Johanna Mikl-Leitner

Frau ohne Wut

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Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner wird von vielen gehasst. Wenn sie davon redet, dass sie Österreich zur "Festung" ausbauen will, dreht sich bei Linken und Liberalen nicht nur in Österreich der Magen um.

Gemocht wird sie nicht, gehasst schon. Wenn die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) mit ihrer brüchigen, monotonen Stimme ihr Österreich „unattraktiv“ machen und Europa zur „Festung“ ausbauen will, dreht sich bei Linken und Liberalen nicht mehr nur in Österreich der Magen um.

Zur jüngsten Ankündigung der Regierung in Wien, bis 2019 mindestens 50.000 Flüchtlinge zurück in deren Heimat bringen, sagte Mikl-Leitner: „Viele Länder verschärfen jetzt ihre Gangart. Wir haben in Europa eine Kettenreaktion der Vernunft in Gang gesetzt.“ Wien hatte jüngst beschlossen, dass eine Obergrenze von 37.500 Asylbewerbern in diesem Jahr nicht überschritten werden soll.

Unsicher in der Sache, aber bombensicher im Urteil: Diese Kombination ist es, die Mikl-Leitners Gegner rasend macht. Umgekehrt liegen ihr Konservative und Rechte aber nicht zu Füßen. Die Codeworte, die sie schätzen, liefert Johanna Mikl-Leitner nicht. Es fehlt die Wut.

Selbst wenn sie auf politische Gegner eindrischt, was sie schon ausgiebig getan hat, klingt es leidenschaftslos. Als Salzburgs Landeshauptfrau, eine Sozialdemokratin, wegen Korruptionsvorwürfen die Freigabe des Blaulichtfunks blockierte, warf ihr die damalige Landesministerin vor, sie gefährde Menschenleben – und tat das ohne das gemeine Grinsen, das zu so einem Vorwurf passt.

Anderswo nehmen Konservative ihre Emotion aus der Skepsis gegen die Utopien der Liberalen und Linken. Nicht so im ländlichen Niederösterreich: Da gibt es keine Feinde. Zum Regieren wird man hier geboren.

Wie ihr Förderer, der langjährige Landeshauptmann Erwin Pröll, agiert Mikl-Leitner einfach ihren selbstverständlichen Konservatismus aus. Anders als ihr Mentor kann die Ministerin in der feindlichen Umgebung des roten Wien nicht einfach verteilen, segnen und dekretieren. Ständig wird man angegriffen. Angriffe zurückzuschlagen aber ist für Mikl-Leitner bloß eines unter den vielen Managementproblemen, die sie zu lösen hat. Die Sicherheit, die sie dafür braucht, nimmt sie aus dem Milieu.

Geboren am 9. Februar 1964 als Tochter eines Handwerksmillionärs, wuchs „Hanni“, wie man sie im heimischen Weinviertel nennt, in einem Dorf gleich an der tschechoslowakischen Grenze auf. Hier waren „unsere Leut‘“, dort waren die Böhmen und die Kommunisten – die man nicht kannte, nicht sah, nicht verstand. Niederösterreich, das Land um Wien, ist die konservativste Ecke der Republik. Es gibt kein links und kein rechts, nur oben und unten.

Der Politikertyp, der hier gedeiht, ist in Europa sonst kaum zu finden; zum Politiker im modernen, pluralistischen Sinne wird er überhaupt erst, wenn er aus seinem Biotop ausbricht und auf Gegnerschaft stößt. In Mikl-Leitners Biografie finden sich keine Debatten, Diskussionen, Auseinandersetzungen.

Irgendwann traf die junge Frau – nach einem Studium der Wirtschaftspädagogik – auf Pröll, den Fürsten, der sie an seinen Hof holte, mit wachsenden Aufgaben betraute und schließlich in Wien zur Ministerin machte. Als geborene Zwillingsschwester war und blieb Mikl-Leitner ergeben, frei von Profilierungssucht, loyal nicht nur gegen den Chef, sondern auch gegen die Untergebenen.

In der Sache überfordert, dienen der Innenministerin in der Flüchtlingskrise die Instinkte ihres Milieus als Kompass – die echte, tief empfundene Furcht vor dem Fremden, die diffuse Angst, die Sehnsucht nach Gewissheiten und festen Grenzen. Ironie zerschellt an ihr. Sie muss nicht kämpfen. Gewinnen will sie nicht, verlieren kann sie nicht. Nur bestehen. (mit dpa)

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