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Luisa Neubauer und Jakob Blasel beantworten in der Bundespressekonferenz Fragen zu den Schülerstreiks für Klimaschutz - und machen anschließend ein Selfie.

Fridays for Future

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  • Thorsten Fuchs
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Junge Klimaaktivisten vernetzen sich global für einen weltweit einmaligen Protesttag.

Es passiert wieder einmal alles gleichzeitig. Luisa Neubauer steht in einem Fahrstuhl in Berlin-Mitte und möchte in ein Vollkornbrot beißen, aber das geht jetzt nicht. Das Handy brummt, und vor ihr hat sich ein Kamerateam in den Aufzug gequetscht. „Wie ist dein Tag hier?“, fragt der Fernsehreporter. „Ganz gut bisher“, antwortet Neubauer. „Es geht heute darum, zur richtigen Zeit die richtigen Sachen zu sagen.“

Neubauer, 22, ist so etwas wie das deutsche Gesicht der Fridays-for-Future-Bewegung. Sie weist dieses Etikett regelmäßig zurück, weil es bei den Schülerstreiks für Klimaschutz ja darum geht, dass es Tausende Gesichter an vielen Orten gibt, die diese Bewegung Woche für Woche vorantreiben. Die meisten dieser Gesichter hat Neubauer nie gesehen. Immer sonntagabends schalten sich die Aktivisten zur Telefonkonferenz zusammen, es sind mehr als 70 Teilnehmer, die voneinander nur die Stimmen kennen.

„Wir sind die erste international über die sozialen Medien vernetzte Jugendklimabewegung“, sagt sie später im Gespräch. Neben ihr sitzt Jakob Blasel, 18-jähriger Schüler aus Kronshagen bei Kiel. In zwei Wochen schreibt er seine erste Abiturklausur: „Ich bestreike sozusagen meine Abi-Vorbereitungen“, sagt er. Er wirkt entspannter als Luisa Neubauer, ein bisschen ist er in Berlin in ihrem Schatten unterwegs.

Die Vernetzung hört nie auf

Beide sitzen an diesem Morgen in der Bundespressekonferenz vor der blauen Wand, dort, wo sonst Kanzlerin, Bundesminister oder deren Pressesprecher Fragen der Hauptstadtjournalisten beantworten. Sie sagen die richtigen Sachen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach Spuren von Nervosität muss man lange suchen in ihren offenen Gesichtern. „Wir wollen die Europawahlen zu Klimawahlen machen. Keine Partei wird von uns Stimmen bekommen, die keinen ausreichenden Plan für Klimaschutz hat.“ Luisa Neubauer, die lange in der Grünen Jugend aktiv war, schiebt hinterher: „Das betrifft jede Partei.“ Danach machen Neubauer und Blasel Selfies vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz, schicken sie sofort auf ihre Instagram-Kanäle. Jeder Schritt wird dokumentiert für die Aktivisten da draußen. Die Vernetzung hört nie auf.

Am heutigen Freitag werden die Klimastreiks, die die Schwedin Greta Thunberg Ende vergangenen Jahres mit ihrem einsamen Protest vor dem Parlament in Stockholm begründet hat, erstmals global. 1650 Kundgebungen sind in etwa 105 Ländern geplant, allein in Deutschland soll es knapp 200 Proteste geben, sogar tief im Braunkohleland in Cottbus. Die Bewegung wächst rasant – und wird immer unübersichtlicher.

In Berlin hat Luisa Neubauer es zwischen Anrufen und Interviewfragen geschafft, ihr Brot zu essen. Abgeklärt berichtet sie, wie ihr Streitgespräch mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Morgen abgelaufen ist. Es ist bei Weitem nicht ihr erstes mit einem Kontrahenten dieser Kategorie. „Das ist eine ganz spannende Dynamik, die sich ein bisschen wiederholt“, sagt sie. Es ist einer der Sätze, an denen am meisten auffällt, wie sehr sie Profi geworden ist in den vergangenen Monaten. Vielleicht war sie es auch vorher schon, als Jugendbotschafterin für die Entwicklungsorganisation One hat sie ähnliche Treffen hinter sich.

Die aktuelle Bewegung hat schon jetzt eine ganze Reihe sehr junger und schon bemerkenswert professioneller Organisatoren hervorgebracht. Als seien die Zukunftsfreitage auch eine Art Trainingslager für angehende Aktivisten. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Klare Worte für ihr Anliegen: Aktivisten vor dem Landtag in Magdeburg.

In Tel Aviv wird Michael Bäcklund an diesem Freitag auf einem Platz stehen und seine erste große Rede halten. Vor 500 bis 1000 Schülern. Jedenfalls schätzt er, dass es so viele sein werden, und hofft, dass es noch mehr werden, aber genau prophezeien kann er es nicht, wie auch, es hat dort ja niemand Erfahrung damit. „Es wird der erste Klimastreik in der Geschichte des Mittleren Ostens“, sagt Bäcklund. Und er organisiert ihn mit. Man sieht ihm die Anstrengung an. Bäcklund sitzt in einem neonbeleuchteten Klassenraum seiner Schule in Mazkeret Batya, einer Kleinstadt zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Blaues Shirt, die dunklen Haare an den Seiten kurz, oben länger, so spricht er beim Interview via Skype in die Kamera seines Handys. Er wirkt müde und zugleich euphorisch. „Die letzte Nacht war die erste seit langem, in der ich immerhin mal wieder fast sechs Stunden geschlafen habe“, sagt er. Kopfschmerzen habe er dennoch. „Aber wenn man das Ergebnis sieht, dann ist es großartig, dann hält es einen wach.“ Das Ergebnis ist, dass israelische Schüler jetzt auch dabei sind. Das ist auch sein Werk.

