Die Sozialistin Anne Hidalgo, seit 2014 Bürgermeisterin von Paris, will die Innenstadt zur Fußgängerzone machen. JOEL SAGET/AFP
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Die Sozialistin Anne Hidalgo, seit 2014 Bürgermeisterin von Paris, will die Innenstadt zur Fußgängerzone machen. 

Frankreich

Frauen für Paris

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Frankreichs Hauptstadt wählt unter weiblichen Vorzeichen: Drei Kandidatinnen haben die besten Chancen auf das Bürgermeisteramt.

Welches Geschlecht hat Paris in der französischen Sprache – männlich oder weiblich? Agnès Buzyn hat die seit jeher umstrittene Frage für sich entschieden: „Ich liebe Paris, ich kenne sie, ich bin dort geboren“, erklärte am Montag die frisch gekürte Spitzenkandidatin der Macron-Partei „La République en marche“ für die Kommunalwahl im März.

Politisch gesprochen, war die Seine-Metropole meist männlich dominiert, davon allein 18 Jahre lang durch den späteren Staatspräsidenten Jacques Chirac. Seit 2014 wird Paris von einer Frau regiert – und dabei wird es auch bleiben. Die amtierende Sozialistin Anne Hidalgo führt in den Umfragen mit 25 Prozent der Stimmen, gefolgt von der konservativen Republikanerin Rachida Dati (19 Prozent); Buzyn wird zumindest für den dritten Platz gehandelt, auch wenn ihre Kandidatur noch zu frisch ist, um schon in den Umfragen aufzutauchen.

Der Kampf um Paris ist von lokaler, aber auch regionaler und nationaler Bedeutung: An der Seine laufen alle politischen Fäden zusammen, und wer im überdimensionierten „Hôtel de ville“ (Rathaus) regiert, gilt fast automatisch als Präsidentschaftskandidat. Oder eben -kandidatin: Hidalgo, Dati und Buzyn werden das Rennen unter sich ausmachen, während die Männer als Stimmenlieferanten dienen: Der Grüne David Belliard dürfte im zweiten Wahlgang für Hidalgo eintreten, der Macron-Dissident Cédric Villani für Buzyn.

Hidalgo (60) fährt einen betonten Rot-Grün-Kurs. Sie will in Paris 170 000 Bäume pflanzen und die Innenstadt zur Fußgängerzone machen. Die wuchernden Airbnb-Privatvermietungen will sie per Volksabstimmung eindämmen, die Touristen nur noch in Elektrobussen zu den Sehenswürdigkeiten fahren lassen. Ab 2024 will Hidalgo zudem dieselbetriebene Autos aus Paris verbannen, ab 2030 auch Benzinmotoren.

Rachida Dati von den konservativen Republikanern will städtische Wohnungen an „Vertreter der Mittelklasse“ verkaufen. 

Dati (53) hat ein bewusstes Kontrastprogramm zu Hidalgo gezimmert. Die ehemalige Justizministerin von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy versucht sie links zu überholen, indem sie die Dieselmotoren schon ab diesem Jahr verbieten will. Hidalgos Vorschlag, die Stadtpolizei mit Schlagstöcken „zur Verteidigung“ auszurüsten, kontert Dati mit dem Versprechen, sie würde die städtischen Polizisten mit Pistolen bewaffnen. Damit will sie nicht nur die zunehmende Kriminalität in Paris bekämpfen, sondern auch Terroranschläge.

Konträr sind die Vorschläge gegen die chronische Pariser Wohnungsnot und die exzessiven Immobilienpreise. Dati will drei Prozent des städtischen Wohneigentums an „Vertreter der Mittelklasse“ verkaufen. Hidalgo möchte dagegen über einen staatlich kontrollierten Organismus 30 000 Wohnungen aufkaufen, um sie zu 20 Prozent unter dem gängigen Quadratmeterpreis an Mittelschichtsfamilien zu vermieten.

Dati verdächtigt Hidalgo, mit diesen „Sozialwohnungen“, wie sie sagt, wahltaktische Klientelpolitik zu betreiben. Seit 2001 an der Macht in Paris, habe die Sozialistin ihr Wählerpotenzial in den Bobo-Vierteln mit Staatsmitteln systematisch ausgebaut. Die amtierende Bürgermeisterin wirft Dati hingegen vor, sie fördere mit dem Verkauf öffentlichen Wohnraums nur noch die Immobilienspekulation und die „Gentrifizierung“ durch wohlhabende Zuziehende.

Zwischen diesen Fronten wird es Macrons Kandidatin Buzyn (57) schwer haben. Die bisherige Gesundheitsministerin managte eher geschickt heikle Themen wie Coronavirus und Ärztestreiks. Der Wahlkampf in Paris erweist sich aber als überaus hart: Ihr Vorgänger Benjamin Griveaux trat vergangene Woche als Bürgermeisterkandidat zurück, weil von ihm Sexfotos in Umlauf kamen. Gegen die mutmaßlichen Urheber, den russischen Aktionskünstler Piotr Pawlenski und dessen Freundin, wurden am Dienstag mehrere Strafverfahren eröffnet.

Macrons neue Kandidatin Agnès Buzyn hat weniger als einen Monat vor dem ersten Wahlgang noch keinerlei Programm.  

Unter Hochdruck stehend brach Buzyn am Montag in Tränen aus, als sie ihren Ministeriumsposten abgab, um in den Pariser Wahlkampf einzusteigen. Weniger als einen Monat vor dem erste Urnengang hat die Newcomerin noch keinerlei Programm. Dass sie die Stadtpolizei mit Schusswaffen ausrüsten und Paris „begrünen“ will, klingt fürs Erste reichlich abgekupfert. Dazu verspricht sie ein „sauberes“ Paris und die Bekämpfung der Rattenplage, die der romantischen Lichterstadt zu schaffen macht.

Immerhin stoppte Buzyn bereits das belächelte Vorhaben ihres Vorgängers, den „Gare de l’Est“ (Ostbahnhof) in die Vororte zu verlegen und an der Stelle der immensen Gleisanlagen einen „Central Park von Paris“ zu schaffen. Auch versprach Griveaux allen Immobilienkäufern eine öffentliche Beihilfe von 100 000 Euro, was in den ersten Jahren zwei Milliarden Euro gekostet hätte. Buzyn gibt sich bedeutend pragmatischer.

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