+
Rainer Michel, 75, veranstaltet in einer Görlitzer Synagoge regelmäßig Lesungen.

Wahlen im Osten

„Fremdenhass ist mir fremd“

  • schließen

West-Rentner in Görlitz: Der Kulturschaffende Rainer Michel über das Erstarken der Rechten

Sie leben in einem Land, in dem am Sonntag 27,5 Prozent der Wahlberechtigten AfD gewählt haben. Wie geht es Ihnen damit?
Es verunsichert mich. Denn so etwas habe ich mir in meinem Leben nicht mehr träumen lassen. Ich habe ja noch die letzten Hitler-Jahre miterlebt und erlebt, wie Nazitum an der Uni oder zu Hause propagiert wurde. Jetzt erkenne ich plötzlich manches wieder und frage mich: Warum? Also dass man über bestimmte Sachen nicht redet oder Dinge beschönigt, die nicht zu beschönigen sind. Außerdem kenne ich ja aus Köln diese Bands, die unter dem Motto „Arsch huh, Zäng ussenander“ (Kölsch für „Arsch hoch, Zähne auseinander“) Anfang der 90er Jahre Musik gegen Rechtsextremismus gemacht haben. In Köln gibt es Stadtteile, in denen nur Türken leben. Das fand ich immer ganz spannend. Jetzt sind plötzlich Ängste vor Fremden da. Mir ist das fremd.

Hat die Wahl die Lage verschärft?
Erst mal ist es positiv, dass es so eine hohe Wahlbeteiligung gab. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Das ist toll. Außerdem sind die Republikaner und die NPD irgendwann auch wieder verschwunden. Was mich beunruhigt, ist, dass der AfD-Kandidat bei der letzten Oberbürgermeisterwahl Polizist ist. Der Einfluss der Partei reicht also bis in den Beamtenapparat hinein. Das ist problematisch.

Als Sie nach Görlitz kamen, war das alles noch nicht erkennbar?
Ich habe es nicht so empfunden. Da gab es die AfD ja auch noch gar nicht. Die ist erst in den letzten fünf bis sechs Jahren entstanden. Das Schlimmste war, dass Michael Kretschmer 2017 nicht mehr in den Bundestag kam, weil er von einem AfD-Kandidaten abgelöst wurde. Da haben meine Freunde aus dem Westen Görlitz plötzlich nicht mehr mit geklauten Autos verknüpft, sondern mit der AfD und den Rechten.

Was haben Sie denen gesagt?
Da kannste gar nicht viel sagen. Ich konnte nur sagen, dass mir das auch fremd ist. Es ist schwer, damit umzugehen. Das Miteinander hier ist jedenfalls nicht einfacher geworden. Dabei spielt die Ablehnung von „Fridays for Future“ ebenso eine Rolle wie die Demokratieverachtung, die Europaskepsis und der Rassismus, obwohl es hier kaum Ausländer gibt. Wenn ich mit manchen Leuten über diese Themen rede, dann schimpfen die sofort. Die sagen dann, ich sei ein Gutmensch. Nur weil ich sage, dass uns Flüchtlinge doch helfen könnten. Manchmal weiß man auch gar nicht, wo jemand steht. Das ist dann oft so ein Abtasten. Smalltalk klappt nicht mehr – außer mit denen, mit denen man auf einer Linie ist. Das finde ich saublöd. Wie früher an der Uni. Da wurde auch über bestimmte Sachen nicht geredet. Und es gab noch Nazi-Literatur. Das ist alles plötzlich wieder da.

Fühlen Sie sich als Westdeutscher in einem ostdeutschen Umfeld jetzt unwohl?
Nein, so möchte ich das nicht sagen. Außerdem habe ich ja einen interessanten Ruf hier, weil ich eine Synagoge renoviert habe. Das finden manche gut, dass ich hier investiere. Die Leute sehen, dass ich kein Geld machen will, sondern Geld mitbringe. Da fühle ich mich überhaupt nicht unwohl. Es ist nur so ein Déjà-vu.

Werden Sie mehr als früher als Westdeutscher angesprochen?
Ja, und das sind dann sehr intensive Gespräche, weil die Leute mir erklären, warum sie sich als Bürger zweiter Klasse fühlen – weil sie niedrige Renten haben, weil sie als Lehrer nicht verbeamtet wurden, weil Führungspositionen nicht mit Ostdeutschen besetzt werden, weil sie nichts erben, weil nichts zum Erben da ist, oder weil sie bei der Bank keinen Kredit kriegen. Manche Westdeutsche treten hier überdies sehr arrogant auf. Die Kritik an all dem kann ich nachvollziehen. Ich kann aber nicht nachvollziehen, dass man deshalb eine Partei wählt, die sehr problematisch ist. Außerdem sage ich den Leuten, dass diese Partei ja maßgeblich von Wessis mitbestimmt wird, von Höcke, Gauland und Kalbitz. Dann werden sie immer böse.

Warum?
Weil die Partei in ihren Augen positiv besetzt ist. Der westdeutsche Einfluss passt dazu nicht.

Haben Sie schon mal erwogen, wegzugehen?
Nein, das habe ich nie. Das kann und will ich auch gar nicht. Denn dann müsste ich hier ja alles verkaufen. Und wie gesagt, ich habe eine große Schnauze. Manchmal ziehe ich mein T-Shirt an: „Arsch huh, Zäng ussenander“.

Aus Sehnsucht?
In Köln war die Solidarisierung gegen die Rechtsextremisten jedenfalls wunderbar. Deshalb sind sie da auch nie hochgekommen.

Interview: Markus Decker

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion