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Wegen Trockenheit: Kolumbianische Frauen stehen an, um humanitäre Hilfe zu erhalten, 2014.  

Interview

Frauen und der Klimawandel: Weniger Wasser, größeres Vergewaltigungsrisiko

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Carola Rackete spricht mit der Aktivistin Isis Alvarez über die Folgen des Klimawandels für Frauen.

Während in Madrid die Klimakonferenz tagt, findet in Santiago de Chile der „People’s Summit“ statt. Dort gibt es ein großes Frauenzelt. Weil mich besonders interessiert, wie sich die Klimakrise auf die Geschlechter auswirkt, spreche ich mit Isis Alvarez. Die 39-Jährige arbeitet in Kolumbien für die Global Forest Coalition als Beraterin für Geschlechterfragen und als Kampagnenmanagerin.

Isis, wie macht sich der Klimawandel in Kolumbien bemerkbar?

Ich bin in der Stadt aufgewachsen, aber mittlerweile lebe ich auf dem Land, wo ich den Klimawandel sehr stark erlebe. Er zeigt sich in der Hauptstadt Bogota, wo die Regen- und Trockenzeiten durcheinandergeraten sind. Am stärksten aber wirkt er sich auf dem Land aus, denn die Leute müssen von der Landwirtschaft leben. Zu viel Regen vernichtet die Ernten. Aber auch Dürren sind ein Problem: Die Böden trocknen aus und die Leute können nicht mehr zu den gewohnten Jahreszeiten aussäen und die gewohnte Fruchtfolge einhalten. Alles ist durcheinandergeraten. Die Jahreszeiten sind unzuverlässig. Manchmal wird es auf einmal sonnig, dann sät man aus, aber es bleibt so lange trocken, dass alles verdorrt.

Wirkt sich der Klimawandel unterschiedlich auf Männer und Frauen aus?

Frauen betreiben in der Regel die familiäre Landwirtschaft und kümmern sich um die Familie. Auf dem Land sind es fast immer die Frauen, die Wasser holen gehen. Die Distanzen aber werden immer länger. Das steigert die Gefahr, dass sie auf dem Weg vergewaltigt werden. Viele Frauen auf dem Land haben auch nicht lesen gelernt und jung geheiratet. Im Falle eines Tsunamis sind sie oft die Letzten, die davon erfahren. Wenn es Überschwemmungen gibt, dann sterben mehr Frauen; denn aufgrund unserer Traditionen haben die meisten nicht Schwimmen gelernt. Auf internationalem Level sind diese Fragen allerdings derzeit noch kaum anerkannt.

Isis Alvarez arbeitet für die Global Forest Coalition und ist auch bei den Vereinten Nationen aktiv. 

 

Wie kann man Frauen besser an Entscheidungen zur Klimakrise beteiligen?

Schon heute stoßen Frauen in Kolumbien die meisten Initiativen an und leiten sie. Der Grund ist einfach: Sie spüren die Auswirkungen eben am meisten. Frauen wollen auch in Zukunft ihre Familien ernähren. Männer hingegen migrieren häufiger in die Stadt, manchmal, um Gewalt zu entfliehen, manchmal, um Arbeit zu suchen. Die Frauen auf dem Land sind also häufig mit Haus und Kindern allein. Also organisieren sich die Frauen. Wir arbeiten mit Frauenkollektiven, die Wald und Ökosysteme renaturieren, wie etwa Mangroven. Manche Kollektive kultivieren auch Medizinpflanzen. Andere betreiben Apikultur und stellen Honig her, um Geld zu verdienen.

Was würde sich ändern, wenn Frauen an den Entscheidungen, wie auf der Klimakonferenz in Madrid, gleichberechtigt beteiligt wären?

Die Vereinten Nationen wurden schon immer von Männern dominiert. Gleichberechtigung gab es bisher keine. Ich bin Teil der Women Gender Constituency, das ist eine Frauenorganisation innerhalb der Vereinten Nationen. Und es ist immer ein großer Kampf, die Interessen von Frauen durchzusetzen. Wir hatten ein paar kleine Erfolge, es gibt jetzt eine Plattform für Frauen innerhalb der UN-Verhandlungen. Würden gleich viele Frauen und Männer entscheiden, würde man die Sache ernster nehmen und es wäre nicht nur eine Frage des Geldes.

Interview: Carola Rackete

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