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Freie Radikale

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Von: Martin Benninghoff

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Auf den Rausschmiss folgt die Entfesselung: Reichelt im Jahr 2020 als „Bild“-Chefredakteur.
Auf den Rausschmiss folgt die Entfesselung: Reichelt im Jahr 2020 als „Bild“-Chefredakteur. © imago images/Jörg Schüler

Publizistinnen und Publizisten wie Julian Reichelt legen die Axt an die politische Kultur.

Ein Interview mit Julian Reichelt sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen. Auch Kurt Krömer nicht, der hochgelobte Comedian und Kabarettist, der in seiner RBB-Talksendung „Chez Krömer“ auf politjournalistischen Pfaden wandelt. Krömer ist offenbar der Ansicht, auf dem Zenit seiner Karriere mit allen Kalibern fertig zu werden. Selbst mit dem früheren Chefredakteur der „Bild“, der 2021 entlassen worden ist. Doch als Krömer Reichelt in seiner am Dienstag ausgestrahlten Sendung in die Enge drängen will, ihn mit allerlei gut gemeinten scharfen Fragen nach Presserügen und Kampagnenjournalismus der „Bild“ konfrontiert, aber kaum zu Wort kommen lässt, wirkt der gewöhnlich angriffslustige Reichelt wie ein armes Medien-Opfer, dem übel mitgespielt wird. Wie das Opfer eines linken Meinungsmachers im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Was Besseres hätte dem populistischen Scharfmacher Reichelt nicht passieren können. Das Bashing der Öffentlich-Rechtlichen gehört zum Werkzeug von Publizist:innen wie Reichelt. Der frühere „Bild“-Chef spielt virtuos auf dieser Klaviatur, erst recht, da nach seinem Rausschmiss bei Europas größtem Boulevardmedium sämtliche Hüllen zu fallen scheinen. Mit „Achtung, Reichelt“ gibt er sein radikales Comeback auf Youtube, immerhin mit mehr als 230 000 Abonnent:innen, die er regelmäßig in populistische Untiefen herabführt, in die seichten Gewässer des Boulevards, aber vor allem in die tiefen, dunklen Gräben seines libertären und populistischen Weltbildes. In steter Weltuntergangsstimmung: „Wir werden von Verrückten regiert“, heißt es dann, „und wer die Grünen kritisiert, bekommt es mit Staatsmedien zu tun, die um sich schlagen“.

Reichelt suggeriert einen immerwährenden Notstandsmodus und inszeniert sich selbst als letzte Instanz eines aufklärerischen Journalismus, der es den Öffentlich-Rechtlichen und überhaupt sämtlichen „Mainstream-Medien“ so richtig zeigt. Einen kritischen Bericht der Tagesschau-Redaktion zitiert er mit den Worten: „Die Tagesschau will nicht, dass Sie dieses Video sehen.“ Ein plumper, aber wirkungsvoller rhetorischer Trick, um Verschwörungsgläubige in ihrer Ansicht zu bestärken, dass Medien gesteuert seien, einer dunklen Agenda folgten und die Leser- und Zuschauerschaft von den Mächtigen in Politik und Medien gnadenlos manipuliert würden. Das muss er nicht näher ausführen oder konkreter belegen – solche Sätze wirken wie Chiffren, die in der Zielgruppe verstanden werden.

Reichelts Zutaten sind nicht neu, aber konzentrierter und kompromissloser als bei der „Bild“. Es ist ein Symptom, das vielen blüht, die aus etablierten Medienhäusern oft gegen ihren Willen ausscheiden, um sich dann als freie Radikale am Medienmarkt zu etablieren. Der konservative Journalist Roland Tichy ist nach seinen Engagements beim „Handelsblatt“ und der „Wirtschaftswoche“ mit seinem Debattenportal „Tichys Einblick“ nach rechts ausgebrochen, einer Plattform inklusive Printmagazin, die sich um das angebliche Versagen der Regierung, Massenmigration, unfähige Politiker:innen und Journalist:innen dreht. Reichelt aber ist viel schriller als Tichy – und schreckt nicht vor persönlichen Herabsetzungen zurück. Mit dieser Stoßrichtung vergiften Publizist:innen wie Reichelt nicht nur das politische Klima, sie legen die Axt an Grundsätze friedlicher Konflikte.

Lieblingsfeinde sind die Grünen, die praktisch für alles herhalten müssen, was der Rechten in Deutschland an Identitätspolitik missfällt. „Grüne Nichtskönner Lang, Nouripour & Co: Die faulsten Deutschen regieren das Land der Fleißigen“, titelt Reichelt. Ein klassisches Stilmittel aus dem Krawall-Boulevard, eine dualistische Einteilung von „Wir“ und „Die“, wobei sich Reichelt wie auch andere Populist:innen gerne im „Wir“ verorten. Was an sich ein schlechter Witz ist angesichts seiner Vita als langjähriger Chefredakteur beim Springer-Verlag. Mehr Establishment geht ja praktisch nicht. In diesem Duktus geht es weiter: „Sie bestimmen unser Leben. Aber sie wurden nie gewählt“, textet Reichelt, garniert mit Fotos des Virologen Christian Drosten, des RKI-Chefs Lothar Wieler, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EZB-Chefin Christine Lagarde.

So oder so ähnlich agitieren auch sogenannte alternative Medien, Blogs oder Youtube-Kanäle, die seit Jahren ihre Zielgruppen formen, aber oftmals unter der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle senden. Aber Reichelt lässt den FDP-Vize Wolfgang Kubicki zuschalten, der als selbsternannter Klartext-Politiker und Kneipen-Philosoph zwar zum Helden der Zielgruppe taugt, andererseits aber als Bundestagsvize die nötige Seriosität und Gravitas verströmt, die die Nischenagitatoren vom Schlage eines Ken Jebsen nicht mitbringen. Kubickis Auftritt adelt Reichelt, der erst auf Reichweite kommen muss.

Ein Politiker wie der Bundestagsvizepräsident sollte sich gut überlegen, ob jede Reichweite zugleich eine Bereicherung für die mediale Vielfalt ist. Oder ob es sich um ein simples Geschäftsmodell von Publizist:innen handelt, die im Kampf um Aufmerksamkeit immer radikalere Töne anschlagen.

Reichelt geht in dieser Beziehung schon steil. Aus Klima-Aktivist:innen werden Klima-Terroristen, die Gendersprache wird zum Beleg für die Kraft einer alles manipulierenden linksgrünen Minderheit stilisiert, die das gewöhnliche Volk nach Strich und Faden belüge. Die große Bandbreite der politischen Medien in Deutschland – vom „Neuen Deutschland“ und „taz“ bis zur „Jungen Freiheit“, von der FR zur FAZ – wird nicht zur Kenntnis genommen, ja geradezu negiert. Was zählt, ist das Feindbild: die Medien, die Politik, die Elite. Schwarz und Weiß, Gut, Böse.

Wohin das führen kann, ist in den USA zu beobachten. Das Phänomen Donald Trump ist nicht auf der grünen Wiese entstanden, sondern gedeiht auf dem Boden in Teilen rechtspopulistischer Medien wie Fox News oder Publizisten wie Tucker Carlson, der einst beim Sender CNN eine politische Talksendung moderierte – und dann aus dem System der von ihm kritisierten „Mainstream“-Medien fiel. Die politische Kultur der Vereinigten Staaten ist vergiftet, die unheilvolle Polarisierung zwischen klassischen Republikanern und den Trumpisten der Partei ein Symptom dieser Entwicklung. So weit ist Deutschland noch nicht. Aber die Saat ist gelegt – und könnte eines Tages aufgehen.

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