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Für die Freiheit in Gefangenschaft gestorben

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Von: Finn Mayer-Kuckuk

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Liu Xiaobo
Liu Xiaobo © rtr

Der chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist dem Leberkrebs erlegen ? und das politische China ist erneut ärmer geworden. Ein Nachruf.

Mit Liu Xiaobo ist ein Stück der Hoffnung auf ein freieres China gestorben. Der chinesische Friedensnobelpreisträger war 61 Jahre alt, als er am 13. Juli dem Leberkrebs erlag. Kurz vor seinem Tod hatte Liu noch den Wunsch geäußert, auszureisen. Die chinesische Regierung hat jedoch darauf bestanden, ihn als verurteilten Straftäter weiter unter Bewachung zu halten.

Liu war der prominenteste und zugleich einer der tapfersten der Regimekritiker, die sich in den vergangenen Jahren gegen den chinesischen Staat gestellt haben. Weil er nicht schweigen wollte, hat die Justiz ihn wie einen Schwerverbrecher behandelt. Im Jahr 2009 haben Richter in Peking den Schriftsteller zu elf Jahren Haft verurteilt. Sein Delikt: Er hat Artikel geschrieben, in denen er den Einparteienstaat kritisiert hat.

Liu hinterlässt seine Frau, die Dichterin Liu Xia. Sie hat ebenso tapfer gekämpft hat wie er selbst. Sie hat zwar nicht die politischen Aufsätze verfasst, doch sie hat immer eisern zu ihrem Mann gehalten. Liu Xia wurde in den langen Jahren seiner Haft zu seiner Sprecherin, stand selbst unter Hausarrest, litt unter Depressionen, musste alles mit durchleiden – doch sie hat eisern durchgehalten. Liu Xia ist die zweite Heldin dieser Geschichte.

Liu Xiaobo erwies sich als tragischer Held der Stunde

Sie war eine junge, Dichterin, hatte gerade erstmals einen Band mit Lyrik veröffentlicht, als sie sich in Liu Xiaobo verliebt hat – und er in sie, die „schönste Frau der Welt“, wie er sie sah. Das war in den Achtzigerjahren, sie war Mitte 20, er, fünf Jahre älter. Li Xiaobo setzte sich damals schon für Menschenrechte ein. Der damalige Reformkurs der Kommunistischen Partei gab ihm Hoffnung, etwas bewegen zu können. Er träumte von Meinungsfreiheit und einer offenen Diskussion über ein neues Chinas. In langen Gesprächen mit Gleichgesinnten beriet er Wege, die Verhältnisse zu ändern.

Dann kam das Jahr 1989. Das Bedürfnis nach politischer Selbstbestimmung war immer weiter gestiegen, die Sowjetunion öffnete sich. Die Studenten gingen in Massen für ihre Rechte auf die Straße. Panzer rollten durch Peking. Die Regierung ließ den Protest zusammenschießen. Junge Erwachsene lagen auf der „Straße des Langen Friedens“ in ihrem Blut.

Liu Xiaobo erwies sich als tragischer Held der Stunde. Er gehörte zur älteren Generation, hatte bereits promoviert, arbeitete als Hochschullehrer im Fachbereich Literatur. Er hatte die Demos mitorganisiert und Reden gehalten. Doch als klar wurde, dass die Regierung Gewalt anwenden wird, hat er den sicheren Abzug von Hunderttausenden Studenten vom Tiananmen-Platz verhandelt. Hinterher landete er für fast zwei Jahre im Gefängnis. Er verlor seine Stelle.

Vom Sterben der Jugendlichen war Liu tief erschüttert. „Du hast nicht auf die Ermahnungen der Eltern gehört, du bist aus dem kleinen Klofenster zu Hause hinaus, und als du mit hocherhobener Fahne zu Boden gingst, warst du erst 17. Ich aber lebe weiter, mit meinen 36. Weiterleben ist ein Verbrechen vor deinem Gespenst“, schrieb er 1991. Die Bilder von den Blutlachen, das Geräusch der Schüsse gingen ihm nicht aus dem Kopf.

Doch gerade das Trauma war Ansporn, nicht aufzugeben. Kurz nach seiner Entlassung fing er an, eine Zeitschrift mit dem Namen „Demokratisches China“ zu leiten, die heute noch in einer Online-Version weiterlebt. Der Titel ist schlau gewählt: Die Volksrepublik versteht sich offiziell als Demokratie, auch wenn jeder weiß, dass keine freien Wahlen stattfinden. Nachdem er in seinen Artikeln unablässig für Meinungsfreiheit, unabhängige Richter und konkurrierende politische Parteien argumentiert hatte, steckte der Staat ihn 1995 erneut ins Gefängnis. Gleich im Anschluss musste er ins Arbeitslager.

„Nackte Füße tappen durch den Schnee
wie Eiswürfel fallen in ein Glas Schnaps
sturzbetrunken und irr
hängende Flügel von Krähen
unter dem endlosen Leichentuch der Erde
heulen schwarze lautlose Flammen.
Der Stift in der Hand, der auf einmal bricht
ein scharfer Wind durchbohrt den
Himmel“, beschrieb er damals seine Gefühle in einem Gedicht.

Liu Xia war am Boden zerstört, doch sie tat, was sie konnte, um ihren Mann zu unterstützen. Sie erwirkte das Recht, ihn zu heiraten. Die schlichte Zeremonie fand ihm Lager statt, doch sie gab den beiden künftig immerhin das Recht, sich zu sehen. Jeden Monat fuhr Liu Xia von Peking 600 Kilometer nach Nordchina, um wenige Minuten mit ihm zu verbringen und unter Aufsicht einige Worte mit ihm zu wechseln. Das ging drei Jahre so.

