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Endmontage von Waschmaschinen bei Miele in Gütersloh.
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Endmontage von Waschmaschinen bei Miele in Gütersloh.

Was Frauen wünschen...

Weiße Ware ist bald nach dem Krieg heiß begehrt - aber der Waschvollautomat gehört erst seit 25 Jahren zur Grundausstattung der Haushalte

Von PETRA MIES (FRANKFURT A. M.)

Hinein in die frische Unterhose, Morgen für Morgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das unvorstellbar. Mögen einige auch heutzutage noch eine Woche lang dasselbe Hemd tragen - damals wären sie damit kaum unangenehm aufgefallen. Die meisten Menschen wechselten ihre Wäsche nicht täglich, sondern einmal in der Woche.

Sie hätten womöglich gerne öfter in die Kleiderschränke gegriffen, aber sie konnten es nicht. Sonst wären die Hausfrauen zusammengebrochen. Sie schufteten meist noch einen im Wortsinne ganzen Waschtag lang, um Socken, Hemden und Laken - am liebsten gekocht - sauber zu kriegen. Und bitte das Einweichen am Vortag nicht vergessen. In privaten (Gemeinschafts-)Waschküchen plagten sie sich trotz erster technischer Helfer ab. Und ungeachtet der zurückhaltenden Kleiderwechsel-Kultur noch Anfang der 50er Jahre musste Frau Durchschnitt mit Mann und einem Kind 530 Kilo Schmutzwäsche im Jahr in die Waschküche schleppen und mühsam reinigen.

Aber dann. Dann kam die händeringend und händewringend gesuchte Komplett-Lösung. Made in Germany. Ein neues Gerät sollte raus aus den muffelnden Mehr-als-Sieben-Meilen-Strümpfen und rein in die Tag-für-Tag-blütenweißen Kragen helfen. Eine Wunder-Maschine, die anders als ihre Vorläufer alle reinigenden Arbeitsschritte allein und ohne weibliche Muskelkraft erledigen konnte: der Vollautomat. Waschen und Schleudern in einem Kasten. Nur noch Wäsche sortieren, Trommel füllen, Programm wählen, Pulver rein, Wasserhahn aufdrehen, und fertig. Waschtag, ade.

Bei Miele im westfälischen Gütersloh lief der erste Waschvollautomat 1956 vom Band, fünf Jahre zuvor hatte der Konkurrent Constructa das erste Gerät dieses Typs vorgestellt. Beide Maschinen waren eher für Großhaushalte und Firmen geeignet - viel zu teuer für Familie Durchschnitt. "Die 50er waren in der Wäschepflege extrem spannend", sagt Reinhild Portmann. Die Sprecherin des 1899 gegründeten Unternehmens mit heute 15 000 Beschäftigten weltweit führt zum Miele-Museum. Davor empfängt die berühmte Werbe-Figur aus Pappe mit dem Spruch "Nur Miele, Miele sagte Tante, die alle Waschmaschinen kannte." Darin ist viel Geschichte zu besichtigen - von der ältesten noch erhaltenen Holzbottichwaschmaschine mit Schwunghebel aus der Zeit der Jahrhundertwende, die an das Prinzip der Buttermaschine anknüpfte, über das erste Ganzmetall-Gerät bis zum vollelektronischen High-tech-Typ der Gegenwart. Plätten, Schleudern, Pressen, Wringen in der Mangel ständigen Fortschritts.

Während des Krieges produzierte Miele auf Grund fehlender Rohstoffe keine Haushaltsgeräte, sondern etwa Holzkisten. Das Unternehmen liefert 1947 die ersten Nachkriegs-Waschmaschinen aus: Es sind wie in den Anfängen ein halbes Jahrhundert zuvor Holzbottich-Waschmaschinen.

In der Geräte-Historie nach dem Waschbrett weist ein neues Waschmaschinen-Modell oft nur kleine Veränderungen gegenüber dem Vorläufer auf. Der erste Waschvollautomat hingegen gehörte zu den Meilensteinen. Das Revolutionäre an ihm und in ihm war, dass er vom Einfüllen bis zum Ausleeren der schleudertrockenen Wäsche alles allein erledigte. Das faszinierte die Menschen so, dass manche stundenlang ins Bullauge guckten und der rotierenden Wäsche zusahen. Ein tolles Programm, besser als manche Fernsehsendung. "Ich gehe so unwahrscheinlich gerne mit dir in den Waschsalon": Lange bevor die Rockband BAP das - auf Kölsch - sang, lockten erste Salons als Attraktionen in die Innenstädte.

Reinhild Portmann hält vor der Miele-Vollautomatic 505, die zwei Jahre nach dem Großgerät 702 auf den Markt kam. Sie war das erste vollautomatische Modell für den Privathaushalt. Bullauge, weiße Verkleidung, Knöpfe: Bis auf den großen Chromgriff ähnelte der Frontlader den computergesteuerten Nachfolgern von heute. Eine richtige Waschmaschine.

Von der träumten die Hausfrauen, in den 50er Jahren war die "weiße Ware" - Herd und Geschirrspülmaschinen -, die ihnen so sehr die Arbeit erleichterte, heiß begehrt. Gleich nach dem Kühlschrank rangierte eine elektrische Waschmaschine auf Rang zwei der Liste der ersehnten Haushaltsgeräte. Deutsche Firmen wie Miele, AEG, Siemens, Bosch und Bauknecht wussten, "was Frauen wünschen", und machten einerseits steigende Umsätze und sich andererseits immer mehr Konkurrenz. Im Ausland genossen "Muttis kleine Helfer" aus deutscher Produktion ein hohes Ansehen und wurden zum Exportschlager.

Der Ruf deutscher Marken bei weißer Ware ist trotz internationaler Konkurrenz, ausgelagerter Produktion und eines harten Preiskampfes bis heute sehr gut. Stereo-Anlage und Fernseher tragen vielleicht einen ausländischen Namen, Kühlschrank und Waschmaschine eher nicht.

Aber weiße Ware war in den 50er Jahren noch Luxus, vor allem Waschmaschinen. So kostete auch die Miele-Vollautomatic um die 2000 Mark. "Wenn man bedenkt, dass mein Vater 1958 als Beamter mit 500 Mark gut verdiente, ist leicht vorstellbar, wie lange die Menschen damals für eine Waschmaschine sparen oder einen Kredit für sie abbezahlen mussten", sagt Reinhild Portmann. Und weil es in Kleinstädten keine Münzwäschereien gegeben habe, "brachte meine Mutter die Wäsche in eine Wäscherei".

Der hohe Preis erklärt, warum Ende der 50er Jahre nur knapp dreißig Prozent der Haushalte im Wirtschaftswunderland eine Waschmaschine besaßen. Während Staubsauger und Kühlschrank zu Beginn der 70er zur Grundausstattung gehörten, schaffte die moderne Waschmaschine das erst zehn Jahre später.

Die ersten Waschvollautomaten für Privathaushalte waren so gebaut, dass sie raus aus dem Keller und hinein in (Einbau-)Küchen oder Badezimmer der Häuser und vielen neuen Siedlungen ziehen konnten. Eigentlich. Aber sie waren noch unerschwinglich. Die Regel war noch in den 60er Jahren, dass sich Familie Durchschnitt in der Gruppenwaschküche eines Mietblocks mit anderen Parteien eine Waschmaschine teilte. Bitte auf dem Zettel an der Tür eintragen, wann sie mit ihrem Korb und Waschpulver an der Reihe sein wollen, Frau Einfach. Die Planung schränkte ein, so dass sie die kleine, schnelle Wäsche weiterhin nur im Waschtopf in der Küche erledigen musste.

Neue Materialien kamen auf den Kleidermarkt, synthetische Stoffe wie etwa Perlon, Nylon und Trevira. Knitterfrei, wie sie waren, versprachen sie auch bei Maschinenwäsche schon bei 30 Grad leichte Pflege - und weil Frau Einfach sie nicht bügeln musste, erleichterte das ihre Hausarbeit zusätzlich. Sie musste erst noch lernen, wie die neuen Textilien zu pflegen waren. Und sie musste vor allem lange daran arbeiten, auch ihren Mann dazu zu bringen, nicht nur von Knöpfen und Technik der modernen weißen Ware begeistert zu sein, sondern die Haushaltsgeräte auch selbst zu bedienen.

Im Jahr des ersten Waschvollautomaten für Privathaushalte brachte Miele auch den ersten Wäschetrockner für den Haushalt auf den Markt. "Zwei Maschinen mit weniger als zwei Quadratmeter Bodenfläche ersetzen Waschküche, Trockenboden und Waschtag!", hieß der Werbespruch für die Kombination. Reinhild Portmann: "Damit war die einstige Fron des Wäschewaschens endgültig wesentlich erleichtert."

Alsdann: Hinein in die frische Unterhose, Morgen für Morgen.

Serie: Aufbrüche

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