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Schädel und Gebeine der Opfer in der Grundschule der katholischen Kirche in Nyarubuye,

Zentralafrika

Frankreichs offene Wunde heißt Ruanda

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Frankreichs ungeklärte Rolle beim zentralafrikanischen Genozid belastet die Beziehungen beider Staaten noch immer.

Das Arrangement sieht wie die Installation eines Pazifisten aus. Auf dem grünen Rasen im Garten einer stattlichen Villa liegen zwei Düsentriebwerke, offensichtlich bei einem Absturz zerdeppert, daneben rostet ein Teil eines Flugzeugrumpfes vor sich hin. Doch das gruselige Arrangement hat kein Künstler hier platziert, sondern die Geschichte: Es handelt sich um die Überreste der Falcon-50-Maschine des ehemaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana, die heute vor 25 Jahren über Kigali, der Hauptstadt des Kleinstaats Ruanda, abgeschossen wurde. Ein zynischer Zufall wollte es, dass Trümmer der Maschine ausgerechnet im Garten der Präsidentenvilla landeten. Dort sind sie noch heute zu besichtigen.

Der Abschuss des Flugzeugs löste den verheerendsten Völkermord der jüngeren Geschichte aus: Innerhalb von drei Monaten wurden mindestens 800.000 Menschen, vor allem Angehörige der Tutsi und moderate Hutu, getötet. Selbst ein Vierteljahrhundert später steht nicht fest, wer die Maschine des als gemäßigt geltenden Hutu-Führers vom Himmel geholt hat. Ende 2018 stellte die französische Justiz ein über zehn Jahre andauerndes Ermittlungsverfahren ein, das die Rebellentruppe des heutigen Präsidenten Paul Kagame für den Absturz verantwortlich zu machen suchte: Der Chef der „Ruandischen Patriotischen Front“ (RPF) habe den Völkermord an den Tutsi, denen auch er angehört, selbst provoziert, um im anschließenden Chaos seine einstige Heimat zurückerobern zu können.

Der „absurde“ Vorwurf (Kagame) belastete die ruandisch-französischen Beziehungen jahrelang: Kagame brach die diplomatischen Beziehungen ab und führte Englisch als offizielle Landessprache ein. Nur allmählich wich die Eiszeit: Botschafter wurden wieder ausgetauscht, Kagame reiste 2018 nach Paris, und Emmanuel Macron wurde zum Genozid-Gedenken am Sonntag in Kigali geladen.

Macron sagt Teilnahme kurzfristig ab

Doch Frankreichs Präsident sagte seine Teilnahme kurzfristig ab – was nicht ganz überraschend ist, denn wirklich rein ist die Luft noch lange nicht. Zwar ist der erbittertste Streitpunkt, das Ermittlungsverfahren, aus dem Weg geräumt. Es wurde aber erst eingestellt, nachdem Ermittler nach Ruanda gefahren waren, um Details des Abschusses zu eruieren: Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Rakete von einem Hügel aus abgefeuert worden sein musste, der gar nicht von Kagames vorrückenden Rebellen, sondern von einer Elitetruppe der Armee gehalten wurde. Eine Mehrheit von Ruanda-Experten vertrat schon immer die These, dass Habyarimanas Maschine von radikalen Hutu abgeschossen wurde, die den Präsidenten im Umgang mit den Tutsi für viel zu moderat hielten. Dafür spricht auch, dass der Völkermord bereits wenige Stunden nach dem Abschuss begann – und zwar peinlichst gut vorbereitet und exekutiert.

Das ruandisch-französische Verhältnis wird schon seit Langem auch dadurch getrübt, dass Habyarimanas Armee, zu der auch militante Hutu wie der berüchtigte Oberst Théoniste Bagosora gehörten, bis zum Ausbruch des Völkermords von Frankreich ausgebildet wurde. Inzwischen freigegebenen Dokumenten zufolge soll der Geheimdienst DGSE von den Vorbereitungen zum Massenmord sogar informiert gewesen sein. Auch sieht sich Frankreichs Armee dem Vorwurf ausgesetzt, mit ihrer erst am Ende des Genozids lanzierten „Opération Turquoise“ Schutzzonen für die Völkermörder statt für die Opfer des Genozids geschaffen zu haben: So versäumte die Eingreiftruppe es, ein Massaker an über 60.000 Tutsi in Bisesero zu verhindern. Belastend wirkt sich schließlich auch Frankreichs Weigerung aus, mutmaßliche Völkermörder wie Habyarimanas Witwe Agathe Kanziga, Ex-Richter Manasse Bigwenzare sowie den Priester Wenceslas Munyeshyaka an Ruanda auszuliefern.

Selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Massenmord ist die Genocide Fugitive Tracking Unit (GFTU) in Kigali noch immer damit beschäftigt, flüchtige Völkermörder in aller Welt auszumachen: Mehr als tausend wollen die ruandischen Jäger in anderen afrikanischen Staaten, in Europa und Nordamerika bereits ausfindig gemacht haben. Während Deutschland, Holland oder die USA schon mehrere Verdächtige zum Prozess nach Kigali geschickt haben (nachdem Ruanda die Todesstrafe abgeschafft und faire Gerichtsverfahren versprochen hatte), bleibt Paris hartnäckig bei seinem Nein zu Auslieferungsersuchen. Zwar haben französische Gerichte inzwischen einen Ex-Offizier und zwei Ex-Bürgermeister des Völkermords für schuldig befunden. „Viel zu wenige und viel zu schleppend“, klagt aber GFTU-Chef Faustin Nkusi, Ruandas Simon Wiesenthal. Immerhin: Am Freitag wurde bekannt, dass Macron eine Expertenkommission berufen hat, die Frankreichs Rolle beim Genozid untersuchen soll.

Tatort Kirche

Sehr viele Ruander kamen in Kirchen ums Leben, wo sie Schutz gesucht hatten. Die Täter schossen in die Kirchen, warfen Handgranaten oder zündeten die gefüllten Gotteshäuser an.

Kirchenvertreter waren zum Teil direkt am Morden beteiligt. Priester lieferten Schutzsuchende aus oder führten Killerkommandos an, mindestens zwölf von ihnen töteten sogar eigenhändig. Auf der anderen Seite starben auch mindestens 100 Pfarrer und Nonnen, die sich den Mördern in den Weg gestellt hatten.

Nach dem Völkermord traten viele Ruander aus den Kirchen aus. In Gemeinden, deren Priester oder Mitglieder Täter oder mindestens Mittäter waren, wollten sie nicht mehr beten. Freikirchen und der Islam hingegen erlebten einen Aufschwung. epd

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