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Afghanistan

Frauenfreundlich und friedlich? Taliban setzen Maske der Menschenrechte auf

  • Tobias Utz
    VonTobias Utz
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Die Taliban kontrollieren Afghanistan. Sie geben sich frauenfreundlich und friedlich – doch das könnte sich bald ändern.

Kabul – Seit mehr als 48 Stunden kontrollieren die radikal-islamischen Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul. Die Terror-Organisation zog zuvor durch Afghanistan und brachte weite Teile dessen unter Kontrolle. Ihre größte Waffe dabei: Furcht. Angesichts einer schlecht ausgerüsteten und schwach eingestellten Armee blieb den Taliban gar nichts anderes übrig, als ihre größte Stärke auszuspielen, Angst und Schrecken zu verbreiten – in der von ihnen präferierten Staatsform des Kalifats mit streng hierarchischer Organisationsformen wohl eine Leichtigkeit.

Seitdem der afghanische Präsident Ghani geflohen ist und die wichtigsten Regionalverwaltungen unter dem Taliban-Kommando stehen, geben sich die Anführer der Terrorgruppe plötzlich tolerant. So verkündete ein Sprecher am Dienstag, Frauen sei es künftig erlaubt, Teil der Regierung zu werden. Grundlage dafür sei das islamische Recht, die Scharia. „Das islamische Emirat will nicht, dass Frauen zu Opfern werden“, sagte der Taliban-Vertreter Enamullah Samangani in einem TV-Interview.

Afghanistan: Taliban schmücken sich mit Friedensfahne

Zur Erinnerung: In der Vergangenheit war es Mädchen und Frauen unter der Taliban-Führung nicht einmal erlaubt, selbstständig die Haustür zu verlassen, geschweige denn Bildung zu erlangen oder einen Beruf auszuüben. Ein derartiger Wandlungsprozess innerhalb des menschenrechtlichen Verständnisses der radikal-islamischen Gruppe erscheint wünschenswert, doch sehr unrealistisch.

Ein Kämpfer der Taliban in Afghanistan.

Neben der plötzlichen Frauenfreundlichkeit schmücken sich die Taliban unter anderem mit der Friedensfahne. Beispielsweise verbot ein Anführer der islamistischen Miliz seinen Kämpfern, Hausdurchsuchungen durchzuführen. Unter keinen Umständen sollte jemand in Wohnhäuser eindringen, so Mullah Jakub. Sollte dies geschehen, sei das „Verrat am System“. Man werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Wie diese Rechenschaft aussieht, zeigten die Taliban auf ihrem Weg nach Kabul. In einer Kleinstadt teerten sie zwei Männer, denen Diebstahl vorgeworfen wurde, und führten sie an Stricken um ihre Hälse durch die Straßen.

Die Taliban kontrollieren nun Afghanistan.

Fehlende Menschenrechte und Lebensmittel in Afghanistan

Neben dem Verbot von Hausdurchsuchungen versprachen die Taliban allen Beamten Straffreiheit. Sie forderten sie zudem auf, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. „Sie sollen mit vollem Vertrauen in Ihren Alltag zurückkehren“, teilte die Organisation mit. Dieses Angebot soll offenbar zur Stabilität des Staatsapparates dienen. Zur Errichtung des „islamischen Emirats“ seien schließlich Beamten nötig.

Die internationale Gemeinschaft warnt indes vor der Menschenrechtslage in Afghanistan: Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind im Jahr 2021 bereits mehr als eine halbe Million Menschen aus dem Land geflohen, Tendenz derzeit massiv steigend. „Besonders entsetzlich und herzzerreißend“ seien Berichte „wonach den afghanischen Mädchen und Frauen ihre hart erkämpften Rechte entrissen werden“, betonte UN-Generalsekretär António Guterres. Die NGO „Amnesty International“ sieht dringenden Handlungsbedarf: „Was wir in Afghanistan erleben, ist eine Tragödie, die man hätte vorhersehen und abwenden müssen. Ohne ein rasches und entschlossenes Handeln der internationalen Gemeinschaft wird sie sich nur noch verschlimmern. Tausende von Afghan:innen, die ernsthaft von Repressalien der Taliban bedroht sind, laufen Gefahr, einer zutiefst ungewissen Zukunft überlassen zu werden“, betonte Agnès Callamard, Generalsekretärin der Organisation.

Afghanistan: Menschenrechte unter Taliban-Herrschaft gefährdet

Neben fehlenden Menschenrechten sind Fachleute vor allem aufgrund der drohenden Lebensmittelknappheit besorgt. Die Lage im Land spitzt sich zu: Die Einschätzung der Vereinten Nationen wird immer deutlicher. „Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe“, betonte eine Sprecherin es UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR am Freitag. Insbesondere Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban derzeit flüchten. Die Organisation appellierte an die Nachbarländer Afghanistans, die Grenzen für Schutz suchende Menschen offenzuhalten. Neben dem UN-Flüchtlingshilfswerk warnt auch das Welternährungsprogramm: In Afghanistan könne sich die bereits bestehende Lebensmittelknappheit weiter verschärfen.

Die Armut und das Elend der Bevölkerung spielen den Taliban allerdings in die Karten. Der Traum ihres Kalifats soll den Menschen Hoffnung machen – und bringt ihnen Unterdrückung. (Tobias Utz)

Rubriklistenbild: © Javed Tanveer/AFP

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