Wahlsiegerin Anne Hidalgo.
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Wahlsiegerin Anne Hidalgo.

Kommunalwahl

Frankreichs sanfte Revolutionärin

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo wird nach ihrem kommunalen Wahlerfolg als mögliche Präsidentschaftskandidatin gehandelt - ein Porträt.

Bei den französischen Kommunalwahlen im Amt bestätigt, führt die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo die „grüne Welle“ in Frankreich an. Bei den Präsidentschaftswahlen wird sie nun als ernsthafte Alternative zu Emmanuel Macron und Marine Le Pen gehandelt.

Am Sonntag wurde die 61-jährige Sozialistin bei den landesweiten Gemeindewahlen souverän wiedergewählt. Mit 48,7 Prozent lag sie klar vor ihren beiden Herausforderinnen, der Konservativen Rachida Dati (35,6 Prozent) und der „Macronistin“ Agnès Buzyn (13,5). Die beiden warfen Hidalgo im Wahlkampf vor, sie denke nur an ihre Wähler: Für die jungen grünen „Bobos“ (bourgeois-bohème) baue sie massenhaft Sozialwohnungen und Radwege; die Kriminalität und die Rattenplage in Paris kriege sie indes nicht in den Griff.

Lächelnd, mit weicher Stimme bestätigte Hidalgo im TV-Duell: Ja, sie wolle den Anteil der Sozialwohnungen bis 2030 von heute unter 20 auf 30 Prozent erhöhen. Nur so könne man den horrenden Immobilienpreisen in Paris – mehr als 10 000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche – und der damit verbundenen „Gentrifizierung“ entgegensteuern. Auch kämpfe sie gegen Reiseplattformen wie Airbnb, die Wohnhäuser in anonyme Tourismus-Absteigen verwandelten und ganze Viertel wie das Marais ihrer Wohnbevölkerung beraubten.

Und ja, fügte Hidalgo an, Paris solle eine Fahrradstadt werden. Das wäre eine Revolution für die chronisch verstopften Boulevards. Geduldig, aber unbeirrbar arbeitet die Andalusierin, die mit 14 Jahren nach Paris kam, auf dieses Langzeitziel hin. Die Schnellstraßen entlang der Seine hat sie bereits in Flaniermeilen verwandelt; Diesel- und alten Benzinmotoren verwehrt sie die Zufahrt in die Innenstadt. In der Corona-Krise hat sie über Nacht ganze Auto- in Radspuren verwandelt. Die Pendler aus den Vororten schimpfen jeden Morgen über die rote Stadtvorsteherin.

Mit ihrem persönlichen Wahltriumph führte Hidalgo die „grüne Welle“ an, die Frankreich am Wahlsonntag erfasste. Die Ökopartei „Europe Ecologie - les Verts“ eroberte die Rathäuser von Bordeaux, Lille, Strasbourg und eventuell auch Marseille; Grenoble und Paris behauptete sie spielend. Mehr denn je gilt Hidalgo als mögliche Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen 2022. Während der Kampagne beantwortete sie alle diesbezüglichen Journalistenfragen mit einem klaren „Nein“. Aber hatte nicht schon ihr ehemaliger Parteifreund und Präsident François Mitterrand erklärt, nur Dummköpfe änderten nie ihre Meinung? Seit Montag hat Frankreichs Linke jedenfalls eine echte Alternative zu Emmanuel Macron und Marine Le Pen.

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