Nadija Sawtschenko nach ihrer Freilassung aus dem russischen Gefängnis.
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Nadija Sawtschenko nach ihrer Freilassung aus dem russischen Gefängnis.

Ukraine

Freigelassene Pilotin lässt sich feiern

  • Christian Esch
    vonChristian Esch
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Den russischen Richtern zeigte sie den Stinkefinger, ein Gnadengesuch lehnte sie ab. Jetzt ist die ukrainische Pilotin Nadija Sawtschenko trotzdem wieder frei.

Man kommt nicht als derselbe Mensch aus der Gefangenschaft, als der man einst in sie geriet. Zwei Jahre ist es bald her, dass die ukrainische Berufssoldatin Nadija Sawtschenko in russischer Kriegsgefangenschaft verschwand. Am Mittwochnachmittag betrat sie als freier Mensch wieder den Boden ihrer Heimat, umringt von Hunderten Kameras und Mikrofonen auf dem Kiewer Flughafen Borispyl. Und wie hat sie sich verändert!

Nicht, dass sie anders ausgesehen hätte, sie trug das weiße T-Shirt mit dem ukrainischen Dreizack aus Blumengirlanden, das man an ihr kennt. Nicht, dass sie anders geklungen hätte: derselbe Kasernenton, gemischt mit hehren Worten und trotziger Wut, eine Art betont raubeiniger Patriotismus. So ist die Pilotin auch aufgetreten, als man sie in Russland einem Schauprozess unterwarf. Verändert hat sich etwas anderes: was dieser Mensch für seine Umwelt bedeutet. Nadija Sawtschenko ist in Abwesenheit zur Kriegsheldin und zur Parlamentarierin geworden. Sie ist als Kämpferin in Gefangenschaft geraten. Jetzt kommt sie als Politikerin heraus. Sie ist ein Star auf dem Höhepunkt seiner Ausstrahlung. Sie ist alles, was eine enttäuschte, müde Gesellschaft braucht und sehen will. Ob das auf Dauer gut geht?

Sie sei sofort wieder bereit, im Kampf für eine bessere Ukraine zu sterben, bellte Sawtschenko am Mittwoch; sie werde alles geben, dass die noch inhaftierten Ukrainer in Russland freikämen; und sie entschuldige sich bei jenen Müttern, die ihre Kinder im Krieg verloren hätten, dafür, dass sie selbst noch lebe. Dann sprach sie kurz mit Julia Timoschenko, der Vorsitzenden der Vaterlands-Partei, die es nicht versäumen wollte, sich als Erste mit der gefeierten Heldin zu zeigen.

Kein Dank an Poroschenko

Aber Sawtschenkos Händedruck wirkte wenig freundlich, und auch beim anschließenden Empfang durch den Präsidenten samt Ordensverleihung gab sie sich kratzbürstig. Kein Wort des Dankes an Petro Poroschenko kam über ihre Lippen. Wütend sei sie, sagte sie dunkel und dankte nur dem Volk, das den Politikern erst Beine gemacht habe. Man spürte förmlich, wie sie nach zwei Jahren Einzelhaft sich gegen die Umarmungsversuche wehrt.

Die Freilassung am Mittwoch war erwartet und überraschend zugleich. Erwartet, weil sie als Austausch gegen zwei Russen in ukrainischer Haft erfolgte, die Soldaten Jewgeni Jerofejew und Alexander Alexandrow. Davon war lange die Rede gewesen: hier die Hubschrauberpilotin, die 2014 von Rebellen im Donbass gefangen genommen worden war und die ein Gericht wegen angeblicher Kriegsverbrechen zu 22 Jahren Haft verurteilt hatte; dort zwei Mitglieder einer Spezialtruppe der russischen Armee, die 2015 ebendort gefangen genommen und zu 13 und 14 Jahren Haft verurteilt worden waren.

Überraschend aber war der Austausch, weil bis zuletzt die Formalitäten unklar waren. Ein Begnadigungsgesuch, so hatte Sawtschenko immer deutlich gemacht, werde sie nie einreichen, sie sei ja unschuldig. Ohne Gesuch aber keine Begnadigung. Alternativ hätte Sawtschenko an die Ukraine ausgeliefert werden können, um die restliche Strafe dort abzusitzen, die Dokumente dafür waren vorbereitet. Aber da man Kriegshelden daheim nicht ins Gefängnis wirft, wäre diese Abmachung brüchig gewesen.

Die Gefangenen waren schon auf dem Rückflug nach Kiew und Moskau, als die Formalitäten bekannt wurden. Da nämlich erschien die Videoaufnahme eines Treffens von Wladimir Putin mit den Angehörigen jener zwei russischen Fernsehjournalisten, für deren Tod Sawtschenko in einem absurden Prozess verurteilt worden war. Zwei Frauen saßen da steif und stumm und ließen den Dank des Präsidenten über sich ergehen, dass sie um Sawtschenkos Begnadigung gebeten hätten. Diese Bitte, nicht eine der Verurteilten selbst, diente offenbar als Basis für den Gnadenerlass, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Für die russische Rechtspraxis wäre das außergewöhnlich. Umgekehrt war die Begnadigung der Russen durch Poroschenko nicht an ein Gesuch der Verurteilten gebunden, dafür war extra die Verfassung geändert worden.

Poroschenko dankte namentlich Angela Merkel, François Hollande und Barack Obama für ihre Hilfe bei der Freilassung Nadijas; tatsächlich war ihr Fall Dauerthema der Gespräche unter Einbeziehung Deutschlands und Frankreichs – noch Montagnacht gab es ein letztes Telefonat.

„Eine Unschuldige gegen zwei Schuldige zu tauschen, ist kein guter Handel“, hat Sawtschenko selbst einmal gesagt. Für die russischen Fernsehzuschauer allerdings war sie durchaus schuldig. Dies zu suggerieren, war eine der Funktionen des Gerichtsprozesses, der gegen sie geführt wurde.

Angeklagt wurde Sawtschenko einer Tat, die am Tag ihrer Gefangennahme passiert war. Am 17. Juni 2014 war ein Team des staatlichen russischen Fernsehsenders Rossija 1 zusammen mit Rebellen unter Artilleriefeuer geraten, Reporter Igor Korneljuk und sein Tontechniker Anton Woloschin starben. In derselben Gegend im Lugansker Gebiet kämpfte damals Sawtschenko – nicht in der regulären Armee, sondern in einer Freiwilligentruppe von zweifelhaftem Ruf. Dem nationalistischen Bataillon „Aidar“ wurden später Plünderungen und Misshandlungen vorgeworfen.

"Eine ukrainische G.I.Jane"

Die russische Seite merkte sofort, welche kostbare Beute ihr ins Netz gegangen war. Sawtschenko war bekannt als erste Hubschrauberpilotin der Ukraine, eine Art ukrainische „G.I. Jane“. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Moskauer Kreml-Verwaltung brachte sie nach Russland. In der kleinen Grenzstadt Donezk wurde ihr ein gutes Jahr später der Prozess gemacht. Sawtschenko, so die Anklage, habe das Artilleriefeuer extra auf die Journalisten gerichtet. Tatsächlich war sie zur Zeit des Beschusses schon in Gefangenschaft. Und dass die Angeklagte ins Nachbarland verschleppt worden war, verschwieg das Gericht; Sawtschenko habe aus eigenem Willen die Grenze überquert.

Aber der Prozess wurde ein Misserfolg für den Kreml; die Angeklagte fügte sich den Regeln nicht, trat ständig in Hungerstreik (freilich nicht ohne Flüssignahrung einzunehmen), zeigte den Richtern den Stinkefinger, gab sich überhaupt unfraulich und unbeugsam. Daheim wurde sie derweil ins Parlament gewählt, in der Rada hing hier Porträt von der Rednertribüne.

Wie anders die russischen Gefangenen in Kiew! Sie waren keine Fernsehstars. Auch sie waren im Lugansker Gebiet festgenommen worden, allerdings ein Jahr später, im Mai 2015. So wie Sawtschenko für Moskau, waren Alexandrow und Jerofejew für Kiew kostbare Beute. Sie waren ein lebender Beweis, dass Moskau Kriegspartei ist. Beide waren im Kampf verletzt und nannten als ihre Einheit die 3. Sonderbrigade der Spezialtruppen aus Togliatti, die dem Militärnachrichtendienst GRU untersteht. Auch Journalisten und OSZE-Beobachtern bestätigten sie ihre Armeezugehörigkeit. Es war umgekehrt das russische Verteidigungsministerium, das sich von ihnen lossagte: Sie hätten längst den Dienst quittiert und seien auf eigene Faust in den Krieg gezogen. Feldwebel Alexandrow war erschüttert, als er von einem russischen Journalisten erfuhr, dass sogar seine Frau im russischen Fernsehen diese Behauptungen wiederholt hatte.

Als Sawtschenko in Kiew von Anhängern gefeiert und vom Präsidenten ausgezeichnet wurde, landeten derweil Alexandrow und Jerofejew fast unbeachtet in Moskau. Es gibt stumme Aufnahmen, wie sie ihre Frauen umarmen. Zugelassen waren ausgewählte Journalisten. In den Fernsehnachrichten aber wurde nicht erwähnt, dass hier zwei eigene Soldaten befreit worden wären; die Rede war von „den Russen Alexandrow und Jerofejew“.

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