_000_1WN364_140343
+
Wirft der britischen Regierung in London Rosinenpickerei vor: EU-Chefunterhändler Michel Barnier. YVES HERMAN/AFP

Brexit

Freihandel, Zollunion oder Binnenmarkt?

Wie eine Einigung zwischen Großbritannien und der EU aussehen könnte.

Von diesem Dienstag an verhandeln Großbritannien und die Europäische Union wieder über ein Anschlussabkommen nach der Brexit-Übergangsphase. Streit gibt es vor allem über die Fischerei und über gleiche Wettbewerbsbedingungen. Großbritannien hatte die EU Ende Januar verlassen. Noch bis Jahresende gehört das Land zu EU-Binnenmarkt und Zollunion. Was danach kommt? Beide Seiten wollen bis zum EU-Gipfel Mitte Oktober eine Einigung präsentieren können.

Falls am Ende der Verhandlungen kein Handelsabkommen steht, setzt London laut Premier Boris Johnson auf eine Vereinbarung „nach australischem Vorbild“. Johnson verkauft das den Briten als eine echte Option, tatsächlich aber folgt der Handel zwischen der EU und Australien bloß den üblichen Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Es wäre die geringste Form der wirtschaftlichen Kooperation – der „No-Deal-Brexit“. Ein Szenario, vor dem sich vor allem die britische Wirtschaft fürchtet, weil damit vom 1. Januar 2021 an Zölle und strenge Grenzkontrollen einhergingen.

Kritiker fürchten auch Mega-LKW-Staus an den Grenzen. Kühllager sind schon seit vielen Monaten vor allem für Lebensmittel ausgebucht. Britische Logistik-Organisationen warnen daher, dass eher über kurz denn über lang die Lieferketten zwischen der Insel und dem Kontinent stark gestört sein werden. Johnson wischte das in seiner blichen Art vom Tisch: „Wir sind natürlich auf alle Eventualitäten vorbereitet.“

Ohne Abkommen wird das Verhältnis zwischen EU und Großbritannien schwächer sein als etwa das der EU mit Südkorea, zwischen denen ein Freihandelsvertrag mit allerhöchstens verringerten Zöllen steht.

Die nächstengere Form der Zusammenarbeit wäre eine Zollunion. Dabei würden keine Zölle erhoben, Waren und Dienstleistungen könnten zwischen EU und Großbritannien frei fließen. Außerdem würde man gemeinsame Außenzölle erheben. Die EU und die Türkei bilden eine solche Union. Aus Sicht vieler Brexit-Fans gibt es dabei allerdings ein Problem: Großbritannien könnte keine eigenen Handelsverträge mit sogenannten Drittstaaten schließen, also mit Nicht-EU-Ländern.

Am stärksten bliebe Großbritannien an die EU gebunden, wenn man es beim gemeinsamen Binnenmarkt belässt. Solche Verträge bestehen mit Liechtenstein, Island und Norwegen. Dabei müssten die Briten wie bisher die Zuwanderung von EU-Bürgern akzeptieren, sich weiter nach EU-Gesetzen richten und Geld nach Brüssel überweisen. Für die Brexiteers unter Boris Johnson sind das rote Tücher, gegen diese Bedingungen haben sie den Brexit-Wahlkampf geführt.

Ex-Premier wird Berater

In den anstehenden Verhandlungen könnte ein Australier eine wichtige Rolle spielen: Seit Freitag ist der frühere australische Premierminister Tony Abbott Handelsberater der britischen Regierung. Der 62-jährige Konservative steht allerdings nicht nur wegen homophober und frauenfeindlicher Äußerungen oder seinen Zweifeln am menschengemachten Klimawandel in der Kritik. Australische Medien bemängeln auch, dass der frühere Premier weiterhin seine staatliche Pension bezieht, während er nun Großbritannien in Handelsfragen berät – wozu auch ein mögliches Abkommen mit Australien zählt. sbh/dpa/afp

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare