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Ein Mann umarmt weinend ein Besatzungsmitglied der „Open Arms“, nachdem er auf Lampedusa angekommen ist.

Franz Alt

Seenotrettung: Edmund Stoiber war damals der Salvini

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Der Journalist Franz Alt spricht in der FR über die Rettung der Boat People aus Vietnam und den Skandal des Massensterbens im Mittelmeer heute.

Herr Alt, am 31. August feiert die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ ihr 40-jähriges Bestehen. Sie waren an den Anfängen direkt beteiligt. Wie war das damals?
Kopf und Herz des Ganzen war natürlich Rupert Neudeck. Er war im Frühjahr 1979 für ein Interview mit Jean-Paul Sartre, über den er auch promoviert hatte, nach Paris gereist. Dort erzählte ihm der Philosoph André Glucksmann, dass französische Aktivisten ein Rettungsschiff für vietnamesische Bootsflüchtlinge gechartert hätten, aber nicht wüssten, wie sie es finanzieren sollten. Mit dieser Information kam Neudeck im Juni zu uns in die Redaktion von „Report Baden-Baden“: „Habt Ihr davon gehört? Es gibt ein Schiff, aber kein Geld.“ Er erzählte, dass er schon mit Heinrich Böll gesprochen habe, der die Aktion der Franzosen unterstützen wolle. Ich fragte Neudeck, ob er denn wisse, woher er das Geld nehmen wolle. Seine Antwort: „Keine Ahnung, vielleicht verpfände ich unser Häuschen.“ Wir gaben ihm dann drei Minuten live, um seine Idee den Report-Zuschauern zu erklären.

Und dann?
Wir durften in unsere Sendungen keine Kontonummern einblenden. Also hatte ich mit Neudeck ausgemacht, dass er sich bei der Bank eine ganz einfache, leicht zu merkende Nummer holen solle. So kam es zum Konto 22 22 22 2 bei der Stadtsparkasse Köln, auf dem drei Tage nach der Report-Sendung schon 1,2 Millionen Mark eingegangen waren. Das war so viel Geld, dass Neudeck beschloss, zusätzlich zu dem französischen auch noch ein deutsches Schiff auszurüsten und ins Chinesische Meer zu entsenden – die Cap Anamur. Das war auch bitter nötig. Sie müssen bedenken: Als die Cap Anamur aufbrach, waren bereits eine Viertelmillion Vietnamesen ertrunken. Eine Viertelmillion!

Schmidt hatte sich verpflichtet, vietnamesische Boat People aufzunehmen

Gab es darüber und über die Hilfsaktion eine öffentliche Debatte?
Und ob! Edmund Stoiber, damals CSU-Generalsekretär, beschwerte sich bei meinem Intendanten, dass wir Neudeck Sendezeit für seine Idee eingeräumt hatten. Mit solch einem Schiff im Chinesischen Meer, so Stoibers Argument, schaffe man doch erst die Anreize für die Boat People, sich aufs Meer zu wagen. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Stoiber, aber auch der hessische Ministerpräsident Holger Börner von der SPD, der ganz ähnlich argumentierte, das waren die Matteo Salvinis von damals. Zum Glück gab es aber auch die anderen.

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Nämlich?
Die damalige Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) hatte sich auf einer internationalen Konferenz dazu verpflichtet, vietnamesische Boat People aufzunehmen, die von Schiffen unter deutscher Flagge aus Seenot gerettet würden. Konkret zuständig für die Aufnahme waren dann aber die Länder, bei denen es immer wieder hakte. Deswegen sind Neudeck und ich auf Tour gegangen. Sehr hilfreich waren die CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (Niedersachsen), Lothar Späth (Baden-Württemberg) und Bernhard Vogel (Rheinland-Pfalz) sowie in Nordrhein-Westfalen Johannes Rau von der SPD. Mit diesen vieren haben wir immer wieder gesprochen, wenn es darum ging, die insgesamt 11 300 Menschen unterzubringen, die von der „Cap Anamur“ gerettet wurden. Ich frage mich: Wo bleibt heute eigentlich solch eine Selbstverpflichtung der Politik?

Franz Alt, geb. 1938, ist Journalist und Autor zahlreicher Bücher. Von 1968 bis 2003 arbeitete er beim Südwestfunk, der inzwischen Südwestrundfunk heißt und moderierte dort 20 Jahre lang das Politmagazin „Report Baden-Baden“.Dank Alts Interview mit Rupert Neudeck im Sommer 1979 in seiner Sendung (Foto) nahm die Rettungsaktion „Cap Anamur“ ihren Anfang.

Deutschland hat doch seit 2015 weit mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen.
Ja. Aber wir stehen momentan wieder vor einer ähnlich konkreten Herausforderung wie vor 40 Jahren. Auf dem Mittelmeer haben wir seit 2014 mindestens 18 000 Menschen ertrinken lassen. Das ist eine Schande für Europa. Dieses unsägliche Trauerspiel um jedes einzelne Schiff, das Flüchtlinge rettet und an Land bringen will, muss jetzt endlich aufhören. Und wenn wir erkennbar keine gesamteuropäische Lösung hinbekommen, sollten sich wenigstens die Westeuropäer zusammentun und ein verbindliches Aufnahme-Abkommen schließen. Ich bin sicher, Rupert Neudeck hätte genau das vorgeschlagen. Er hat im Übrigen immer auf die Empathiefähigkeit der Deutschen vertraut. „In jedem von uns steckt ein Flüchtling“, hat er gesagt. Und er hat nie vergessen, dass er selber ein Flüchtlingskind war. Um ein Haar hätte er mit seiner Mutter auf der „Wilhelm Gustloff“ gesessen, die auf der Ostsee von den Sowjets mit Tausenden Flüchtlingen an Bord versenkt wurde. Ich wundere mich manchmal, dass wir uns heute so schwertun mit den Flüchtlingen. Als ob wir vergessen hätten, dass nach dem Krieg 14 Millionen Deutsche selber Flüchtlinge und Vertriebene waren. Mit etwas besserem historischem Gedächtnis wüssten wir auch, dass im 19. Jahrhundert Millionen Deutsche aus den gleichen Gründen ihr Land verlassen haben, aus denen heute Afrikaner, Syrer oder Iraker aus der Heimat fliehen: Hunger, wirtschaftliche Not, Perspektivlosigkeit.

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Was bleibt 40 Jahre nach der Cap Anamur?
Die Seawatch-3 mit ihrer Kapitänin Carola Rackete – und all die anderen Helfer mit ihren Schiffen. Was Rupert Neudeck und seine Frau Christel, die man immer zusammen mit ihm nennen sollte, vorgemacht haben, das machen heute viele andere nach. Die beiden sind ein Paradebeispiel für ein gelingendes Leben – auch als Paar, bei dem eins plus eins immer mehr ist als zwei. Zudem war die Cap Anamur ja nur der Auftakt für ein unglaublich erfolgreiche, global tätige humanitäre Feuerwehr. Dieser Familienbetrieb namens Neudeck hat in Afghanistan mehr als 40 Schulen gebaut, Krankenhäuser im Sudan und in Ex-Jugoslawien. Er hat im Kongo Minen räumen lassen, und er hat 80 000 Flüchtlinge in einem Lager in Somalia über Jahre mit Wasser versorgt – einfach indem Rupert Neudeck mit ein paar Handwerkern aus Troisdorf und Umgebung hingeflogen ist und Brunnen gebohrt hat. Die Aktion hat eine halbe Million Mark gekostet.

Die Bundesregierung hatte zeitgleich ein Projekt zum Bau technologisch hochkomplexer Trinkwasser-Anlagen laufen, die 40 Millionen gekostet und selten funktioniert haben. Ich bin dankbar, dass ich dieses Wirken ein wenig begleiten und beobachten durfte.

Interview: Joachim Frank

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