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Sigmar Gabriel und Andrea Nahles sind zwei, die sich ergänzen. Denn oft genug schon musste die Generalsekretärin die spontanen und unberechenbaren Vorstöße ihres Parteichefs entschärfen.

Andrea Nahles

Die Frau an der Seite

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Einstmals war Andrea Nahles die starke Figur der SPD-Linken. Als Generalsekretärin verblasst sie im Schatten der mächtigen Männer.

Einstmals war Andrea Nahles die starke Figur der SPD-Linken. Als Generalsekretärin verblasst sie im Schatten der mächtigen Männer.

Der Infekt hat ihr gerade noch gefehlt. Erst hat er ihren Mann umgehauen. Dann zieht er sie selbst eine Woche lang aus dem Verkehr. Und schließlich erwischt er noch Tochter Ella. Fieber. Gliederschmerzen. Schnupfenhustenheiserkeit. Draußen warten Konferenzen, Neujahrsempfänge und Podiumsdiskussionen. Im Büro in Berlin türmen sich Presseanfragen und Papiere. Die Jahresklausur des Parteivorstandes muss vorbereitet werden. Aber Andrea Nahles liegt daheim im Eifeldorf Weiler im Bett. Schniefend versucht sie per Telefon, zumindest die wichtigsten Dinge zu regeln.

Gut hat das neue Jahr für die 41-Jährige nicht begonnen. Die Überreste des Silvesterfeuerwerks waren noch nicht von den Straßen gefegt, da meldete die Bild am Sonntag in großen Lettern: „SPD-Vorsitzender entmachtet seine Generalsekretärin“. Drei Tage später erklärte Nahles, die SPD wolle die Rente mit 67 vorerst auf Eis legen – ein Parteitagsbeschluss. Doch Ex-Finanzminister Peer Steinbrück widersprach offen: So könne man die Probleme einer alternden Gesellschaft nicht lösen.

Am Ende dieser ersten Januarwoche fing sich Nahles noch eine offene Klatsche von Parteichef Sigmar Gabriel ein. Falls der Bundespräsident zurücktrete, müsse es Neuwahlen geben, hatte sie gefordert. Von wegen. Die SPD würde „keine weiteren Forderungen wie etwa die nach Neuwahlen erheben“, dementierte Gabriel postwendend. Brutaler kann man seine Generalsekretärin kaum demontieren.

Nahles spielt den Vorfall rückblickend herunter. Ja, räumt sie immerhin ein, gut gelaufen sei das nicht: „Das war nicht der erste Platz im Synchronschwimmen.“ Ihre Stimme klingt am Telefon heiser, belegt. Man würde sie jetzt gerne sehen. Ihre Augen zum Beispiel, ob die auch so harmlos schauen wie ihre Worte klingen. Dass Nahles Neuwahlen gefordert hat, sei zwar unklug gewesen, findet ein erfahrener SPD-Vorständler. Die unbeherrschte Reaktion Gabriels aber nennt er „besorgniserregend“. In den Redaktionen wurden schon erste politische Nachrufe auf die einstmals löwenmähnige Hoffnungsträgerin der Parteilinken verfasst. Blitzschnell machte das Gerücht die Runde, der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Ralf Stegner stehe als Nachfolger bereit. Selbst hochrangige Genossen waren nicht sicher, ob da etwas dran sei.

Alles Unsinn, heißt es nun im Willy-Brandt-Haus. Wenn die Parteispitze am Sonntag im Potsdamer Inselhotel vor der idyllischen Kulisse des Templiner Sees zu ihrer Klausur zusammenkommt, werden der Vorsitzende und die rekonvaleszente Generalsekretärin demonstrative Eintracht zeigen. Vor den Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein darf es keinen Streit geben. Also behält Nahles bis auf weiteres die Zuständigkeit für die Planung des Bundestagswahlkampfes, die Gabriel schon mal diskret angezweifelt hatte. Sie hat sich erfolgreich verteidigt. Dieses Mal. Doch es bleibt der Eindruck: Zwischen den beiden sozialdemokratischen Führungsfiguren knirscht es gewaltig. Und auf Augenhöhe agieren sie lange nicht mehr.Eine kurze Rückblende auf den November 2010: Seit einem Jahr ist Nahles Generalsekretärin. Im Frühsommer hat sie im wallenden weißen Brautkleid mit Biedermeierstrauß den Kunsthistoriker Marcus Frings geheiratet. „SPD-Nahles wird zum ersten Mal Mama“, hat die Bild-Zeitung ein paar Wochen später gemeldet, und die damals 40-Jährige bestätigte per SMS: „Jau, stimmt, bin froh!“. Nun plaudert sie ungewohnt offen mit der Frauenzeitschrift Brigitte über ihre Schwangerschaft, die Blutwerte und die Wickelkommode im Willy-Brandt-Haus. „Es wird ein Mädchen“, sprudelt es aus der Frau heraus, die seit dem Sturz von Ex-Parteichef Franz Müntefering 2005 bei vielen als finstere Intrigantin und Königsmörderin galt.

Doch dieses eindimensionale Bild wird der ehemaligen Juso-Chefin längst nicht mehr gerecht. Es stimmt, die Tochter eines Maurermeisters ist bodenständig, impulsiv und manchmal ruppig. Sie kann sehr laut sein und auch ziemlich nerven. Doch im Gespräch zeigt sie sich bemerkenswert offen, nachdenklich und verletzlich. Sehr persönlich hat sie aus Anlass der Bundestagsdebatte zu Spätabtreibungen über ihre katholische Prägung und ihren Wertekodex geredet. Und im kleinen Kreis zeigt sie Humor mit Anflügen von Selbstironie. „Hallo Leute, was ist denn heute mit Euch los?“, frotzelt sie nach einer Pressekonferenz die Journalisten an, weil sie ihr eine erwartete kritische Frage nicht gestellt haben. Aus dem freundlichen Brigitte-Interview vom November 2010 sticht ein harter Satz hervor. Er findet bei vielen Leserinnen Zustimmung. In der SPD aber sorgt er für Kopfschütteln, bis hin zur Empörung. „Egal, was die Leute jetzt auch sagen“, (…), es gibt auch einige, von denen ich ganz genau weiß: Bei der ersten Gelegenheit, in der es schwierig wird, kann ich mit deren Solidarität nicht rechnen. Und damit meine ich nicht nur den politischen Gegner, sondern befürchte das auch in meiner eigenen Partei.“

Betrachtet man die Ereignisse der vergangenen Monate, dann hat Nahles irgendwie recht behalten. Wenn auch auf andere Weise, als sie es damals meinte.

„Wenn es irgendwo Ärger gibt, liegt das daran, dass ich keine brave, säuselnde Frau bin. Das war ich nie“, sagt sie jetzt am Telefon: „Daran hat die Mutterschaft nichts geändert.“ Den Job hat ihr während oder nach der Schwangerschaft niemand ernsthaft streitig gemacht. Aber als kurz vor Ostern im vergangenen Jahr das von Gabriel angestrengte Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin erfolglos eingestellt wurde, da stand sie tagelang ziemlich alleine vor den Kameras und musste den unpopulären Beschluss verteidigen. Das hat sie nicht vergessen.

„Nahles wirkt stark nach innen“ und „Nahles hat es nicht einfach“ – das sind wohl die am weitesten verbreiteten Einschätzungen in der Partei. Tatsächlich hat sich die Statik der SPD-Spitze erheblich verändert, seit die einstige Chefin des linken Flügels und der pragmatische Gabriel im Herbst 2009 antraten, um quasi als Gespann die von dem Wahldesaster demoralisierte Truppe aus dem Morast zu ziehen. Nicht nur ist mancher Parteilinke inzwischen enttäuscht, dass Nahles qua Amt eher integriert als polarisiert. Auch gibt es mit Gabriel, Steinbrück und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier nun eine Troika potenzieller Kanzlerkandidaten, was die mediale Wahrnehmung der Generalsekretärin deutlich reduziert. Deren öffentliche Auftritte wiederum sind nicht unbedingt geeignet, diesen Trend umzukehren.

Ein Septembermorgen im vergangenen Jahr. Das Kasino im vierten Stock des Willy-Brandt-Hauses ist gut gefüllt. Nahles hat zur Pressekonferenz geladen, um die geplante Parteireform zu erläutern, die sie monatelang vorbereitet hat. „Das wird die größte Parteireform seit Jahrzehnten“, sagt sie. Und dass man die Veränderungen keinesfalls unterschätzen solle. Vor allem werden die Hürden für Mitgliederentscheide drastisch gesenkt. Oder sind es Mitgliederbegehren? Jemand fragt nach. „Begehren ist von unten, Entscheid von oben“, antwortet Nahles kryptisch.

Da nimmt das Unheil seinen Anfang. Wie die alten und die neuen Quoren denn aussehen, möchten die Journalisten wissen. Nahles verheddert sich im Dickicht der Prozentzahlen. Widerspricht sich mehrfach. Beauftragt ihren Mitarbeiter, ein Parteistatut heranzuschaffen, das auch keine Klärung bringt. „Ach Leute, Ihr wollt es aber genau wissen!“, stöhnt sie.

Oftmals zu schrill und manchmal auch hölzern geraten ihre Reden und Statements. In ihrer Parteitagsrede mokiert sie sich über Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Philipp Rösler als „große Glucke“ und „halbes Hähnchen“, was die Delegierten allenfalls zu einem müden Lachen verleitet. Dann krächzt sie mit der ganzen Kraft ihrer heiseren Stimme: „Wir brauchen keine Irgendwie-Kanzlerin, keine Irgendwie-Regierung, keine Irgendwie-Politik!“ Der Ton dröhnt, das Gesicht ist verzerrt, und zu allem Überfluss sticht Nahles auch noch mehrfach mit ihrem rechten Zeigefinger in Richtung des erschreckten Publikums. Solche Passagen schaffen es eher in die satirische Heute-Show als in die Fernsehnachrichten.

„Das ist Andreas Dilemma“, sagt ein politischer Weggefährte vom linken Parteiflügel: „Der öffentliche Auftritt ist nicht ihre Sache. Und das wichtige Wirken nach innen nimmt draußen keiner wahr.“ Tatsächlich gibt es wenige Spitzengenossen, die die SPD so gut kennen wie Nahles. Sie hält engen Kontakt zur Basis, sie kann Strömungen und Mehrheitsverhältnisse bestens einschätzen und sie genießt ein so hohes Ansehen, dass sie in der engsten Parteiführung Mehrheiten für oder zur Not auch gegen Gabriel organisieren kann. „Sie wirkt eindeutig stabilisierend“, erklärt einer aus dem innersten Zirkel knapp. „Unter dem Strich ist es auch meine Aufgabe, den Laden zusammenzuhalten“, formuliert sie selbst.

Das ist nicht immer einfach mit einem spontan-unberechenbaren Chef, der im Minutentakt neue Ideen wie Kirschkerne ausspuckt, an ihrer schwierigen Verwirklichung bisweilen aber die Lust verliert. Der Sarrazin-Rausschmiss, die Urwahl des Kanzlerkandidaten, die Berufung von DGB-Chef Michael Sommer in den SPD-Vorstand – das sind nur einige von Gabriels fulminanten Vorstößen, die später im Sand verliefen. „Andrea hat noch größere Konflikte vermieden“, glaubt ein Mitglied der Parteispitze.

Tatsächlich war es Nahles, die aus Gabriels 15-prozentiger Migrantenquote rechtzeitig eine weichere Selbstverpflichtung machte und damit den peinlichen Kontrast zu den real erreichten 8,6 Prozent verwischte. Mit der gütlichen Einigung beim Sarrazin-Verfahren verhinderte sie eine drohende Niederlage vor dem Schiedsgericht. Und als der linke Flügel unter Führung von Ottmar Schreiner einen Aufstand gegen die rot-grünen Rentenreformen anzettelte, stellte sich Nahles öffentlich in den Weg – lange bevor Gabriel in letzter Minute auf dem Parteitag ans Mikrofon trat.

„Er ist der Chef. Das stellt niemand in Frage“, beschreibt Nahles ihr Verhältnis zu Gabriel. Künftige Konflikte mit dem kraftstrotzenden Niedersachsen, der am liebsten alles selber machen würde, werden kaum ausbleiben. Aber die Generalsekretärin ist gerade mit 73 Prozent in ihrem Amt bestätigt worden. Und sollte die SPD 2013 tatsächlich in die Regierung zurückkehren, dürfte ihr ein Platz am Kabinettstisch relativ sicher sein. Vielleicht verleiht ihr das eine gewisse Gelassenheit.

Mehr noch aber wirkt die Frau mit der inzwischen glatt gefönten Mähne mit sich im Reinen. Gerade vor zehn Tagen ist ihre Ella ein Jahr alt geworden. Das Nebeneinander von Job und Familie „klappt besser, als ich mir das vorgestellt habe“, erzählt sie. Das freilich liegt nicht zuletzt an ihrem Mann, der sich „auf einen Quasi-Rollentausch eingelassen“ hat und für drei Jahre in Elternteilzeit ging. Während der Woche kümmert er sich daheim in ihrem Eifel-Bauernhaus die meiste Zeit um das Töchterchen. Einen Werktag aber versucht auch Nahles, der Hektik des Berliner Polit-Betriebes zu entreißen. Dann sitzt sie im letzten Flieger Richtung Frankfurt und arbeitet am nächsten Morgen von zu Hause. Manchmal schreit ihre Tochter im Hintergrund.

„Sonntag ist eigentlich Tochter-Tag. Dann gehe ich sehr ungern von ihr weg“, sagt Andrea Nahles. An diesem Wochenende lässt es sich mal wieder nicht vermeiden. Morgen Mittag beginnt die Vorstandsklausur. Da muss sie natürlich hin. Von der Eifel nach Berlin, vom Tag der Tochter zum Tag der Partei.

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