+
Stets allein unter Männern: Merkel auf dem G7-Gipfel in Elmau 2015.

Angela Merkel

Frauenthemen sind ihre Sache nicht

  • schließen

Ihren persönlichen Erfolg nimmt Angela Merkel nicht als Verpflichtung, sich für ihre Geschlechtsgenossinnen einzusetzen.

Die mächtigste Frau der Welt, die erste deutsche Kanzlerin – Angela Merkel tritt ihre vierte Amtszeit an. Wenn sie bis zum Ende durchhält, war nur ihr politischer Ziehvater Helmut Kohl genauso lange Bundeskanzler.

Merkel hat, ungeachtet der Kritik an ihren politischen Inhalten, Herausragendes erreicht: Sie bändigt an den Tischen der G7 und der G20 die machthungrigsten Staatsoberhäupter und Regierungschefs, sie galt immer wieder mal als eine der 100 einflussreichsten Personen weltweit. Sie führt als Frau die konservative Partei in einem konservativen Land, und bislang ist es keinem Mann und keiner Frau gelungen, ihre Macht und ihren Einfluss ernsthaft zu gefährden. Zwölf, vielleicht 16 Jahre an der Spitze eines der mächtigsten Länder der Welt – doch was hat Angela Merkel, erste Frau im Staat, für Frauen getan? Die Kanzlerin, die sich immer wieder gegen Männer in ihrer eigenen Partei zur Wehr setzte, die ihr die Macht streitig machen wollten, hat ihre Position nicht dafür genutzt, die Gleichstellung in Deutschland voranzubringen. Sie ist als Frau sehr erfolgreich geworden, ohne anderen zum Erfolg verholfen zu haben.

Vielleicht liegt der mangelnde Einsatz für die Förderung weiblicher Karrieren, für die bessere Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf und die finanzielle Absicherung von benachteiligten Frauen in allererster Linie darin begründet, dass es für Angela Merkel beruflich nie entscheidend war, ob sie eine Frau oder ein Mann ist. Vielleicht waren – auch durch ihre ostdeutsche Sozialisation und ihre hohe akademische Ausbildung in den Naturwissenschaften – für sie Gleichstellung und Gleichberechtigung schon immer selbstverständlicher, als sie es in der bundesdeutschen Realität sind. Dazu passt, dass sie mit Helmut Kohl einen väterlichen Mentor hatte, der sie ungeachtet ihres Geschlechts förderte – eine Starthilfe, die nicht allen Frauen in vergleichbaren Positionen zugutekommt.

Merkel wird nicht auf weibliche Attribute reduziert

Dass die 63-Jährige im Allgemeinen als wenig weiblich wahrgenommen wird, ist sicher einer der Hauptgründe für ihren Erfolg in der noch immer männerdominierten Politik. Angela Merkel wird nicht auf ihre weiblichen Attribute oder Reize reduziert, sie erscheint dem Betrachter aus der Ferne neutral. Sie wird oft als unattraktive Frau beschrieben, oder es gibt gar keine Äußerungen zu ihrem Äußeren.

Sie ist keine Frau, die mit ihrer Weiblichkeit auf andere wirkt, sie ist uneitel. Im machtgeilen Männerzirkus scheint sie sich mühelos zu bewegen. Dabei hilft ihr, dass ihr das Störmoment großer Attraktivität fehlt. „Fantasien, die Männer davon abhalten, wirklich zuzuhören, sind tödlich für eine Frau, die Inhaltliches mitteilen will“, erläutert Coach und Autorin Sigrid Meuselbach.

Dabei ist Merkel ja eine Frau mit Rundungen, sie hat kein androgynes oder burschikoses Auftreten, das im gemeinen Verständnis eher „unweibliche“ Frauen ausmacht. Doch dass die Mehrheit der Menschen sie nicht als feminin wahrnimmt, zeigte auch der Wirbel, den sie 2008 auslöste, als sie bei der Eröffnung der Oper in Oslo ein sehr großes Dekolleté trug. Der Moment, in dem sie sich als Frau gezeigt hat, schien vielen wie eine Enthüllung im doppelten Sinn: „Unsere Kanzlerin hat ja Brüste!“

Selbst die für sie so beliebte Zuschreibung „Mutti“ bedeutet nicht, dass sie als weiblich im Sinne der Attraktivität wahrgenommen wird. Sie ist keine Mutter (was sicher auch ein Vorteil für ihre Karriere war), sie ist vielmehr eine Kümmerin, eine Gouvernante. „Muttis“ wird zudem meist auch nicht wahnsinnig viel Sexappeal zugestanden.

