Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Freundliche Anteilnahme? Ein französischer Soldat beobachtet 1994 die Ausbildung von Hutu-Rekruten.
+
Freundliche Anteilnahme? Ein französischer Soldat beobachtet 1994 die Ausbildung von Hutu-Rekruten.

Genozid in Ruanda

Frankreichs Schande in Türkis

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
    schließen

Kommission legt Präsident Macron Bericht über die Verstrickung in den Genozid in Ruanda vor

Die Wahrheit will ans Licht – mit mehr als einem Vierteljahrhundert Verspätung. 800 000 Menschen wurden 1994 in Ruanda von fanatisierten Milizen niedergemetzelt. Und Frankreich war darin aktiv verstrickt. Die Täter gehörten der Bevölkerungsmehrheit der Hutu an, die Opfer waren fast ausschließlich Angehörige der Tutsi-Minderheit. Eine UN-Mission vor Ort wurde zur – beinahe – Untätigkeit gezwungen, den Genozid beendeten schließlich Tutsi-Exiltruppen, die von Uganda aus das Mordregime davonjagten.

Verjagten in die „türkise“ Sicherheitszone der französischen „Opération Turquoise“ (so genannt, weil ihre Zone auf Karten türkis eingefärbt war). Von den 2500 französischen Soldaten dort waren einige schon vier Jahre im Land, entsandt vom damaligen Präsident François Mitterrand das wenig präsentable Regime des Hutu-Präsidenten Juvénal Habyarimana zu stützen. Geschah das vornehmlich um das Vordringen des anglophonen Einflusses durch die seit mehr einer Generation in ugandischen Flüchtlingslagern hausenden Tutsi zu stoppen?

Diesen ungeheuerlichen Vorwurf hat nun Frankreichs Geschichtsforschung untersucht. 1200 Seiten an Bericht hat eine Kommission unter dem Historiker Vincent Duclert Präsident Emmanuel Macron nun vorgelegt. Fazit: Frankreich trage eine „schwere und erdrückende Mitverantwortung“ an dem Genozid. Der französische Staat habe zwischen 1990 und 1994 schlicht „versagt“, die korrupte Hutu-Diktatur „gestärkt“ und selber eine „ethnizistische“ Sicht des Konflikts verfolgt. Die ruandische Armee wurden von Franzosen ausgebildet und mit „beträchtlichen Mengen von Waffen und Munition“ beliefert. Das kam dann vielen der Mordbanden zugute. Die französische Öffentlichkeit erfuhr davon kaum was: Alle Beschlüsse seien auf wenig transparente Weise im Elysée gefallen, so Duclerts Team. Eine „Parallel-Diplomatie“ unter Mitterrands Aufsicht habe die üblichen Instanzen wie etwa das Parlament schlicht umgangen.

Der Bericht betont allerdings auch, dass Frankreich die „Génocidaires“ nicht direkt ausrüstete. Eher habe Paris gar „nicht verstanden“, was in Ruanda vorging. Eine echte Komplizenschaft an dem Völkermord bestehe deshalb nicht – Mitverantwortung ja, Mitschuld nein, lautet in aller Kürze das Urteil. Ermöglicht wurde das im Übrigen durch ungehinderten Zugang zu den Archiven, insbesondere denen im Elysée.

Es spricht für das heutige, wenn gleich verspätete Funktionieren der politischer Kontrollmechanismen in Paris, dass nicht nur die „offizielle“ Kommission die Dokumente einsehen konnte, sondern auch kritische Fachleute. François Graner von der antikolonialistischen Vereinigung „Survie“ kommt denn auch zu einem noch härteren Urteil: Die französische Politik habe insofern „Beihilfe zum Genozid“ dargestellt, als es sich um eine „aktive Unterstützung in Kenntnis der Umstände“ handelte. Bis heute ist laut Graner unklar, was Dutzende Franzosen, die während des Genozids in Ruanda blieben, dort eigentlich taten. Der Duclert-Bericht hat darauf keine Antwort.

Ein Erfolg ist der Bericht für Macron aber alle Mal, kann er doch nun für sich in Anspruch nehmen, auch unangenehme Aspekte der französischen Afrikapolitik aufzuarbeiten. Zu Jahresbeginn hat er auch schon einen Bericht zum immer noch traumatischen Algerienkrieg entgegengenommen. Macron ist seit längerem bemüht, in Afrika über das bisherige frankophone Einflussgebiet hinaus – etwa mit Südafrika – neue politische und wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Ende April will er in Ruanda dessen Präsidenten Paul Kagame treffen, um die seit „Turquoise“ gespannten Beziehungen zu verbessern.

Paradoxerweise muss sich Macron vorwerfen lassen, dass er mit Kagame nicht gerade einen Bilderbuchdemokraten trifft. In Kigali läuft gerade ein Prozess gegen Paul Rusesabagina, der seit dem Film „Hotel Ruanda“ als „afrikanischer Schindler“ gilt, weil er mehr als 1000 Tutsi vor den Mördern rettete. Heute wird dem 66-jährigen Oppositionellen wegen „Terrorismus“ der Prozess gemacht. Der exilierte Rusesabagina wurde 2020 festgenommen, als sein nach Flug mit Zielort Burundi mysteriöserweise nach Ruanda umgeleitet wurde. Heute wird kaum mehr bezweifelt, dass Kagame hinter der Entführungsaktion steckte. mit rut

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare