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Blutüberströmt: Die mutmaßliche Uniform von Thronfolger Franz Ferdinand.

Erzherzog Franz Ferdinand Dokumente

Franz Ferdinand, famos

Eine Lebenschronik des 1914 in Sarajevo ermordeten Thronfolgers – eine Lese-Sucht auf über 3000 Seiten

Von Peter Roos

Eine Sensation! 3268 Seiten, 6 Kilo, 3 Bände, ein Thema: Der Thronfolger. Ein Titel: „Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 1863-1914“. Habe ich je ein eigensinnigeres Buch gelesen?

Drei Monate schon ergreifen mich all die Materialien, die Wladimir Aichelburg so grenzenlos ausbreitet. Ihr Sog hat mich heftigst erfasst, ich merke verdutzt, wie hungrig ich bin nach Wissen um das wirkliche Leben des berühmten Mordopfers von Sarajevo, sein Leben, seine Arbeit hinter Legende und Cliché: das Faszinosum Franz Ferdinand. Wie hat Autor Aichelburg diese Verblüffung geschafft?

Ein halbes Leben Archivarbeit. Alles, was Kriminalist Aichelburg ans Tageslicht befördert hat, um „diese unverstandene Persönlichkeit ins Licht zu rücken“, hat er der Chronik des gelaufenen Lebens zugeordnet. Und das sind runde 2000 sensationelle Seiten erstmals publizierter Fundstücke für die Ferdinandologie.

Entstanden ist ein Stunden-Buch, ein Tage-Buch, ein Lebens-Kalender. Neben der ganz großen Geschichte, die sich im Leben dieses Habsburgers bricht, blitzen die ganz kleinen Brosamen des Alltags auf und verweisen zurück aufs Große und Ganze.

Pferdenamen, PS-Zahlen, Gehaltslisten

Lesesüchtig, neugierig macht, was nicht aus der Lektüre-Spannung entlässt – die Vielfalt des Inhalts dieser Lebens-Agenda: Apotheken-Lieferscheine, Liebes-Briefe, Bettel- und Beschwerde-Briefe, Befehle, Botschaftsbotschaften, Chiffriertes, Dechiffriertes, Codes, Dokumente, Einkaufszettel, Gästebücher, Gehaltslisten, Geheimberichte, Gerüchte, Gesuche, Geschenkverzeichnisse, Infos, Memos, Journale, Nachrichten, PS-Zahlen, Pferdenamen, Presse-Stimmen, Rapports, Reisepläne, Sitzordnungen, Speisekarten, Schusslisten, Telegramme, Tagebücher, Zeitungsausschnitte, Zitate, Zitate, Zitate: eine Springflut von Fakten, eine gigantomane Collage, die einen auf das Irrsinnigste elektrisiert – famos!

Wie Franz Ferdinands Lieblingswort: „Famos“! Und immer genussvoll!, an die Schlüssellöcher in den Schlosstüren der zahllosen Palais des Prinzen zu treten, in sie hineinzukriechen, um zu äugen, spionieren, erschnüffeln, wie Geschichte riecht und stinkt. Und endlich, wie diese Unperson der österreichischen Vergangenheit Kontur, Seele bekommt, die sie hat. Auch wenn Generationsgenosse Freud 1898 töricht epistelt, FF habe mit seinem „ blöden Angesicht“ kein „Profil“!

Nach 100 Jahren gelingt dem Autor Aichelburg, Jahrgang 1945, tschechischer Graf, Franz- Ferdinand-Hagiograf und Militärhistoriker, eine grandiose Revision! Sie macht aus dem Machthaber das, was er war. Franz Ferdinand ist ab sofort nicht mehr nur das Monster, der Kotzbrocken, der Kriegstreiber, der Psychopath. Er führt vor, dass dieser eigensinnige Edelmann ein edler Mann sein konnte, mit atemberaubenden Geschenklisten, Gnadenerweisen, Gartenlüsten, Gerechtigkeitssinn. Der als Geizkragen verschrieene Betriebswirtschaftler war mehr als Rechnungsprüfer. Er war in maroder Monarchie eben nur modern. Ein begnadeter Briefsteller war er obendrein, pointiert, ganz und gar unhöfisch, unhöflich. Nie fad!

Außerdem ein rasanter Liebhaber

Süffig die Schreibweise. Seine Rhetorik grobianisch, rabiat. Aber eben auch rosenreich und kussvoll. Ein rasanter Liebhaber, Vater zweier unehelicher Söhne, mit deren gerichtsnotorischen Schicksalen man alleine ein Buch füllen könnte, vor allem mit jenem Kurt, der als Jude später Katholik, noch später Nazi wurde, und der selbst Hitler einzuspannen vermochte in seine Alimentation. Herzzerreißend natürlich die Liebesgeschichte zur späteren Ehefrau, der Ehefrau zur Linken, Sophie Chotek – beider amouröse Kommunikation verbrannt von den eigenen verklemmten Kindern im elterlichen Schloss Art-stetten!

Diese Kinder sind abgöttisch geliebt, gewissenhaft erzogen, fürsorglich versorgt worden vom „Franzi“-Vater, der sich auch mal in voller Generalsmontur auf den Kinderzimmerteppich warf, um mit seinen Kleinen Indianer zu spielen; zahllos an sie die Kabel verlegt direkt aus dem Herzen des Vaters, 200 Tage des Jahres in der Monarchie unterwegs. Sie durften bei Tisch mithören, mitreden, an Papis Hand Schlittschuhlaufen lernen, in den Zirkus Hatle eilen, er schenkte ihnen das erste Fernlenkschiffchen überhaupt, das sie im Belvedere-Teich schwimmen ließen, und an Weihnachten bog sich der Gaben-Tisch: „Jubel!“ FF wollte in der Ferne sogar wissen, dass am 10.6.1903 „der Prinz das erste Mal in Topf gemacht“ hat.

Aichelburg ist natürlich nicht der erste Publizist, der aus den Innereien eines Systems berichtet und sein Wesen so erklärt. Saint-Simons 20-bändige Erinnerungen an den Hof Ludwigs XIV. habe ich gefressen, Ilsemanns zweiteilige Aufzeichnungen über den Exil-Hof Kaiser Wilhelms in Holland verschlungen, Max Domarus’ „Hitler“-Chronik in vier Bänden studiert, im 7000-seitigen Journal der Gebrüder Goncourt bin ich noch immer gefangen – so macht der subjektive Faktor objektive Geschichte. So funktioniert auch Aichelburg.

Aichelburg ist auch ein Nachschlagewerk. Wie hat, zum Beispiel, FF reagiert auf die Nachricht vom Freitod des Thronfolgers in Mayerling, die ihn erst zu dem machte, was er wurde? Wie auf die Spionage-Affaire Redl? Auf den Mord an Sisi? Sein Verhältnis zum deutschen Brachialkaiser Wilhelm II.? Zur Kunst der Sezession? Pressefreiheit? Parlamentarismus? Republik? Thronfolge? Ungarn? Serbien? Krieg? Frauen? Zum jüdischen Bankhaus Rothschild?

Verstörend, wie der subjektive Faktor objektive Geschichte macht am Beispiel des dokumentierten Konsums von Medikamenten, die die Hofapotheke wöchentlich liefern muss an den zukünftigen Kaiser; Arzneien, die ihn nach überstandener lebensgefährlicher TBC als gesundheitlich Angeschlagenen ausweisen – penibel, putzsüchtig, hypochondrisch, codeinabhängig, behandelt mit Coffein, Cocain, Morphium: Ein Mensch, der ständig so viel Schmerzmittel braucht, muss ständig so viel Schmerzen haben, dass auch die Cholerik seiner Seele in anderem Licht erscheint.

Entsetzen über das FF-Notizbuch von 1898ff angesichts des habsburgianischen Macchiavellismus, Widerwille angesichts der manischen Jagdausflüge – am 22.8.1905 der 3000. Hirsch, am 4.11.13. der 6000. erlegt, am 20.6.12 Möwen 840, 866 Hasen am 3.11.11.

Literaturverzeichnis? Nachlässigkeiten!

Natürlich hat diese Publikation dicke Mängel. Fehler, da der Autor jedwede Verlagskooperation ablehnte! Fehlende Orts-, Namensregister. Kompaktes Literaturverzeichnis? Nachlässigkeiten – ein „jüdisch versippt“ setzt er nicht in Anführungszeichen. So findet man bei Aichelburg zwar alles, aber daher nichts! Das hat Reiz, denn diese 3268 Seiten könnten genauso gut ein Roman sein: Alles erfunden! Als Aristo-Trilogie blauesten Blutes sofort zu verfilmen!

Zwischensumme nach den ersten 2200 gelesenen Seiten? Verstehen, welch hermetisch in sich abgeriegelte Kaste der Adel in dieser Untergangsepoche war, die 1914 nur noch um vier Jahre überlebte. Verstehen, wie ein Franz Ferdinand am sterilisierten Hof Franz Josephs, an den der übel riechende Odem des Volkes nicht hinstinken konnte, schon zu Lebzeiten gescheitert war: Schönbrunn ist die Kapuzinergruft.

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