Auch weil Merkels Ehemann Joachim Sauer kaum in der Öffentlichkeit auftritt, wird sie nicht als Teil eines Liebespaares sichtbar, als Teil einer Beziehung zwischen Liebhabern. Anders als bei anderen hochrangigen Politikern, deren Partner regelmäßig öffentlich auftreten (wie die Frau des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender, oder die Schauspielerin Natalia Wörner, Partnerin des neuen Außenministers Heiko Maas), bleibt Joachim Sauer als der Mann an der Seite der Regierungschefin im Hintergrund.

Merkel hat also einen großen Vorteil: Sie wird an ihrer Politik gemessen, unabhängig von ihrem Äußeren. Zu Beginn ihrer politischen Karriere wurde sie, schlecht gekleidet und schlecht frisiert, wegen ihres Auftretens von dem einen oder anderen sicher unterschätzt. Doch sie hat die Position, die sie sich bis heute erarbeitet hat, nicht genutzt, um das Bild von Frauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verändern. Noch immer herrscht die Vorstellung vor, Frauen könnten entweder schön oder kompetent sein, aber nicht beides zugleich.

Auch wenn Angela Merkels Weg diese Unterscheidung gewissermaßen zu belegen scheint, hätte sie ihre große Macht nutzen können, um die Wahrnehmung auf eine andere Ebene zu bringen, und ausdrücklich zu fordern: dass es wichtig ist, Politiker an ihrer Leistung zu messen, unabhängig von ihrem Geschlecht. Sie könnte ihren persönlichen Erfolg als Verpflichtung gegenüber Frauen begreifen.

Die Kanzlerin ist das beste Beispiel dafür, dass sich eine Frau unter Männern nicht anbiedern muss, um gleichgestellt, vielleicht sogar begünstigt zu werden. Sie hat es aber verpasst zu zeigen, dass sie als Frau unter Umständen die bessere Führungspersönlichkeit ist und wie wichtig es ist, dass andere ihr nachfolgen.

Förderin der Wirtschaft

Merkel ist bekannt als Förderin der Wirtschaft – aber eine Förderin von Frauen in der Wirtschaft ist sie nicht. Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, drückte die Kritik daran diplomatisch aus: Merkel habe sicher „ihre persönlichen Gründe dafür, sich nicht so viel mit Diskriminierung auseinandergesetzt zu haben und auch nicht damit, wie wichtig die Stärkung von Frauen für die Wirtschaft ist“. In der „Süddeutschen Zeitung“ kam vor einiger Zeit die Kollegin Cerstin Gammelin am Beispiel der Frauenquote zu dem Schluss, dass Merkel meist die Gunst der Stunde nutzt, um ihre Macht zu erhalten, nicht unbedingt, um ihre Überzeugung zu vertreten: „Der Streit um die Quote zeigt, dass es Merkel bei der Frauenpolitik stets mit dem Zeitgeist gehalten hat. Gemacht wurde, was nicht zu vermeiden war.“

Das Gleiche gilt für ihre Haltung zur Ehe für alle: Sie hat die aktuelle Stimmung genutzt, um die von vielen Seiten eingeforderte Öffnung durchzusetzen, aber bereits vor der Abstimmung angekündigt, sie werde dagegen votieren. Sie gilt zwar in den eigenen Reihen als liberale Kraft, aber von einem liberalen Verständnis der Gesellschaft ist sie weit entfernt.

Merkel geht es um die Macht an sich, nicht um ihre Macht als Frau. 2015 war sie für das einflussreiche „Time Magazine“ noch die „Person des Jahres“, die „Kanzlerin der freien Welt“, 2017 war sie schon nicht mehr dabei. Stattdessen steht jetzt Trumps Tochter Ivanka als „Pionierin“ auf der Liste, weil sie vollmundig ankündigte, sich für Frauen einsetzen zu wollen – von der gefügigen Tochter eines Sexisten so abgehängt zu werden, sollte Merkel eigentlich sichtbar wehtun.

Dass Merkel jüngst Annegret Kramp-Karrenbauer, eine loyale Parteifreundin, auf den Posten der CDU-Generalsekretärin hievte, hat weniger damit zu tun, dass Merkel Frauen in ihrer Partei fördern will (das ist sozusagen der positive Nebeneffekt). Es geht ihr eher darum, sich gegen die Gegner abzusichern, die ihr den Posten streitig machen wollen.

Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März hat Angela Merkel zum ersten Mal einen ihrer Video-Podcasts den Frauen gewidmet und gesagt: „Es gibt noch viel zu tun.“ So seien unter anderem „neue Aufgaben für Männer“ zu finden – eine wichtige Erkenntnis. Was wieder fehlt, ist ein persönliches Bekenntnis. So verhallt der Appell, den sie zuallererst an sich selbst richten müsste, erneut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion