren Vorstellungen zu leben“. Und sofern sich Frau und Mann einig sind, können sie diese Zeit so nutzen, wie es ihrer Vision vom Leben als Familie am ehesten entspricht. Oder diese Zeit nutzen, um eine Vision zu entwickeln.

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ haben im Frühjahr drei Frauen von ihren Erfahrungen in der gemeinsamen Elternzeit berichtet. Was alle als durchaus heilsamen und positiven Effekt beschreiben ist die Einsicht der Männer, dass so ein Tag mit Kind sehr ausgefüllt ist – und deshalb auch mal Wäsche liegenbleibt und kein Brot im Haus ist. Nichtsdestotrotz stellt die Autorin Alexandra Zykonov jüngst etwas zerknirscht in der „Brigitte“ fest, dass selbst ihre emanzipierten Freundinnen nach der Geburt des ersten Kindes in die sogenannte Retraditionalisierungs-Falle getappt sind. Sie leben die Klischees, die sie immer vermeiden wollten – und reden das nicht nur sich selbst gegenüber klein.

Dieser „Konsensfiktion“ genannte Effekt wird noch verstärkt von jener kleinen Gruppe von Männern, denen wohl auch nicht mit noch mehr (Eltern-)Geld beizukommen sein wird. Die ihre „Komfortzone Job“ nicht verlassen, weil Kinder so unberechenbar sind und manche Frauen ihre Rolle einfach nicht teilen wollen. Die gibt es, glaubt man einem der Autoren des Portals vaterfreuden.de, der ein wenig gestrig erklärt: Ein Mann verliere eben „schnell die Lust daran, sich zu Hause zu beweisen“, wenn er es seiner Frau nicht recht machen kann. Familie ist eben vermintes Terrain, jede vermeintliche Ordnung höchst fragil, da kann die Lust, sich zu beweisen, schon mal in Frust umschlagen. So was kommt auf der Arbeit nicht vor, da zählt das Wort als Vorgesetzter, da kann die Bürotür geschlossen werden. Da hat Mann auch mal seine Ruhe.

Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. Denn auch wenn Begriffe wie „gesellschaftliche Wandel“ und „kleine Kulturrevolution“ ein bisschen hoch gegriffen sind, so ist nach elf Jahren Elterngeld deutlich geworden: Alle müssen sich bewegen, Mütter, Väter, Arbeitgeber. Auch, weil Elterngeld und leidenschaftliche Diskussionen um Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf jahrhundertealte Strukturen nicht einfach auflösen werden. Aber: Der Anfang ist gemacht.

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