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Der Maidan in Kiew im Februar 2014: Bei den Protesten kamen damals über 100 Menschen ums Leben.

Ukraine

Der freie Fall der Ukraine

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Vier Jahre nach den Kämpfen auf dem Maidan ist den Menschen in Kiew nichts geblieben außer Enttäuschung und Zweifel. Eine Stadt zwischen Armut und Arbeitslosigkeit, Korruption und Krieg.

Zwischen den Zelten der Opposition und dem Parlament steht einsam ein graubärtiger Krimtatare und hält eine ukrainische Flagge in den frostgrauen Himmel. Darauf prangt „Bachtschyssarai“, der Name der einstigen krimtatarischen Hauptstadt. Die Fahne habe er schon vor vier Jahren getragen, erzählt Serwer Abybulajew, auf dem Maidan, beim Aufstand gegen den damaligen Staatschef Viktor Janukowitsch. „Einmal hat mir dort sogar Petro Poroschenko die Hand geschüttelt. Und ich sagte zu ihm: ,Lassen Sie uns, Herr Poroschenko, alle gemeinsam die Krim zurückholen.‘“ Poroschenko habe geantwortet: „Das werden wir.“

Aber Poroschenko, seit Mai 2014 ukrainischer Präsident, habe dieses Versprechen gebrochen, er habe alle Versprechen gebrochen, alle Grenzen der Unmoral überschritten, schimpft Abybulajew. „So einem kann man nur noch einen ehrlichen Tod wünschen.“ Einen ehrlichen Tod? „Allah möge mir verzeihen, aber das ist eine Messerklinge am Hals.“

Heute vor vier Jahren stürzten in Kiew proeuropäische Aufständische den russlandtreuen Janukowitsch, nach dreimonatigen Protesten auf dem Maidan, dem zentralen Platz der Stadt, nach Blutvergießen und Schießereien, in deren Verlauf über hundert Menschen starben. Aber die Sieger von damals fühlen sich betrogen, Poroschenko ist jetzt selbst heftig umstritten, seit Monaten campieren wieder Hunderte Regimegegner in einem Protestlager, diesmal direkt neben dem Parlament. Maidan-Veteranen, aber auch Obdachlose.

Zu den Revolutionsfeiern hat man eine riesige Plakatwand über dem Maidan gehängt: Darauf bersten Kettenglieder, der Slogan lautet ziemlich amerikanisch: „FREEDOM IS OUR RELIGION!“. Freiheit ist unsere Religion. Aber vielleicht soll das bombastische Bekenntnis zur Demokratie auch verdecken, dass in der Ostukraine blutiger Kleinkrieg herrscht, die Wirtschaft durchhängt, die Reformen klemmen, die Pressefreiheit wankt. Kiew ist wieder Hauptstadt sehr zweifelhafter Zustände. Und niemand hier weiß, ob es vor oder nach der Revolution lebt.

Kiew ist hip, jedenfalls seine Innenstadt. Im fröhlichen Gewirr der Autorencafes und Craftbier-Kneipen machen junge Leute Musik, ihre Texte sind meist ukrainisch. „Kiew berlinisiert sich“, sagt der Politologe Konstantin Batosky. Neue Bioläden, Modeschneidereien und IT-Büros machten auf, sie profitierten von dem Steuerprüfmoratorium, das Poroschenko für kleine und mittlere Unternehmen ausgerufen habe.

Aber gegenüber dem Hilton-Hotel steht ein Mütterchen und bietet riesige Frauenunterhosen feil. Die ukrainische Durchschnittsrente liegt unter 75 Euro pro Monat. Das Bruttoinlandsprodukt kletterte vergangenes Jahr offiziell um zwei Prozentpunkte nach oben. Allerdings sagt der deutsche Wirtschaftsanwalt Wolfram Rehbock, der seit über 15 Jahren in Kiew arbeitet, gemessen in US-Dollar sei das Wirtschaftsvolumen gegenüber 2013, der Zeit vor dem Maidan, um 50 Prozent geschrumpft. „Eine Vielzahl meiner Aufträge in der letzten Zeit waren Rückabwicklungen.“

Selbst das erfolgreiche Kiew ist arm. Der Computerdesigner Michailo Gafin teilt sich mit seiner Freundin eine möblierte Einraumwohnung in einem Backsteinwohnblock, für umgerechnet knapp 200 Euro, das Treppenhaus riecht, als hausten hier seit Generationen Katzen. Der Block seines Computers steht auf billigem Linoleumfußboden, neben einem sowjetisch aussehenden Altschrank. Michailo zeigt stolz die Webseiten, die er für Kiewer Schönheitssalons, russische Baufirmen und ukrainische Internetläden entworfen hat. 500 bis 5000 Dollar verdiene er im Monat, diesen Januar aber gerade 370 Dollar. „Die meisten Ukrainer haben gerade Geld für Brot, Butter und Wurst. Für meine Arbeit fehlt eigentlich die Zielgruppe.“

Auch Michailo riskierte 2014 auf dem Maidan Kopf und Kragen, aber heute, sagt er, würde er nicht mehr hingehen. „Was haben wir geändert? Einen Dreck.“ Poroschenko sei nicht zu trauen, seinen Gegenspielern auch nicht. Jetzt klickt Michailo nicht mehr von Firmenlogo zu Firmenlogo. Er klickt von Fotos, die die Revolutionsheldin Nadeschda Sawschtschenko in verdächtiger Nähe zu Einsatzpolizisten zeigen, zu Fotos mit mutmaßlichen Einschusslöchern auf den Bäumen am Maidan. Die darauf hindeuten, dass die Aufständischen aus dem Hotel Ukraina beschossen wurden, welches die Aufständischen selbst kontrollierten. Die Fotos riechen nach Verrat, findet Michailo. „Ich glaube niemandem mehr.“

Kampf gegen die Korruption gilt als gescheitert

Es gibt auch Kiewer, die loben Poroschenkos Gesundheitsreform, die – sehr zum Ärger der Ärzte – Schmiergelder durch Kassenhonorare ersetzen soll. Auch die Armee sei unter ihm halbwegs gut ausgerüstet worden. Aber nach jüngsten Umfragen wollen bei den Präsidentschaftswahlen 2019 nur 7,6 Prozent der ukrainischen Wähler für Poroschenko stimmen.

Der Kampf gegen die Korruption, eines der Hauptanliegen des Maidans, gilt als gescheitert, laut der amerikanischen Handelskammer in Kiew klagten 91 Prozent der ausländischen Unternehmer im Jahr 2017 über Schmiergeldforderungen. Poroschenkos Behörden behindern die Arbeit des neuen Antikorruptionsbüros, seine Gerichte verschleppen die Aufklärung der Todesschüsse auf dem Maidan, ebenso der Ermordung unliebsamer Journalisten. Seine Sicherheitsorgane stürmten die Redaktion der Oppositionszeitung Westi unter Einsatz von Tränengas. Und sie deportierten den zuvor von Poroschenko persönlich eingebürgerten georgischen Expräsidenten Micheil Saakaschwili, nachdem der lautstarke Antikorruptionsproteste organisiert hatte. „Poroschenko begeht die gleichen Fehler wie Janukowitsch“, schimpft der krimtatarische Blogger Aider Muschdabajew. „Janukowitsch steckte seine Lieblingsfeindin Timoschenko ins Gefängnis, Poroschenko jagt Saakaschwili aus dem Land.“

Politische Parteien sponsern Bataillone, die im Donbass gekämpft haben. Etwa das nationalistische Regiment Asow, das als Saalschutz der „Volksfront“ gilt, der Partei des liberalen Ex-Premiers Arseni Jazenjuks. Unklar, wie er die Kampfkraft der Asow-Mannen nutzen will.

Man sieht Kiew nicht die knapp 600 Kilometer entfernte Front an, an der täglich ukrainische Soldaten verwundet werden oder sterben. Aber unlängst erstach ein gerade von dort heimgekehrter Leutnant an einer Bushaltestelle einen Passanten. Der Krieg ist in den Köpfen, der Spielfilm „Cyborgs“, über die ukrainischen Verteidiger des Donezker Flughafen füllte wochenlang die Kinos.

Aleksei, Kunsttischler, Anfang 50, plaudert in einem vietnamesischen Imbiss erst über Langstreckenlauf, dann zeigt er auf seinem Handy Fotos vom letzten Aufklärungseinsatz seines Scharfschützentrupps im Donbass, einer der Kiewer, die in ihrer Freizeit Krieg führen. Ein Neujahrsurlaub Poroschenkos auf den Malediven, der nach Medienberichten 500 000 Dollar kostete, wurde zum öffentlichen Skandal. „Ob Herr Poroschenko wohl seinen Kampfanzug mitgenommen hat?“, höhnt der Blogger Stanislaw Retschinski. „Für alle Fälle?“

Der neue Präsident prasst wie der alte, Kiew lebt in einer Zeit der Enttäuschung, die manche als schmerzhaften Stillstand, andere als freien Fall empfinden. „Ich habe das Gefühl, wir stürzen ab“, klagt Ina Solotuchina. Journalistin des Oppositionsportals strana.ua, deren Chefredakteur wegen Erpressungsvorwürfen nach Österreich geflohen ist. „Und niemand weiß, wie hart der Aufprall wird.“

Weiße Rauchfahnen hängen über den Protestzelten

Viele Politologen zweifeln, dass die schlechte Stimmung in einen neuen Aufstand münden wird. Aber niemand will ihn ausschließen. Vor allem, wenn Poroschenko weiter in Janukowitschs Spur bleibt und selbst die Eskalation sucht. „Die Ukrainer mögen es nicht, wenn man sie schlägt“, sagt Konstantin Batosky. Schon der Maidan-Aufstand 2014 kam erst nach einem brutalen Polizeiansatz gegen Studenten in Fahrt.

Es dämmert. Weiße Rauchfahnen hängen über den Protestzelten neben dem Parlament. Es riecht nach feuchter Holzkohle, wie 2014 auf dem Maidan. Ein paar Männer stehen im Schnee und reden. „Was passieren wird?“, der Joga-Lehrer Alexei Kalaschnik überlegt. „Schwer zu sagen. Aber wissen Sie, von Zeit zu Zeit beseitigt jedes Bienenvolk seine Drohnen.“ Nur, beim nächsten Maidan würden die Aufständischen keine Deckung hinter Holz- oder Blechschildern suchen, wenn die Sicherheitskräfte aus automatischen Waffen das Feuer eröffnen. Sondern sofort zurückschießen.

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