Erlebnisse als Initialzündung

Bäcklund ist also gerade mal 16 Jahre alt. Dennoch ist es nicht mal die erste Umweltaktion, die er mitbegründet hat. Es begann vor eineinhalb Jahren. Damals zogen seine Eltern mit ihm von Finnland nach Israel. Für Bäcklund war das zunächst ein Schock. „Ich kam von einem der saubersten Länder der Welt in eines der schmutzigsten.“ Wobei schmutzig hier so viel bedeutet wie sorglos im Umgang mit Plastik. „Überall gibt es Tüten, überall fliegt Kunststoff herum“, erzählt er. Das wollte er ändern. Auf Instagram gründete er die Aktion „Plastikfreies Israel“, bei der Jugendliche zum Beispiel Fotos von dem Müll posten, den sie eingesammelt haben. 1700 Menschen machen mit. Die Organisation hat er mittlerweile an andere abgegeben, es wurde ihm zu viel, „ich wollte mich auf den Streik konzentrieren“, sagt er in seinem makellosen Englisch, das er unter anderem in nationalen Debattenwettbewerben geschult hat.

Bäcklunds Eltern sind Juden, deshalb zogen sie nach Israel. Er selbst bezeichnet sich als Atheist. Es ist nicht seine Sache, Dinge einfach hinzunehmen. Bäcklund gehört zu jener neuen jungen Generation, die politisch wieder weit engagierter ist als ihre Vorgänger, eine Generation, die sich gerade für die Umwelt einsetzt. Sie stehen für Überzeugungen, planen Aktionen, sind über soziale Medien weltweit vernetzt. Für den Start ihres Engagements sind oft persönliche Erlebnisse verantwortlich. Ein Anblick, von dem klar ist, dass man ihn nicht hinnehmen will. So wie die Plastiktüten bei Bäcklund. Oder der Rauch bei Rebecca Hamilton.

Es war im vergangenen Sommer, wie jedes Jahr verbrachte die 16-Jährige die Ferien auf einer Insel vor der Küste Kanadas, nur war diesmal etwas anders. Tage-, sogar wochenlang brannten wegen der Trockenheit die Wälder. „Der Rauch war so dicht, dass man das Festland nicht mehr sehen konnte“, sagt sie. „Da wurde mir wieder klar, wie real der Klimawandel ist.“ Hamilton lebt in Vancouver. 16 wurde sie erst vor ein paar Tagen. Sie hat kurzes Haar, ein freundliches Lächeln und keine Spur von Verbissen-, wohl aber von Entschlossenheit. Seit Dezember macht sie bei den Freitagsstreiks mit. Greta, sagt sie, sei auch in Kanada bekannt, wenn auch nicht so sehr wie in Europa.

Bisher machen 32 Städte in ihrem Heimatland mit, aber es könnten noch mehr Schüler sein, meint sie. Die Kälte, dazu die Schwere des Themas, „wir reden über Katastrophen, über Tausende von Toten“, das halte manchen ab. Für Freitag bereitet sie deshalb eine Kunstaktion vor, mit Farbbändern, auf die man etwas schreiben kann. Und sie und ihre Mitstreiter denken schon mal weiter. In Kanada sind im Sommer Wahlen. „Wir fragen davor alle Politiker: Was ist euer Plan, was wollt ihr für das Klima tun?“ Die Zeit vor Wahlen ist eine gute Zeit, um gehört zu werden. Das wissen Hamilton und ihre Mitstreiterinnen. Sie sind jung, aber sie kennen die politischen Mechanismen.

Greta zieht die Massen an

„Die Politiker kommen auf uns zu“, sagt auch Bruna Lopes. „Aber wollen sie auch etwas ändern?“ Die 17-Jährige lebt in Porto, im Norden Portugals. Früher war sie bei den Pfadfindern und sammelte mit ihnen das Plastik von den Stränden. Jetzt organisiert sie im internationalen Willkommenskomitee die Kontakte zu neuen Ländern, die sich den Streiks anschließen wollen, gerade steht sie im Mail-Kontakt mit Schülern aus Mexiko und China. „Wir sind alle durch dasselbe Ziel verbunden“, sagt sie. Und für dieses Ziel nimmt sie viel in Kauf. Eigentlich reitet sie und spielt Klavier. Aber seit sechs Monaten hat sie nicht mehr auf ihrem Pferd gesessen, Klavier spielt sie nur mal kurz, wenn bei ihren Treffen zufällig eines in der Ecke steht.

Der Klimaprotest, so viel ist klar, ist bislang ein durchaus bürgerliches Projekt. Er hat seinen Ursprung in den Hamburger Elbvororten, wo Neubauer aufgewachsen ist, oder in den besseren Vierteln Portos. Und eher nicht in den Banlieues von Paris.

Der Freitag wird der bisherige Höhepunkt der Proteste, ihr Ende soll er noch lange nicht sein. In zwei Wochen wird Greta Thunberg nach Berlin kommen, ihr Auftritt wird Tausende in die Hauptstadt ziehen. Und genau das sei auch nötig, glaubt Neubauer.

Von politischer Naivität sind sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter trotz der Jugend weit entfernt. „Es gibt für uns keinen Grund, darauf zu vertrauen, dass die Regierung irgendwas einhält“, sagt die Deutsche. Und da klingt sie kaum anders als Lopes, die Portugiesin. „Dass die Politiker uns reden lassen, aber dass nichts passiert“, sagt sie, „das ist ein Gedanke, der mir regelrecht wehtut.“

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