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Die Opfer des SS-Massakers von Hirzenhain sind seit 1960 im ehemaligen Kreuzgang des Klosters Arnsburg bestattet. Heute tragen die Gräber der 87 Toten den Text "Gestapo-Gefangener, ermordet am 26.3.1945 bei Hirzenhain".
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Die Opfer des SS-Massakers von Hirzenhain sind seit 1960 im ehemaligen Kreuzgang des Klosters Arnsburg bestattet. Heute tragen die Gräber der 87 Toten den Text "Gestapo-Gefangener, ermordet am 26.3.1945 bei Hirzenhain".

Die Freiheit war schon so nah

Kurz vor Kriegsende ermorden SS-Männer im Wald bei Hirzenhain 87 Gefangene und verscharren sie in einem MassengrabDer Krieg ist schon fast zu Ende, als SS-Hauptscharführer Emil Fritsch in Hirzenheim ein letztes Massaker befiehlt und selbst mitmordet. "Das mit den Russenweibern ist erledigt", sagt er hinterher. Sechs Männer und 81 Frauen, Gefangene des "Arbeits- und Erziehungslagers Hirzenhain", sterben, von einigen kennt man nicht einmal die Namen. Heute sind die Opfer in Kloster Arnsburg bestattet.

Von KARIN CEBALLOS BETANCUR (HIRZENHAIN)

Die Straßenkreuzung am Ortseingang von Hirzenhain markiert eine der Stellen, an der es anfing, den Punkt, an dem es hätte enden müssen, um gut auszugehen. Ohne Massenmord, um genau zu sein. Die Zeit für gute Enden war längst abgelaufen, im Frühling 1945. Links der Kreuzung heben Industrieanlagen aus rotem Stein den Schriftzug der Buderus-Werke in den Himmel, rechts ziehen Menschen in Trauerkleidung zur Kirche. Der Bahnhof ist nicht weit.

In der Nacht zum 24. März 1945 betreten 49 weibliche Häftlinge aus dem Frankfurter Polizeigefängnis Klapperfeldstraße den Bahnsteig von Hirzenhain. Auf dem Weg zum nahe gelegenen "Arbeits- und Erziehungslager" der Gestapo gelingt fünf Frauen die Flucht. Die anderen verbringen die Stunden bis zum Morgen im Wasserturm. Sie tragen Zivilkleidung. Sie sollen entlassen werden, bald, dem Arbeitsamt in Büdingen zur Verfügung stehen. An der Kreuzung von Hirzenhain, wo ihre Leichen später mit Genickschüssen bestattet wurden, steht heute eine Garage. Ein Plakat wirbt für die Neueröffnung eines Elektronikmarkts am 20. März. An diesem Tag, vor 60 Jahren, blieb 87 Gefangenen aus Hirzenhain noch eine knappe Woche Leben.

Hinter dem Bahnhofsgebäude zieht Walter von Rüden zum Gruß den Gartenhandschuh von den Fingern. Zwischen schwarzen Schotterwegen wächst Gras. Vom früheren Bahnsteig sind noch die steinernen Ränder zu sehen. Anstelle der Gleise führt ein Fahrradweg den Fluss entlang. Ob sich noch jemand für diesen Ort interessiert? Tausende hätten ihn hier schon besucht, sagt von Rüden. Nach dem Fernsehbericht in der Reihe "Hessens schönste Gärten", in dem es um das Bildhauerpaar Walter von Rüden und Christiane Kaiser ging und um ihre Skulpturen. Der Künstler sagt, er habe vom Massenmord der SS in nächster Nähe nichts erfahren, als er das Gebäude Anfang der 80er Jahre kaufte. "Ringsherum in den Gemeinden, natürlich, da heißt es: Du wohnst in Hirzenhain? Ist das nicht da, wo die... ?" Im Ort spricht kaum jemand darüber. Von Rüden sagt, dass man die Leute auch verstehen muss.

1943 kamen mit der Rüstungsproduktion die Zwangsarbeiter nach Hirzenhain. Die Breuer-Werke, eine Buderus-Tochter, ließ Teile für den Panzerbau fertigen. In drei Lagern waren zeitweise bis zu 1500 Arbeitssklaven inhaftiert. Ein Jahr später entstand das "Arbeits- und Erziehungslager Hirzenhain" unter Gestapo-Leitung. Haftgründe: Verweigerung des deutschen Grußes, Arbeitsverweigerung, Bummelei, Kontakt zu deportierten Zwangsarbeitern und Ausländern.

Am Nachmittag des 25. März werden männliche Häftlinge abkommandiert, um in 800 Metern Entfernung vom Lager am Waldrand eine Grube auszuheben. Neun Meter lang, vier Meter breit, 1,5 Meter tief. SS-Hauptscharführer Emil Fritsch erklärt einer Aufseherin: "Das wird ein Benzinlager." Die Gefangenen treten auf dem Hof im Regen an, während ein junges Mädchen mit einer Freundin am Waldrand entlang fährt. Drei Jahre später wird sie zu Protokoll geben, sie habe damals gesagt: "Pass auf, das gibt ein Massengrab, da kommen wir alle rein." Es habe ein Scherz sein sollen.

Wo die Landstraße in den Wald dringt, weist ein braunes Schild mit der Aufschrift "Gedenkstätte 180 Meter" nach rechts. Hinter geschlagenem Holz, das zu Bündeln gehäuft auf dem Waldboden liegt, steht ein Steinkreuz auf der Wiese, Stiefmütterchen in Kübeln, ein ewiges Licht ohne Kerze. Man kann die Häuser der nächsten Gemeinde sehen. "Hier wurde eine Stunde lang geschossen, und niemand will etwas gehört haben?" Frank Pötter schüttelt den Kopf. Er ist der Autor einer Broschüre, mit der die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Antifaschisten Gießen" 1980 erstmals eine umfangreiche Darstellung des Massakers vorgelegt hat. Er läuft ein paar Schritte den Acker herunter, blickt zu den Häusern am Horizont. "Das muss man gehört haben."

Am frühen Morgen des 26. März 1945 verlassen zwei Gruppen von Häftlingen das Lager. Statt bergab, Richtung Bahnhof, führen SS-Männer sie bergauf, Richtung Wald. Die Straße nach Glashütten wird für Fußgänger und Verkehr gesperrt. Ein SS-Kommando unter der Leitung von Fritsch zerrt die Gefangenen aus dem Wald, stößt sie in die Grube und erschießt sie mit gezielten Hüftschüssen. Sechs Männer und 81 Frauen. 87 Menschen. Zeugen berichten, Fritsch sei betrunken ins Lager zurückgekehrt, blutbespritzt, mit einer Flasche Cognac im Arm. Im Prozess, der für Fritsch sechs Jahre später mit dem Urteil "lebenslänglich" endet, wird sein Nachkriegsarbeitgeber über ihn sagen: "Er war stets pünktlich, fleißig und ehrlich und hat die ihm übertragenen Aufgaben zur Zufriedenheit ausgeführt." Am Vormittag des 26. März 1945 meldet Adjudant Wrede dem SS-Oberführer Trummler: "Die Angelegenheit mit den Russenweibern ist erledigt." Die SS zieht ab.

Wenige Tage später spaziert eine junge Frau durch den Wald bei Hirzenhain. Sie wundert sich über einen frisch gepflügten Acker, auf dem sie beim Laufen abrutscht. Später meldet sie: "Ich suchte mir einen Stock und stocherte im Boden herum. Es kam etwas zum Vorschein, das wie ein behaarter Ball aussah - immer mehr - immer mehr." Im April 1945 fordern bewaffnete Polen den Bürgermeister von Hirzenhain auf, Männer zur Öffnung des Massengrabs zur Verfügung zu stellen. Einen Monat später werden die Leichen auf einem Grundstück am Ortseingang bestattet. In Stein lassen polnische Soldaten in vier Sprachen die Inschrift meißeln: "Hier ruhen in Frieden diejenigen, die die Schrecken der Konzentratioslager erlebt haben. Sie fielen unter den Hieben der Henker am 25. März 1945." Das Steinkreuz steht heute am Waldrand, die Texttafeln sind verschwunden.

1960 wurden die Toten erneut umgebettet, von Hirzenhain in die Kriegsgräberstätte im Kloster Arnsburg. Es hat lange gedauert, bis die Plaketten mit der Aufschrift "Ein unbekannter Kriegstoter" ausgetauscht wurden. Heute tragen die Gräber der 87 Toten den Text: "Gestapo-Gefangener, ermordet am 26.3.1945 bei Hirzenhain". Dass ihre Mörder der SS angehörten, ist erst seit wenigen Jahren einer Tafel am Rand des Gräberfelds zu entnehmen.

Am Volkstrauertag versammelt sich die "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS" (HIAG) in Arnsburg, um der ebenfalls dort bestatteten SS-Männer zu gedenken. Frank Pötter sagt, Ende der 70er Jahre habe ihre Kränze noch das Motto "Unsere Ehre heißt Treue" geziert. Das muss man nicht verstehen.

Serie: Chronik 1945

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