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Klischees passen nicht: Türkisches Kulturfest in Berlin

Der Weg der Frauen

Türkeistämmige Migrantinnen in Europa legen die Opferrolle ab / Von Gülay Kiziloçak und Martina Sauer

(?)In Europa leben rund 1,8 Millionen türkeistämmige Frauen, davon rund 1,3 Mio. in Deutschland, rund 180 000 in Frankreich, rund 170 000 in den Niederlanden und rund 100 000 in Österreich. Darunter finden sich Frauen mit sehr unterschiedlichen Biografien und Lebensumständen: Selbst als Arbeitsmigrantinnen eingewanderte Frauen, die von Beginn an erwerbstätig waren, mit- oder nachgereiste Ehefrauen der Arbeitsmigrantinnen, in Europa geborene oder aufgewachsene Töchter und Enkelinnen der Arbeitsmigranten, Frauen, die in der Türkei sozialisiert wurden und nun als Ehepartner der zweiten und dritten Generation nach Europa kommen, aber auch als Studentinnen eingereiste Frauen. (?)

Die Fixierung auf die Themen Kopftuch, Familienehre und innerfamiliäre Gewalt macht es schwierig, positive Gegenbilder zu etablieren, die Anreiz für türkeistämmige Frauen sein können, sich in die europäischen Gesellschaften zu integrieren und zu emanzipieren.

Eine neue Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien, die quantitative Daten zur Situation türkeistämmiger Frauen in Deutschland mit Interviews mit 30 türkeistämmigen Frauen aus Deutschland, den Niederlanden und Österreich kombiniert, korrigiert nun ebenfalls das in der europäischen Öffentlichkeit vorherrschende Bild türkeistämmiger Frauen.

Schon grundlegende soziodemografische Daten der Studie zeigen, dass das Bild der türkischen Frau als vornehmlich im familiären Kontext verwurzelt unzutreffend ist. In der jüngeren Altersgruppe in Deutschland zwischen 18 und 29 Jahren ist die Hälfte der Türkinnen unverheiratet. Auch in den höheren Altersgruppen steigt der Anteil der allein lebenden Frauen.

Das traditionelle Rollenbild der Frau als Hausfrau und Mutter ist unter den türkischen Frauen umstritten: Rund die Hälfte der türkeistämmigen Migrantinnen befürwortet die traditionelle Frauenrolle, ebenso viele lehnen sie aber ab. Eine Berufsausbildung für Frauen und Mädchen findet jedoch nahezu uneingeschränkt die Unterstützung der türkeistämmigen Frauen.

Die Abiturientenquote ist zwar niedriger als in der Gesamtbevölkerung, liegt aber über der der türkeistämmigen Männer und ist in den jüngeren Altersgruppen deutlich höher als unter den älteren Migrantinnen. Das Bildungsniveau der in Deutschland aufgewachsenen Frauen ist insgesamt sogar höher als das der entsprechenden Männer. Auch die deutschen Sprachkenntnisse der jungen Frauen sind besser als die der entsprechenden Männer, drei Viertel der Frauen unter 30 Jahre verfügen über gute Deutschkenntnisse.

Zwar ist die Quote der Frauen, die über eine berufliche Ausbildung verfügen, mit rund der Hälfte relativ gering. Doch ist das Bewusstsein über die Notwendigkeit einer Berufsausbildung vorhanden. Dass die Quote noch deutlich verbessert werden kann, zeigt ein Projekt zur Unternehmensfestigung durch Personalentwicklung in ausländischen Unternehmen in Nordrhein-Westfalen der Stiftung Zentrum für Türkeistudien: Von allen neu geschaffenen Ausbildungsplätzen wurden 51 Prozent durch junge Frauen besetzt. Dies macht deutlich, dass durch geringe Anschübe und Motivation sehr viel mehr Frauen zu einer beruflichen Ausbildung verholfen werden kann.

Überhaupt sind Frauen und Männer hinsichtlich grundsätzlicher Merkmale gesellschaftlicher Integration sehr viel weniger unterschiedlich als vermutet. Auch bezüglich der Kontakte zu Deutschen und der gesellschaftlichen Einbindung unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Sie fühlen sich mit Deutschland in hohem Maß verbunden und hier wohl - von einer breiten Isolation der Frauen, die abgeschottet in der türkischen Community leben, kann nicht gesprochen werden.

Auch der Blick auf die Entwicklung der türkeistämmigen Studentinnen in Deutschland lässt erkennen, dass immer mehr Frauen eine akademische Bildung und eine qualifizierte Berufstätigkeit anstreben und das Klischee von der Reduzierung der türkischen Frauen auf die Rolle der Hausfrau für immer weniger Frauen zutrifft: Von den rund 36 000 Studenten mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland sind inzwischen 38 Prozent Frauen, unter den Bildungsinländern, also denjenigen, die ihre Schullaufbahn in Deutschland absolvierten, sind es 41 Prozent.

Ein Drittel der türkischen Frauen über 18 Jahren ist berufstätig. Sie arbeiten häufiger als Männer als Angestellte. Türkische Frauen sind inzwischen in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent: Sie wirken als Politikerinnen, als Wissenschaftlerinnen, als Künstlerinnen und als Medienschaffende, als Anwältinnen und Ärztinnen - und nicht zuletzt auch als Unternehmerinnen. Ein Viertel der rund 64 000 türkeistämmigen Selbstständigen in Deutschland sind Frauen - mit steigender Tendenz. Sie führen Betriebe in allen Branchen und zunehmend auch als freie akademische Selbstständige. Vier Prozent aller erwerbstätigen Frauen sind in Deutschland als freie akademische Selbstständige tätig, knapp jede zehnte erwerbstätige Frau ist Unternehmerin in Handel, Dienstleistung oder Industrie.

Voraussetzungen für Erfolge

Bei den 30 interviewten Frauen handelte es sich um türkeistämmige Politikerinnen, Unternehmerinnen, Wissenschaftlerinnen, Pädagoginnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen sowie Vertreterinnen weiterer akademischer Disziplinen und freier Berufe. Damit sollte die Studie bewusst ein Gegenbild zur türkischen Frau in Abhängigkeit von Mann und Familie entwerfen. Die beruflich erfolgreichen Frauen wurden nach ihrer Einschätzung der Voraussetzungen für Integration und Emanzipation türkischer Frauen in Europa gefragt.

Für viele türkeistämmige Frauen in Europa sei es heute selbstverständlich, das Gymnasium zu besuchen, zu studieren oder einen modernen Beruf zu ergreifen und wie ihre europäischen Freundinnen ihre Freizeit zu verleben. Dennoch würden türkische Frauen in der europäischen Öffentlichkeit meist als homogene Gruppe gesehen, die unverändert an ihren überlieferten Bräuchen festhält und sich nicht aktiv an gesellschaftlichen Prozessen beteiligt - dies nehmen auch die 30 Interviewpartnerinnen deutlich so wahr. Die zahlreichen türkeistämmigen Frauen, die sich in den europäischen Gesellschaften integriert haben, dort arbeiten und wirken und auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, würden selten wahrgenommen oder als herausragende Einzelfälle betrachtet, was jedoch nicht der Fall sei.

Die interviewten Frauen identifizieren drei Handlungsfelder, die besonders bedeutsam sind, wenn die Integration und Emanzipation der türkeistämmigen Frauen in Europa gefördert werden soll. Hierzu zählt zunächst das Bildungs- und Ausbildungswesen, wobei insbesondere Gewicht auf den Übergang von Schule zu Beruf zu legen ist. Bildungschancen sind gleichbedeutend mit Lebenschancen. Auch wenn sich hier deutliche Veränderungen in der Nachfolgegeneration abzeichnen, bedarf es nach Ansicht der Interviewpartnerinnen doch weiterhin unterstützender Maßnahmen, um mehr Frauen zu einer qualifizierten Ausbildung und Berufstätigkeit zu verhelfen. Dies betrifft zum einen die Förderung durch die Politik, zugleich müssen aber auch die Familien tradierte Rollenvorstellungen prüfen und ihre Töchter aktiv im Prozess zur Berufstätigkeit unterstützen. Darüber hinaus müssten aber auch Vorurteile in den Gesellschaften abgebaut werden, damit die gut qualifizierten Frauen auch eine Chance erhalten, in den Arbeitsmarkt mit einer qualifizierten Tätigkeit integriert zu werden. Hierbei sei es aber wichtig, dass in der Öffentlichkeit positive Vorbilder sichtbar werden, die sowohl die jungen Frauen als auch ihre Familien motivieren. Hieran mangelt in der europäischen Öffentlichkeit, obwohl es diese Vorbilder zur Genüge gibt. Fehlentwicklungen in den türkischen Familien und die Unterdrückung von Frauen gilt es entschieden zu bekämpfen, ohne dabei jedoch zu pauschalisieren. Die öffentliche Debatte um Zwangsheirat und innerfamiliäre Gewalt, die als generalisierende Verurteilung der Kultur wahrgenommen werde, behindere die Fortentwicklung der durchaus vorhandenen, aber noch auszubauenden Ansätze zur Bearbeitung dieser Problematik in der Community.

Gerade in der Debatte um die Zwangsehen sehen die Interviewpartnerinnen eine eklatante Fehlwahrnehmung der europäischen Gesellschaft. Tatsächlich liegen keine Daten zu diesem Problem vor, allerdings wurde in einer ZfT-Untersuchung aus dem Jahr 2003 zur Heiratsmigration nach Deutschland 1500 Visumsantragsteller, die auf Grund der Ehe nach Deutschland migrieren wollen, in der Türkei danach gefragt, wie man den Ehepartner in Deutschland kennen gelernt hat. Die meisten der Befragten - mit mehr als ein Viertel - haben ihre Ehepartner zufällig im Bekanntenkreis kennen gelernt, ein weiteres Viertel der Partner fanden sich durch eine von Eltern oder Verwandten arrangierte Ehe. Die arrangierte Ehe, Görücü genannt, ist eine traditionelle Methode der Partnerauswahl. Sie sollte nicht mit einer erzwungenen Ehe verwechselt werden, da hier die Heiratskandidaten ein Mitspracherecht haben. Auf diese Differenzierung weisen auch die Interviewpartnerinnen hin.

Ein unterschätztes Potenzial

Und es gibt nicht nur Fehlwahrnehmungen der Integrations- und Emanzipationsbestrebungen der Nachkommen der Arbeitsmigrantinnen, auch die Bedeutung der Frauen im Migrationsprozess selbst und die Heterogenität der türkeistämmigen Frauen in der Migration wird unterschätzt.

Auch in der ersten Generation waren die Frauen oft tragende Pfeiler der Wanderungsentscheidung von Beginn an, keinesfalls immer nur "Anhängsel" ihrer Männer. Zu Beginn der türkischen Migration nach Westeuropa war der Anteil der Frauen an den Migranten zwar gering. Dennoch gab es "Pionierinnen". Neben den 678 702 zwischen 1961 und 1976 in Deutschland angeworbenen türkischen Männern reisten 146 681 Frauen als Arbeitsmigrantinnen nach Deutschland. Sie wurden vorwiegend als un- oder angelernte Arbeiterinnen im verarbeitenden Gewerbe oder Dienstleistungsbereich eingestellt, viele wurden gezielt in der Türkei für bestimmte frauenspezifische Tätigkeiten in der Industrie angeworben. Zum Teil waren sie von ihren Familien in der Hoffnung vorgeschickt worden, nach einer kurzen Zeit die Ehemänner oder andere männliche Familienmitglieder nachholen zu können. Es kamen allerdings auch alleinstehende, geschiedene oder verwitwete Frauen, die in ihren Heimatländern keine ökonomische Basis für ihr Leben finden konnten. Ein häufiges Motiv war auch der Wunsch, für sich die Chancen zu nutzen, ein neues Leben in Deutschland zu beginnen oder ein fremdes Land kennen zu lernen. Dies gilt insbesondere für die jungen Frauen, die sich trotz qualifizierter Ausbildung in der Türkei als ungelernte Arbeiterinnen anwerben ließen. Diese Frauen bildeten allerdings die Minderheit. Nahezu alle angeworbenen Frauen reisten allein ein und wohnten zunächst in Sammelunterkünften der Firmen, die sie angeworben hatten. Erstmals mussten sie ohne die gewohnte Familie im Hintergrund leben. Dies führte in vielen Fällen zu Vereinsamung, Heimweh, Ängsten und damit auftretenden Depressionen. Andererseits war damit jedoch die Chance verbunden, Selbstständigkeit und Entscheidungswillen zu entwickeln. Auf diese Weise wurden neue Kompetenzen entwickelt, was oft Probleme mit den später hinzugezogenen Ehemännern nach sich zog, die diese Entwicklung ihrer Frau nur schwer akzeptieren konnten.

Die Scheidungsrate unter türkeistämmigen Ehepaaren ist in der Migration ebenso hoch wie unter der Gesamtbevölkerung. In der Öffentlichkeit wird kaum wahrgenommen, dass es viele Türkinnen gibt, die aus verschiedenen Gründen allein leben. Das verstärkte berufliche und gesellschaftliche Engagement türkischer Frauen kann in manchen Fällen zum Bruch mit dem Ehepartner führen, der sich der ökonomischen und intellektuellen Veränderung seiner Frau nicht gewachsen fühlt.

Etwa drei Viertel aller Türkinnen in Europa bilden heute die zweite und dritte Zuwanderergeneration und besitzen einen eigenen Aufenthaltsstatus. Sie sind in Europa aufgewachsen und sozialisiert, ihr Leben verläuft in verschienen Kulturkreisen. Da ihnen die Sprache des Aufnahmelandes meist geläufiger ist als die Sprache ihrer Eltern, übernehmen sie innerhalb der Familie oft Dolmetscher- und Vermittlerfunktion. Auch dies führt - neben der Übernahme der Wertestruktur der Aufnahmeländer - in zahlreichen Fällen zu einer unabhängigen und selbstbewussten Lebensführung, die den Emanzipationsprozess unterstützt.

Die Arbeitsmigration von Menschen aus der Türkei nach Europa gehört inzwischen weitgehend der Vergangenheit an. Zur wichtigsten Form der türkischen Zuwanderung nach Europa wurde inzwischen die Einreise von Ehepartnern aus der Türkei.

Die Heiratsmigration von Türkinnen und Türken nach Deutschland betrifft insbesondere die in Deutschland geborene oder aufgewachsene Generation mit Migrationshintergrund. Die Wahl eines Ehepartners im Herkunftsland ist eine verbreitete Option. Wie die Rohstatistiken der Deutschen Botschaft in der Türkei zeigen, kommen jährlich rund 16 000 Personen im Rahmen des Ehegattennachzugs nach Deutschland.

Im Widerspruch zu der weit verbreiteten Annahme, bei der Heiratsmigration aus der Türkei dominierten Frauen, besteht bei ihnen tatsächlich nur ein leichter zahlenmäßiger Überhang. Bei 54,8 Prozent der Heiratsmigranten handelt es sich um Frauen, bei 45,2 Prozent um Männer. Heiratsmigration aus der Türkei ist kein überwiegend weibliches Phänomen. Das Heiratsalter bei Eheschließungen mit einem Partner aus der Türkei liegt im Durchschnitt bei 25 Jahren, und zwar bei Männern wie Frauen gleichermaßen, wobei sich zwischen ihnen und den in Deutschland aufgewachsenen Ehepartnern oft eine eklatante Bildungsschere auftut. Auch diese Zahlen belegen, dass alternative Rollenverteilungen in türkischen Familien der zweiten Generation nicht nur eine seltenen Ausnahme sind.(?)

Insgesamt zeigen die Untersuchungen ein differenziertes Bild der türkeistämmigen Frauen in Europa. Sie sind nicht nur Opfer, zahlreiche Frauen gehen selbstbewusst und selbstbestimmt ihren Weg. Diese Frauen hervorzuheben, ihre Existenz in der Öffentlichkeit bewusst zu machen, unterstützt die differenzierte Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft und hilft darüber hinaus den Frauen, die bisher noch nicht den Mut gehabt haben, ihren eigenen Weg zu beschreiten. Bei den Frauen liegt noch erhebliches Potenzial brach, das es zu fördern gilt. Die Reduktion der türkischen Frau auf die Themen Zwangsheirat und Ehrenmord ist jedenfalls nicht angebracht - ebenso wenig, wie über 60 000 Heiraten deutscher Männer mit Frauen aus Thailand in den letzten Jahren das Bild des deutschen Durchschnittsmannes bestimmen.

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