Von 1999 bis 2009 war Liu fast etwas überraschend für zehn Jahre frei. Die Polizei bespitzelte und piesackte das Ehepaar, doch immerhin lebten die beiden in Peking ein vergleichsweise normales Leben. Liu Xiaobo ergatterte einen Lehrauftrag und engagierte sich im chinesischen Ablegers des Schriftstellervereins PEN.

Die Polizei bespitzelte und piesackte das Ehepaar

Schon im Olympiajahr 2008 bahnte sich jedoch die nächste Katastrophe an. Liu Xia berichtet später, sie habe von Anfang an „kein gutes Gefühl“ mit der Charta 08 gehabt. In diesem Dokument stellten 303 Intellektuelle fest: „Chinas Bürgern wird klar, dass Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte universelle Werte sind und dass Volksherrschaft und Verfassungsstaat die Basis moderner Politik sind.“ China müsse den Reformprozess, der bereits hundert Jahre dauere, endlich abschließen und den „Traum unserer Väter“ von einer freien Gesellschaft wahrmachen. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Künstler Ai Weiwei.

Die Charta 08 rechnete auch mit der Partei und ihren Lügen ab. China sei in den „Abgrund des modernen Totalitarismus“ gestürzt. Das sogenannte „Neue China“ sei nur dem Namen nach eine Volksrepublik, in Wirklichkeit aber eine Einparteiendiktatur und kaum besser als das alte Kaiserreich. Das konnte Staatschef Hu Jintao nicht durchgehen lassen. Liu wurde noch vor der Veröffentlichung unter Arrest gestellt und 2009 zu der Gefängnisstrafe verurteilt, die er nicht überleben würde.

Liu Xia litt in diesen acht Jahren fast genauso viel wie er. Sie blieb unter Hausarrest, der Geheimdienst hörte ihr Telefon ab, Polizisten bespitzelten ihr Haus 24 Stunden am Tag, nur in Ausnahmefällen durfte jemand sie besuchen. Sie sah ihren Mann erst in diesem Frühjahr wieder für länger  wieder, als er bereits abgemagert und vom Tod gezeichnet am Leberkrebs litt.

Menschenrechtsaktivisten sehen ein Muster in der schlechten Behandlung der politischen Gefangenen in China. „Die Behörden haben keine Scheu, sie durch medizinische Vernachlässigung sterben zu lassen“, sagt Frances Eve von der Organisation Chinese Human Rights Defenders. Das sei zumindest die Wahrnehmung der Angehörigen. Vor Ort in China ist zu hören, dass Liu länger hätte leben können, wenn die Ärzte ihn früher behandelt hätten.

Liu hat sich 30 Jahre lang der allein regierenden Kommunistischen Partei entgegengeworfen. Da es, entgegen seiner Hoffnung, in China derzeit keine breite Basis für Widerstand gibt, standen er und einige wenige von Gleichgesinnten einsam da. Statt Vorreiter einer Bewegung zu sein, wurde Liu Xiaobo zum Märtyrer. Heute ist China so eng kontrolliert wie nie zuvor, der Staat weiß alles, sieht alles, steuert alles. Die Partei steht weit über dem Gesetz. International traut sich kaum noch ein Land, ihr Vorgehen zu kritisieren – aus Angst, das wirtschaftliche Wohlwollen zu verlieren.

Doch Lius Anstrengungen waren nicht vergebens. Sein Leben und sein Werk sind ein Stachel im Fleisch der Mächtigen. Seine Krankheit und sein Tod haben den Regierungsapparat noch einmal besonders nervös gemacht. Schon als er während der Lagerhaft den Friedensnobelpreis erhalten hat, waren die offiziellen Stellen erzürnt, zeigten sich aufgeregt, ließen ihre Propagandamaschine starke Worte absondern: Liu sei bloß ein gewöhnlicher Verbrecher, rechtskräftig verurteilt, China rede anderen Ländern auch nicht in die Justiz hinein.

Ein hilfsbereiter, hochmoralischer Mann

Daraus spricht das pure schlechte Gewissen. Liu war eben kein Verbrecher. Er war ein hilfsbereiter, hochmoralischer Mann mit einem besonders ausgeprägten Wertekompass hatte und viel Mut. So einen wie ihn könnten sich die Kommunisten in ihren Reihen nur wünschen. Die Machthaber sind gebildete Leute. Sie wissen, dass treue konfuzianische Gelehrte in der chinesischen Geschichte den Märtyrertod für ihre Werte gestorben sind, weil sie den Kaisern widersprochen haben. Die Gelehrten gelten im Rückblick als die Helden der geistigen Zivilisation Chinas, nicht die tyrannischen Kaiser. In konfuzianischen Tempeln sind ihnen Standbilder gewidmet.

In diese Reihe gehört auch der moderne Schriftgelehrte Liu Xiaobo. Sein Leben weist zudem verblüffende Parallelen zum dem des deutschen Literaten und Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky auf, den die Nazis in Haft an einer Krankheit sterben ließen, auch er durfte nicht nach Oslo reisen, um den Preis in Empfang zu nehmen. Wenn eines Tages das neue China wahr wird, von dem Liu geträumt hat, wird er in diesem Land so in Ehren gehalten werden wie von Ossietzky heute in Deutschland.

* Gedichte und Schriften zitiert nach „Liu Xiaobo: Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Ausgewählte Schriften und Gedichte“ , herausgegeben von Tienchi Martin-Liao und Liu Xia, Fischer 2013

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