+
„Im Laufe meines Lebens ist mir immer mehr aufgefallen, dass dieser Staat unsere körperliche Unversehrtheit nicht besonders schützt. “

Frei entfaltet

  • schließen

Unsere körperliche Unversehrtheit schützt dieser Staat nicht besonders, beklagt Andreas Maier.

Allgemeine und subjektive Beschreibung des Landes, in dem ich lebe (man sieht im Alltag ja manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht):

Die bundesdeutsche Verfassung hat zunächst einmal ermöglicht, dass ich bis heute lebe. Ich wurde in keinen Krieg geschickt (bin überdies ausgemustert, bei der Musterung erfuhr ich, dass ich eigentlich schwerbehindert sei), keiner/keine hat mir ein Messer in den Rücken gestochen, ich wurde nicht von einem auf den anderen Tag vergiftet. In solcher Hinsicht wird mir meine körperliche Unversehrtheit (Grundgesetz Artikel 2, Absatz 2) gewährleistet. Ich konnte meinen Beruf frei wählen, ich konnte meine sexuelle Orientierung beziehungsweise Desorientierung „frei praktizieren“. (Stichwort „freie Entfaltung der Persönlichkeit“, Artikel 2, Absatz 1). Das Wahlsystem und die Parteienlandschaft haben mich nie zu Begeisterungsstürmen hingerissen, allerdings würde mir auch kein besseres System einfallen, und in eine Partei eintreten möchte ich auch nicht. Das brächte nichts und würde mir meine „freie Lebensgestaltung“ eher zerrütten. Ich kann auch nicht sagen, dass das Leben des Großteils der Politiker, denen ich begegnet bin, Frauen wie Männer, mir sonderlich sympathisch gewesen wäre.

Schriftsteller Andreas Maier.

Die Bundesrepublik tritt militärisch nach außen nicht sonderlich aggressiv auf, was mir erst einmal gefällt, aber das Land ist dennoch alles andere als ein Paradies. Lobbyisierung, Waffenexporte, Durchökonomisierung aller Gesellschaftspartikel, das und anderes konnte unsere Verfassung nicht verhindern. Ungleichverteilung von Reichtum, Monopolisierung der Wirtschaftszweige et cetera, et cetera, all das wird ja ständig angesprochen und kritisiert, änderbar ist es nicht. Das gibt weder die Verfassung noch die Gesellschaft her. Beide sind miteinander aufgewachsen und immer miteinander verschränkt.

Andreas Maier zählt zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart, seine Werke wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Sein neuer Roman „Die Familie“erscheint am 17. Juni bei Suhrkamp.

Jetzt lebe ich in einer Welt, über die viele meinen, sie gehe sowieso den Bach runter, wir seien über den Punkt und hätten die Erde unumkehrbar vergiftet. Das kann man so sehen, allerdings ist das natürlich ein Prozess, hinter dem alle Industrienationen stecken. Eine Entökonomisierung, national beschränkt, und dann auch noch in Zeiten des Spätkapitalismus: undenkbar. Gar eine Entindustrialisierung? Wer solche Gedanken äußert, endet in der Klapsmühle. Diese Fragen zu beantworten, kann eine nationale Verfassung nicht leisten. Die Welt ist eben ein ständiger Prozess, und der Weg des Fortschritts und des Wachstums ein abschüssiger. Die Bundesrepublik als verfasster Staat ist dabei auf nicht viel andere Weise schuldlos beziehungsweise teilschuld als alle anderen auch.

So viel im Allgemeinen. Jetzt schaue ich mir den Staat mal aus der Mikroperspektive an: 1.12.2007. Ich bin 41 Jahre alt und fahre gerade mit dem Fahrrad vom Fußballgucken nach Hause („freie Entfaltung der Persönlichkeit“). Eintracht Frankfurt hat in Wolfsburg 2:2 gespielt. Es ist sechs Uhr abends und dunkel. Mein Licht ist an. Die Straßenlaternen sind es ebenfalls. In einer kleinen Straße fährt ein Auto frontal auf mich zu, gibt noch Gas und räumt mich ab (ebenfalls „freie Entfaltung der Persönlichkeit“). Ohnmacht, retrograde Amnesie, ich komme erst im Krankenwagen wieder zu mir. Der Mensch, der mich umgefahren hat („Hab den Fahrradfahrer nicht gesehen ...“) war mir persönlich nicht bekannt. Ich ihm auch nicht. Ob Mann oder Frau, tut nichts zur Sache. Schulterbruch, Fußzehen gebrochen, der Arzt sagt mir, als ich nach einer Woche aus dem Krankenhaus herauskomme: „Ob Sie den Arm nochmal höher als Schulterhöhe heben können, ist nicht so wahrscheinlich.“ Gott sei dank hatte er Unrecht. Andererseits hätte ich natürlich auch sterben können, da ging es um Zentimeter. Das hätte mir vielleicht einiges erspart und Ihnen diesen Artikel hier. Aber herausstellen möchte ich eines: Wäre ich gestorben, wäre das für den Unfallverursacher folgenlos geblieben. Ich war damals noch nicht verheiratet, wer hätte also den Fahrer zivilrechtlich verfolgen sollen? Das tat ich dann selbst, es gab sogar 5000 Euro (das Wort „sogar“ ist ironisch gemeint). Strafrechtlich ist die Tat der Person irrelevant. Jetzt stelle man sich aber mal vor, die Fahrerperson wäre mit mir bekannt gewesen. Vielleicht verfeindet. Dann hätte es sich um Mord handeln können: strafrechtlich relevant. Ich will damit sagen: Der Ablauf des Geschehens wäre physisch identisch gewesen, aber in dem einen Fall kann man das einfach so, jemanden mit dem Auto töten, in dem anderen Fall darf man das nicht. In beiden Fällen wäre ich aber schlicht und ergreifend auf dieselbe Weise tot.

Im Laufe meines Lebens ist mir immer mehr aufgefallen, dass dieser Staat unsere körperliche Unversehrtheit nicht besonders schützt. Eigentumsdelikte werden absurderweise schwerer geahndet als Körperverletzungen (hätte ich meine 5000 Euro Schmerzensgeld geklaut, wäre ich ins Gefängnis gewandert; hätte die Person mich tatsächlich umgebracht, wäre ihr, wie gesagt, gar nichts passiert, es wäre sogar besser für sie gewesen, denn sie hätte jetzt 5000 Euro mehr).

Ein anderes Beispiel, wieder geht es um Autoverkehr. Als ich 16, 17 Jahre alt war, fielen mir zum ersten Mal Autos auf. Es fiel mir zum ersten Mal auf, dass sie überall herumstehen, an jedem Straßenrand. Gesehen hatte ich das natürlich seit meiner Kindheit, aber ich hatte es immer für völlig normal gehalten. Jetzt fand ich es plötzlich kurios. Die Anwesenheit all dieser Autos war für mich so skurril wie das berühmte Brot auf dem Kopf von Salvador Dalí. Ich hatte damals einen neuen Schulweg und lief jeden Morgen unter einem Viadukt entlang, unter dem sich der Verkehr staute. Die Luft war miserabel. Morgen für Morgen. Ich kam damals als Schüler auf folgendes Gedankenspiel: Wie wäre es, mich mit einem Motorblock auf den Gehsteig zu stellen, an einem beliebigen Ort in der Stadt, und mit einem Schlauch Leuten Abgase ins Gesicht zu blasen? Ich wäre vermutlich gerichtlich verurteilt worden. Meine Handlung hätte sich von der eines Autofahrers/einer Autofahrerin aber nur dadurch unterschieden, dass diese aus ihren Abgasen einen Nutzen ziehen (Vorwärtsbewegung), ich aber nicht. Auch hier: Physisch ist der Vorgang exakt der Gleiche. Abgase sind Abgase. Viele Menschen, die ihre Autos anlassen, achten unhöflicherweise beim Moment des Anlassens ja nicht einmal darauf, ob gerade ein anderer Mensch an ihrem Auto vorbeikommt. Wie oft mir jemand in meinem Leben die volle Ladung ins Gesicht geblasen hat, kann ich nicht zählen. Wir haben das Jahrzehnte für völlig normal gehalten und unser Grundgesetz auch. Ich werde in meinen Rechten durch das Verhalten der bundesdeutschen Automobilfahrer nicht eingeschränkt. Zumindest sieht es die Rechtsprechung so, und deren Grundlage ist das Grundgesetz.

Schon die Position der Absätze von Artikel 2 ist markant. Zuerst wird die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ gesetzt. Erst im folgenden Absatz kommt das Recht auf Leben und persönliche Unversehrtheit zum Ausdruck. Aber wie eine Einschränkung des eben noch Ausgedrückten folgt sofort: „Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“

Zur Freiheit der Person gehören: Mobilität, Reisen, Konsum, Handel, Verkehr. Konsum: Medien, Telefon, Musikapparaturen, Autos et cetera, et cetera.

Die Freiheit der Person und ihrer Lebensentfaltung sind das Einfallstor von ziemlich zahlreichen Dingen, die verursachen, dass jetzt viele sagen, die Welt gehe derzeit unabwendbar den Bach runter. Die Freiheit der Person und ihre Lebensentfaltung sind das, was im Spätkapitalismus unweigerlich zu Geld gemacht wird. Aus unserer Freiheit und freien Wahlmöglichkeit wird Geld gemacht bis zum Abwinken, seit ein paar Jahren wird aus bloßer Kommunikation irres Geld gemacht, fragen Sie mal die Jugend. Daneben scheint die Bevölkerung inzwischen einer Art Flugreise-Zwang zu unterliegen. Sie fliegen nach Bangladesch oder sonst wohin, wie man früher in die Kneipe ging (und ich es heute noch tue). Tausenderlei wäre aufzuzählen, was in diese Richtung geht.

Die Freiheit der Person und ihre Lebensentfaltung als Konsument, als Verbraucher, als Käufer, als Steuerzahler, als mit Geld unweigerlich und dauerhaft kontaminiertes Wesen sind die wirtschaftliche Grundlage dieses Staates, deshalb ist diese Freiheit eben die größere Conditio sine qua non als das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Deshalb darf mir hier unter anderem jeder seine Abgase ins Gesicht blasen, dem Süden Frankfurts und dem halben Umland über den Kopf hinwegfliegen und sich Autos kaufen frei nach Gusto, mit denen er/sie/es dann tut, was er/sie/es will, je nach Vorsicht und Achtsamkeit, oder auch nicht.

Ob das Grundgesetz hier andere Gewichtungen zwischen Freiheit und Unversehrtheit zuließe, ob das Missverhältnis dauerhaft von der Rechtsprechung zementiert wurde, kann ich nicht beurteilen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion