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Klimaaktivistin Greta Thunberg, hier auf einer Demo im Frühjahr, zählte schon 2019 zu den Favoritinnen.

Nobelpreisträger

Friedensnobelpreis 2020 für Greta Thunberg oder Jacinda Ardern: Frauen haben gute Chancen

  • vonThomas Borchert
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Klimaaktivistin Greta Thunberg steht bei den Wettanbietern ziemlich weit oben - am Freitag wird die Auszeichnung verkündet.

Oslo - Was für eine groteskes Missverhältnis: 90 männlichen Trägern des Friedensnobelpreises seit 1901 stehen 17 Frauen gegenüber. Nach dem dann auch nicht sonderlich friedlichen 20. Jahrhundert sieht das Geschlechterverhältnis beim prestigeträchtigsten Preis der Welt jetzt komplett anders aus: In den vergangenen zehn Jahren hat das Osloer Nobelkomitee fünf Frauen und fünf Männer (sowie vier Organisationen) ausgezeichnet.

Für die Verkündung der diesjährigen Auszeichnung an diesem Freitag erwarten zumindest die Wettanbieter und ihre Kunden, dass dieser Trend anhält: Wie schon 2019 steht die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg weit oben auf der Favoritenliste. Im Zeichen der Corona-Pandemie knapp hinter der Weltgesundheitsorganisation WHO, und beide klar vor allen anderen der alles in allem 318 Nominierten. Das männliche Geschlecht hat jedenfalls bei den Wettanbietern als aussichtsreichsten Anwärter den mit Corona infizierten US-Präsidenten Donald Trump anzubieten. Vor ihm noch die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern wegen ihres diametral entgegengesetzten Managements gegen die Pandemie.

Trump steht zwar als Vorschlag skandinavischer Rechtsaußen auf der Kandidatenliste. Aber dass die drei Männer und zwei Frauen im Preiskomitee ihn ernsthaft in Erwägung ziehen, kann man getrost ausschließen. Auch bei seriöseren Spekulationen über hoch gehandelte, weil hochaktuelle „Favoriten“ wie etwa die US-Bewegung Black Lives Matter oder die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja aus Belarus wird häufig eine Deadline übersehen: Die Vorschläge für das jeweilige Jahr müssen spätestens bis 31. Januar beim Nobelinstitut in Oslo eingegangen sein.

Auch deshalb spekuliert Henrik Urdal vom benachbarten Friedensforschungsinstitut Prio als eine Art professionelles Nobelpreis-Orakel ganz anders: Er erwartet wegen der global zunehmenden Bedrohung freier Medien einen Preis für die Reporter ohne Grenzen oder eine ähnliche Journalistenorganisation. Möglicherweise kombiniert mit einer individuellen Auszeichnung, etwa für den in Deutschland lebenden türkischen Journalisten Can Dündar.

„Unabhängige Berichterstattung und die Pressefreiheit haben bisher noch nicht im Fokus des Friedensnobelpreises gestanden,“ begründet Urdal diese Topplatzierung auf seiner Favoritenliste, vor den Reformkräften im Sudan und dem russischen Oppositionellen Alexej Nawalny mit dessen Anti-Korruptionsstiftung.

Im vergangenen Jahr hatte Urdal den jungen äthiopischen Regierungschef Abiy Ahmed als Preisträger vorab auf dem 5. Platz seiner Liste. Immerhin. Ahmed wurde für den Mut bei der von ihm gerade erst eingeleiteten Demokratisierung seines Landes mit friedlichem Ausgleich zwischen verfeindeten ethnischen Bevölkerungsgruppen ausgezeichnet. Es hat nicht mal ein Jahr gedauert, ehe sich das „Modell Ermutigung“ bei der Preisentscheidung sich als Flop erwies. Ahmed steht heute bei massiv neu aufgeflammter Gewalt für einen Unterdrückerkurs.

Zehn Jahre vorher fand der ebenfalls gerade frisch ins Amt gekommene und zur „Ermutigung“ für seinen Anti-Atomwaffenkurs ausgezeichnete Barack Obama sofort selbst, dass er eine Fehlentscheidung war: Noch nichts geleistet. Er musste mühsam zur persönlichen Entgegennahme des Preises in Oslo, stets am 10. Dezember, überredet werden und verweigerte die übliche Pressekonferenz.

Diese Probleme zumindest wird es diesmal coronabedingt wohl nicht geben. Die Nobelstiftung plant so, dass sich Preisträgerinnen oder Preisträger aus ihrer Heimat digital für die Ehre und die Dotierung von zehn Millionen schwedischen Kronen (950 000 Euro) bedanken können. (Von Thomas Borchert)

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