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Ein Bild der FfF-Gründerin Greta Thunberg in einem Maisfeld in Selm nahe Dortmund.

Fridays for Future

„Ihr Erwachsenen verkackt es die ganze Zeit“

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Hochmotiviert und optimistisch: Auf einem Sommerkongress in Dortmund arbeiten Hunderte junge Klimaschützer an ihrer Zukunft.

Update vom 18. September 2019: Fast 500 Demonstrationen sind bundesweit geplant: Am kommenden Freitag, 20.9.2019, findet der mittlerweile dritte globale Klimastreik von „Fridays for Future“ statt.

Die Schule vermisst Jakob Bachmann in diesen Tagen zwar nicht. Aber trotzdem sitzt er in den Sommerferien in einem Klassenzimmer, hört zu und gestaltet Plakate. Mit ihm drängen sich etwa 30 andere Jugendliche in dem engen Raum der Wilhelm-Busch-Realschule in Dortmund. Was hier abläuft, hat jedoch wenig mit Unterricht zu tun. Die Jugendlichen arbeiten an einer Selbstreflexion ihrer Bewegung – über „Fridays for Future“, kurz FfF: Welche Probleme gibt es? Welche Lösungen sehen sie für die Zukunft? Nach einer kurzen Ansage von Moderator und Moderatorin dürfen die Gruppen in dem Klassenraum ihre Ergebnisse vorstellen. Keiner unterbricht den anderen, es sei denn, die Teilnehmer überziehen das Zwei-Minuten-Limit.

Diese Workshops sind nur ein Teil des FfF-Sommerkongresses, der in dieser Woche in Dortmund stattfindet. Etwa 1600 Jugendliche zelten dort noch bis zum Sonntag auf Wiesen im Revierpark Wischlingen. Es ist eine Art Festival, nur mit Sojamilch anstelle von Bier und mit Biogemüse statt Dosenravioli. Auf der Bühne stehen keine Musiker, sondern Schüler, Studenten und Wissenschaftler, die Vorträge halten. Auch Eckart von Hirschhausen, der bekannte Arzt, Komiker, Moderator und neuerdings auch Klimaaktivist, war beim Auftakt der Veranstaltung dabei.

Die Hälfte der aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmer sind unter 18

Am Kongress teilnehmen kann jeder, empfohlen wird eine Spende von 40 Euro für Essen, Unterkunft und Programm. Nur die klaren Regeln der Organisatoren müssen befolgt werden. „Auf dem gesamten Kongressgelände herrscht ein absolutes Rauchverbot“, lautet einer der elf Punkte des Verhaltenskodexes, den alle Teilnehmer unterschreiben müssen. Etwa die Hälfte der aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmer sind unter 18, es sind mehr Mädchen und Frauen als Jungen und Männer. Der Sommerkongress ist ein offener und vielfältiger Ort. Ohne große Vereinbarungen „gendern“ alle Teilnehmer konsequent: Ruft die Küche nach Helfer*innen, melden sich die Teilnehmer*innen freiwillig.

Der Anlass für dem Sommerkongress? „Wir wollen die Leute untereinander vernetzen. Wir kennen uns ja nur über Whatsapp und Telefonkonferenzen“, sagt Pressesprecher Hanno Merschmeyer. Der Kongress solle aber auch eine Antwort liefern auf die Frage, wie es nach gut einem halben Jahr Schülerstreiks in den Sommerferien weitergehen soll. Pause für die Bewegung? Nein. „Wir sind weiter präsent“, lautet die Antwort.

Die jungen Aktivisten formulieren sechs Kernforderungen

Fragen nach der Langfristperspektive für Fridays for Future gibt es fast schon seit der Gründung der Bewegung im vergangenen Dezember – und zwar vor allem von außerhalb. Doch die Bewegung hatte Bestand, sie wuchs sogar von Woche zu Woche. Und sie entwickelte sich auch inhaltlich weiter. So formulierten die jungen Aktivisten zum Beispiel sechs Kernforderungen, wie Deutschland seine Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen erfüllen kann – darunter einen Kohleausstieg bis 2030, die sofortige Einführung einer CO2-Steuer und den schnelleren Ausbau der Öko-Energien.

Immer mehr Gruppen haben sich mit den Jugendlichen solidarisiert. Auch Wissenschaftler, Sportler, Eltern und sogar Lehrer bildeten „For-Future“-Bewegungen. Und zuletzt, bei der Freitagsdemo in Berlin, rief der Suchmaschinenbetreiber Ecosia andere Unternehmen dazu auf, bei dem für den 20. September geplanten „Großstreik“ mitzumachen.

Fridays for Future gilt als eine der am schnellsten wachsenden Bewegungen, die es je gab. Doch natürlich geht es in Dortmund auch um die Frage: Was passiert mit der Bewegung nach dem Sommer? Wie sieht sie in Zukunft aus? Läuft sie sich bald tot? Eine Reihe der 150 Workshops auf dem Kongress sollten darauf Antworten finden. „Feminismus und Empowerment bei FfF“, „Klimawandel und Ernährung“ oder „Who’sForFuture: Wer sind unsere Verbündeten im Kampf für die Zukunft?“ sind die Titel von Veranstaltungen, die den Weg der Bewegung definieren sollen.

Eine Bühne beim Sommerkongress in Dortmund.

Die Parteien jedenfalls seien keine Verbündeten, stellt Pressesprecher Merschmeyer klar. „Wir sind immer noch überparteilich. Wenn uns Parteien unterstützen wollen, sagen wir nicht nein. Aber wir geben auf keinen Fall eine Gegenleistung.“ Schließlich wolle die Bewegung in Sachen Klimaschutz Druck auf die gesamte Politik ausüben. Bündnisse mit anderen Klimaschutz-Organisationen hingegen seien vorstellbar, bisher aber noch nicht geplant.

Als potenziellen Verbündeten sieht sich zum Beispiel der Aktivist Tadzio Müller, einer der Mitbegründer der „Ende-Gelände“-Bewegung, die im Hambacher Forst protestierte, und Referent für Klimagerechtigkeit bei der linksparteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Zukunft bedeutet für uns alle mehr als die bloße CO2-Reduktion“, arbeitet er als Workshop-Leiter mit den Teilnehmenden heraus. Die Zukunft müsse nicht nur ökologisch sein, sondern auch soziale Gerechtigkeit bringen, sagt eine Schülerin.

Müller sagt, denkbar sei eine Art „Unteilbar for Future“ – inspiriert von den Demonstrationen des vergangenen Jahres, bei der Migranten, Feministen, Homosexuelle und Klimaschützer zusammen auf die Straße gingen. Für ihn ist klar: „Unter der moralischen Führung von FfF werden wir in den nächsten Jahren die ersten Schritte in Richtung einer lebenswerten Zukunft machen.“ Doch es lauerten auch Gefahren für die Bewegung, räumt Müller ein. Denn jede Bewegung komme an den Punkt, an dem Forderungen nicht erfüllt würden. Das sei vermutlich bei der Sitzung des Klimakabinetts im September der Fall, bei dem sich die Bundesregierung auf die nächsten Schritte zum Klimaschutz einigen will.

FfF-Aktivisten alles andere als frustriert

Doch bisher erscheinen die FfF-Aktivisten alles andere als frustriert. In Dortmund wirken sie alle motiviert, stehen für ein gemeinsames Ziel ein und glauben eher, dass die eigene Bewegung noch wachsen wird. „Ich werde meine Kräfte verwenden, um noch mehr Druck zu machen“, sagt zum Beispiel Ragna Diederichs, Mitorganisatorin des Kongresses.

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Umstritten ist, ob der Personenkult um FfF-Gründerin Greta Thunberg zu groß ist. Wenn Thunberg zum UN-Klimagipfel nach New York segelt, werde das überall in den Zeitungen, dem Fernsehen und den Online-Medien berichtet, moniert in Dortmund Aktivistin Natalia. Doch in der Bewegung gebe es viele, die trotz ihres starken Engagements von den Medien nicht beachtet würden.

Beim Sommerkongress sei das glücklicherweise anders. Wer hier viel organisiere, werde auch gewürdigt, lobt die Schülerin. Interessanterweise steht die in Deutschlands Medien sonst vielzitierte FfF-Aktivistin Luisa Neubauer während des Kongresses nicht für Interviews bereit.

„Greta“ dient der Bewegung als Symbol

Für viele Kongressbesucher ist der „Personenkult“ indes nicht nur nachvollziehbar, sondern auch notwendig. „Es ist leider nie möglich, dass alle in die Öffentlichkeit kommen“, sagt Organisatorin Diederichs. „Greta“ diene der Bewegung als Symbol und nicht dazu, sie als Heilige zu feiern, meint auch Müller. „Sie steht für Radikalität und die Aussage: „Ihr Erwachsenen verkackt es die ganze Zeit.“

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Dass die Sterne für den langfristigen Erfolg von Fridays for Future gut stehen, glaubt der Sozialwissenschaftler Sebastian Haunss vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung – gerade auch nach dem Kongress. FfF habe sowohl eine lokale als auch eine überregionale Struktur und erhalte viel Unterstützung aus der Öffentlichkeit. Das sei essenziell für jede Bewegung.

Wer schwänzt hier? fragt unser Autor Arno Widmann

Einer der Erwachsenen, der es mit den Jugendlichen nicht „verkackt“ hat, ist von Hirschhausen. Als der bekannte Moderator die Bühne betritt, grölen die Jugendlichen. „Die Klimakrise ist die größte Gesundheitskrise der Menschheit“, deklamiert Hirschhausen.

Doch die Bewegung werde wachsen: „Es gibt immer mehr Menschen, die denken, wir müssen nicht nur das Klima retten, sondern unseren eigenen Arsch.“

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