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Fretterode wirkt idyllisch.
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Fretterode wirkt idyllisch. (Archiv)

Thüringen

Fretterode-Prozess: Ortstermin beim Neonaziführer

  • VonJoachim F. Tornau
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Im Fretterode-Prozess um den rechten Überfall auf Journalisten in Thüringen schaut das Gericht ganz genau hin.

Es riecht ein wenig streng nach Landleben, Hühner picken, am Zaun schubbert sich ein Wildschwein, Fachwerk überall. So ähnlich stellt man sich ländliche Idylle vor, doch was in Fretterode wahr wurde, ist eher der völkische Wohntraum im Grünen. Neben dem Gittertor, das den Zugang zum mächtigen Gutshaus im Herzen des kleinen Dorfs versperrt, lässt sich in großen Lettern lesen, wer hier wohnt: Thorsten Heise, der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD, der Kameradschaftsführer, Konzertveranstalter, Onlinehändler. Einer der einflussreichsten Strippenzieher am rechten Rand.

Vor seinem Anwesen im äußersten Nordwesten Thüringens nahm im April 2018 ein Geschehen seinen Ausgang, das Heises Sohn Nordulf H. und seinen politischen Ziehsohn Gianluca B. auf die Anklagebank brachte. Die beiden Neonazis sollen zwei antifaschistische Journalisten, die zu Recherchen in Fretterode waren, erst mit dem Auto gejagt, sie dann mit Baseballschläger, Traktorschraubenschlüssel und Messer brutal angegriffen und ihnen schließlich die Fotoausrüstung geraubt haben.

Überall findet sich Polizei in den Dorfgassen

Am Dienstag wollte sich das Landgericht Mühlhausen bei einem Ortstermin einen persönlichen Eindruck von den örtlichen Gegebenheiten verschaffen. Ein sehr besonderes Ereignis, nicht nur für das Dorf mit seinen weniger als 200 Einwohner:innen, in dem an diesem Mittag fast jedes Sträßchen von einem Polizeiwagen bewacht wird: Dass Gerichte bereit sind, ihre Verhandlungssäle zu verlassen, geschieht äußerst selten.

„Von der Strafkammer wird eine sehr umfassende und gründliche Beweisaufnahme durchgeführt“, lobte denn auch Nebenklageanwalt Sven Adam, der einen der beiden betroffenen Journalisten vertritt. Was die Verfahrensbeteiligten im Einzelnen besprachen, als sie im strömenden Regen das Heise-Haus umrundeten, ließ sich allerdings nur erahnen. Die zwei Dutzend Zuschauer:innen – angereist allesamt, aus dem Dorf ließ sich niemand blicken, auch Thorsten Heise nicht – mussten fünf Meter Abstand einhalten, da waren bloß Bruchstücke aufzuschnappen.

Heises Sohn demonstriert, wo er damals vor seinem Elternhaus gestanden habe

Klar aber wurde: Es ging darum, von wo die Journalisten ihre Fotos gemacht hatten – und ob das auch ohne teure Digitalkamera und großes Teleobjektiv möglich gewesen wäre. Denn das ist der Strohhalm, an den sich die Verteidigung klammert: Weil die mutmaßlich geraubte Fotoausrüstung nie gefunden wurde, soll es sie überhaupt nicht gegeben haben. Ließe sich das Gericht darauf ein, bliebe Nordulf H. und Gianluca B. zumindest eine Verurteilung wegen schweren Raubs erspart. Allein dafür beträgt die Mindeststrafe fünf Jahre Haft.

Doch wie Nebenklagevertreter Adam im Anschluss berichtete, fiel die Betrachtung von Fotos und Örtlichkeiten so eindeutig aus, dass die Strafkammer auf das Angebot, spontan Vergleichsaufnahmen mit verschiedenen mitgebrachten Kameras zu machen, gar nicht mehr einging. Und noch in einem weiteren Punkt wurde die Verteidigungsstrategie durch den Ortstermin erschüttert. Die Angeklagten behaupten, dass ihre Widersacher versucht hätten, Nordulf H. zu überfahren – und dass sie ihnen lediglich hinterhergefahren seien, um deren Autokennzeichen festzustellen.

Nun sollte der junge Neonazi demonstrieren, wo er damals vor seinem Elternhaus gestanden habe. Er stellte sich mitten auf die gepflasterte Dorfstraße, wenige Meter von der Stelle entfernt, an der die Journalisten geparkt hatten. Trotzdem behauptete der 22-Jährige weiterhin, das Kennzeichen nicht erkannt zu haben. Adam hatte dafür hinterher nur ein einziges Wort übrig: „lächerlich“.

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