+
Die Männerriege auf Abruf fürs Kanzleramt ist weg - wie geht es weiter?

Merkels Ex-Erben

Freie Sicht auf eine neue CDU

  • schließen

Merkels Partei muss mehr schaffen, als drei Vize-Posten neu zu besetzen. Das künftige Gesicht der Union dürfte weiblicher und pragmatischer sein. Von Daniela Vates

BERLIN. Es ist ein Umbruch für die CDU, das steht außer Frage. Roland Koch zieht sich aus der Politik zurück, Christian Wulff rückt aller Wahrscheinlichkeit auf zum Bundespräsidenten, nun hat auch Jürgen Rüttgers seinen Rücktritt angekündigt. Es ist ihm nicht viel anderes übrig geblieben nach der verlorenen Nordrhein-Westfalen-Wahl, es war eigentlich nur noch eine Frage des Zeitpunkts.

Nun ist aber klar: Auf einen Schlag gehen der CDU drei ihrer mächtigsten und bekanntesten Politiker verloren. Auf dem Parteitag im November müssen drei der vier Vize-Parteichef-Posten neu besetzt werden. Nur Bildungsministerin Annette Schavan bleibt als Stellvertreterin weiter im Amt. Es gehen drei, die als mögliche Erben Angela Merkels galten - und die sich gleichzeitig so eifersüchtig belauerten, dass sie Merkels Regentschaft damit absicherten.

Es gehen zumindest zwei, die als wichtige Vertreter verschiedener Parteiflügel galten, obwohl das bei genauerem Hinsehen gar nicht zutraf: Koch wurde auch wegen seiner gelegentlichen ausländerfeindlichen Ausfälle den Konservativen zugerechnet, Rüttgers vermarktete sich geschickt als "Arbeiterführer". Wulff übernahm die Rolle des Stilkritikers: Er warf Merkel regelmäßig mangelnde Führungsfähigkeit vor.

Es gehen drei Politiker, die über Jahrzehnte in der CDU mitgemischt haben. Es verschwinden Gesichter, an die man sich gewöhnt hat. Der so genannte Anden-Pakt, das oft mythisch überhöhte Karriereförderungsbündnis ehemaliger Junge-Unions-Freunde, hat sein Ende gefunden. Zwar gehören ihm noch der künftige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier an und der Europaabgeordnete Elmar Brok. Aber die meisten anderen sind abgemeldet, neben Wulff und Koch auch der nach Brüssel abgeschobene bisherige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger, der glücklose Berliner Spitzenkandidat Friedbert Pflüger, der von Skandalen verfolgte Ex-Rheinland-Pfalz-Landeschef Christoph Böhr, der grollende Alt-Konservative und frühere brandenburgische Minister Jörg Schönbohm, der in die Autowirtschaft gewechselte Ex-Wirtschaftsminister Matthias Wissmann.

Natürlich ist es ein Verlust, wenn bekannte Köpfe gehen. Wie bei anderen Produkten ist auch in der Politik der Wiedererkennungswert ein Gut.

Es gibt für die CDU angesichts der desolaten Lage der Koalition viele Gründe zum Verzweifeln. Am ehesten muss die CDU den Rückzug von Koch bedauern - er war einer ihrer sachkundigsten Finanzpolitiker. Viele davon hat ausgerechnet die CDU mit ihrem Selbstverständnis als Partei der Wirtschaftsexperten nicht.

Auf Trab gebracht

Dennoch sind die Abgänge der drei Spitzen vor allem auch eine Chance für die Partei. Es wird die Sicht frei auf die nächste Reihe, auf die neue CDU. Christian Wulff hat von einem Generationenwechsel gesprochen. Das klingt, als träten Senioren ab und Berufsanfänger auf. So ist es nicht. Die neue Riege ist meist nur ein wenig jünger als die um die 50 Jahre alten Bislang-Ministerpräsidenten. Die neue CDU wird ein wenig jünger, vor allem aber wird sie weiblicher und offener, pragmatischer. Es ist meistens Angela Merkel vorgeworfen worden, dass die CDU sich in vielen Punkten nicht weiterentwickelt , dass sie vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik keine neuen Positionen entwickelt hat. Tatsächlich ist dies nicht nur ein Versagen Merkels, sondern auch ihrer Stellvertreter, die sich blockierten, Sachdebatten vermieden und letztlich beklagten, dass die Programmdebatte der Partei zu sehr zerfaserte.

Es ist nicht gesagt, dass das nun anders wird, die Möglichkeit für eine frischere, mutigere Auseinandersetzung allerdings gibt es. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich werden voraussichtlich stellvertretende Parteivorsitzende werden: Von der Leyen hat die CDU immer mal wieder auf Trab gebracht, Tillich bringt die Erfahrung der mitgliederarmen ostdeutschen Landesverbände mit. Umweltminister Norbert Röttgen wird in Nordrhein-Westfalen wohl keine Chancen haben, aber dafür im Bund umso mehr als Schwarz-Grüner wahrgenommen werden. Ob in dem wohl künftigen niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister mehr steckt als eine Wulff-Kopie und ein Redetalent, muss sich noch zeigen. In Baden-Württemberg wird der polterige Stefan Mappus für die CDU mehr Zugkraft haben als der vor sich hin stolpernde Oettinger.

Die CDU wird sich neu definieren. Auch Angela Merkel muss sich neu orientieren. Die alten Freund- und Feindbilder sind nun plötzlich weg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion