Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kolleginnen und Kollegen erinnern im Oktober an den ermordeten Lehrer Samuel Paty.
+
Kolleginnen und Kollegen erinnern im Oktober an den ermordeten Lehrer Samuel Paty.

Samuel Paty

Frankreichs Präsidentenwahl im Bann eines Mordes

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
    schließen

Ein Jahr nach dem Mord anLehrer Samuel Paty nimmt die Präsidentschaftskampagne Kurs nach rechts – die Tat hängt dunkel und unverarbeitet über der anstehenden Wahl.

Es wird keine leichte Aufgabe für die französischen Lehrerinnen und Lehrer: Eine Stunde lang haben sie am Freitag in ihren Klassen über das Thema „Meinungsäußerungsfreiheit“ zu diskutieren. So auch in den Schulen des Pariser Vororts Conflans-Sainte-Honorine: Dort war vor einem Jahr der Geschichtslehrer Samuel Paty von einem 18-jährigen Tschetschenen niedergestochen und enthauptet worden, nachdem er Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ im Unterricht thematisiert hatte. Der Täter wurde erschossen; gegen 16 Mitläufer wird noch ermittelt.

Heute versucht Patys ehemalige Mittelschule Bois d’Aulne wieder Fuß zu fassen. Im jährlichen Unterrichtsprogramm findet die Schreckenstat keinen Niederschlag. Presseanfragen beantwortet die Schulrektorin nicht, was man ihr nachsehen kann. Nur gerüchteweise wird kolportiert, dass ein Dutzend Schülerinnen und Schüler weiterhin psychologisch betreut würden; ein Drittel der Lehrenden habe die Schule seit der Schreckenstat verlassen.

Aufarbeitung anders als nach Anschlägen von 2015

Schaut man auf die vergangenen zwölf Monate zurück, fällt vor allem auf, dass die französische Öffentlichkeit auf Patys Tod ganz anders reagierte als nach der Anschlagsserien von 2015 auf die „Charlie“-Redaktion und das Bataclan-Konzertlokal. Damals war eine Million Menschen in einem kollektiven Elan auf die Straße gegangen; schockiert, aber sehr bestimmt stellten sich die Bürger:innen den Islamisten entgegen und schrieben auf Kartonschilder, sie hätten „même pas peur“ (schon gar keine Angst).

Nach der Ermordung Samuel Patys gab es kaum Tränen, dafür wortlose Bestürzung und Wut über die barbarische Tat, die aus dem Krieg in Syrien Europa erreicht hatte. „Unfassbar“, sagten die meisten, um Worte ringend, und dann: „Es hört ja nicht mehr auf“. Das klang indes nicht fatalistisch – eher nach Faust im Sack.

Präsident Emmanuel Macron spürte, dass im Land etwas gärte. Er wies seinen Innenminister Gérald Darmanin an, das bekannte „Komitee gegen Islamophobie“ (CCIF) wegen seiner Nähe zu einem Anti-Paty-Agitatoren aufzulösen. Dazu aktivierte er ein bereits vorberatenes Gesetz „zur Stärkung republikanischer Prinzipien“. Es schaffte unter anderem einen Tatbestand für verbale oder physische Gewalt gegen Staatsbedienstete.

Präsident Macron reagiert auf Verbrechen

Der Erlass war noch nicht in Kraft, da wurde im April in Rambouillet, einem anderen Vorstädtchen von Paris, eine Polizistin zu „Allah Akbar“-Rufen erstochen. Der Täter, ein depressiver 37-jähriger Tunesier, hatte sich im Netz radikalisiert. Flugs erfanden Macrons juristische Fachleute ein neues, mit Algorithmen feststellbares Delikt: den Besuch extremistischer Webseiten. Dem Dachrat des Islam (CFCM) rang er eine „Imam-Charta“ ab, in der sich die meisten Imame verpflichteten, nur noch republikskonform zu predigen. Im Sommer schuf Macron zudem ein „interministerielles Laizismusgremium“, das unter anderem zum Ziel hat, das säkulare Prinzip an Schulen und im Sport zu verankern.

Vielen Französinnen und Franzosen klingt das zu administrativ. Seit Samuel Patys Tod glauben nicht mehr alle an neue Gesetze und Verbote, Chartas und Instanzen. Sie übersehen aber: Mit Hilfe der schärfsten Antiterrorgesetzgebung Europas erzielt die französische Polizei regelmäßig Fahndungserfolge. Erst im September machte sie einen 27-jährigen Islamisten dingfest, der sich eine Kalaschnikow aus den USA hatte liefern lassen. Offenbar wollte er gerade zur Tat schreiten. Die Verhaftung bestärkt die Nation aber nur noch im Gefühl einer anhaltenden Bedrohung. Die Frage ist nur, wo und wann es weitergehen wird. Und jetzt, ein Jahr „nach Samuel Paty“, findet diese Stimmung politischen Widerhall.

Nichts hilft: Der Mord an Paty beeinflusst die kommenden Wahlen

Die linksliberale Zeitung „Le Monde“ warnte, der Paty-Mord habe offensichtlich „einen Bruch in der öffentlichen Meinung“ bewirkt. Sichtbar wird das im einsetzenden Präsidentschaftswahlkampf: Er wird völlig dominiert von ausdrücklichen Islam- und Migrationsgegner:innen wie Marine Le Pen oder Eric Zemmour. Ihr Erfolg zwingt die Konkurrenz zum Nachziehen: Der konservative Kandidat Michel Barnier plädiert für ein Immigrationsmoratorium, seine gemäßigtere Parteifreundin Valérie Pécresse für Einwanderungsquoten.

Die Linke schweigt, tief gespalten zwischen hartem Laizismus und Migrationsbefürwortung. Für sie ist das Thema „Samuel Paty“ eine politische Falle. Vergeblich versuchen rot-grüne Kandidaten, wirtschaftspolitische Themen zu lancieren. Nichts hilft: Patys Mord hängt dunkel und unverarbeitet über den Präsidentschaftswahlen vom kommenden April.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare