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Manche erklärten ihn schon zu Lebzeiten für unsterblich: Valéry Giscard d’Estaing im Jahr 2004.
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Manche erklärten ihn schon zu Lebzeiten für unsterblich: Valéry Giscard d’Estaing im Jahr 2004.

Valéry Giscard d’Estaing

Frankreichs größter Europäer

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Valéry Giscard d’Estaing, EU-Pionier und G7-Begründer, genoss zeitlebens international mehr Ansehen als in seinem eigenen Land. Ein Nachruf.

Es war im Herbst 2019, der Brexit stand an und das Schicksal Europas auf der Kippe. Da konnte Valéry Giscard d’Estaing nicht länger schweigen. Mit 93 Jahren empfing er nochmals ein paar europäische Journalisten. Seine Botschaft: Die EU solle den Briten einen einjährigen Brexit-Aufschub vermitteln, um das Schlimmste zu verhindern.

Nach Verlassen seines Büros am Boulevard Saint-Germain waren sich alle Besucher einig: Dieser Mann mit dem gebeugtem Gang und dem wachen Blick, der entgegen seinem Ruf sehr bescheiden auftrat, war ein Staatsmann und Visionär. Und statt anderen eigene Standpunkte aufzudrängen, erkundigte er sich lieber mit ehrlichem Interesse , was sich in den europäischen Ländern seiner Gesprächspartner gerade tat.

Am 19. Mai 1981 war das noch anders. Der gerade abgewählte Staatschef trat vor die Fernsehkameras, um sich von seinen Landsleuten zu verabschieden und ihnen „Glück und Größe“ zu wünschen. Nach seiner kurzen Ansprache blieb die Kamera irrtümlicherweise noch an. Dadurch verwirrt, brachte Giscard nur noch ein „Au-revoir“ zustande; dann erhob er sich, kehrte dem TV-Publikum den Rücken zu und verließ das Studio vor der versammelten Fernsehnation. Zum Bild eines leeren Stuhls erklang nun die Marseillaise, als wollte sie den peinlichen Moment überspielen.

Die Französinnen und Franzosen wussten, wie so oft bei Giscard, nicht so recht, ob sie nun lachen oder weinen sollten. Der pathetische Abgang passte zu ihrem Präsidenten, der etwas von einem Don Quichotte hatte und von einem Aristokraten, der er eigentlich gar nicht war. Valéry René Marie Georges Giscard d’Estaing entstammte einer gutbürgerlichen Familie, die sich das Adelsprädikat unter Valérys Vater zugelegt hatte. Der Filius absolvierte eine Blitzkarriere als Finanzinspektor und -minister und wurde 1974 mit nur 48 Jahren Staatschef. An seiner Bürowand hingen bis zu seinem Tod Schwarzweißfotos von ihm, eines zeigte ihn neben Charles de Gaulle, eines neben John F. Kennedy.

Giscards siebenjährige Amtszeit von 1974 bis 1981 war wirtschaftlich erfolgreich und bescherte Frankreich einen Modernisierungsschub. Wahlalter 18, Schwangerschaftsabbruch, Scheidungsrecht, Frauenbehörde: „VGE“, wie ihn viele Medien nannten, gab zahlreiche gesellschaftspolitische Anstöße und schuf ein „Ministerium der Lebensqualität“; auch stand er dem heute viel besuchten Impressionisten-Museum Orsay Pate.

Zugleich schmunzelten die Französinnen und Franzosen über Giscards ständige Fettnäpfchen. Zum Verhängnis wurden ihm die so genannten Bokassa-Diamanten. Der leidenschaftliche Jäger, den ein Satiremagazin mal als „Elefantentöter“ bezeichnete, hatte auf privaten Safaris vom größenwahnsinnigen Kaiser der Zentralafrikanischen Republik kompromittierende Geschenke erhalten.

Die – nicht einmal sehr wertvollen – Schmuckstücke trugen schließlich zu Giscards Wahlniederlage von 1981 gegen den Sozialisten François Mitterrand bei. Die Hauptschuld daran hatte allerdings ein Mann aus dem eigenen, bürgerlichen Lager – Jacques Chirac. Der Gaullist war im ersten Wahlgang als Drittplatzierter ausgeschieden und gab für die Stichwahl nur ein Lippenbekenntnis für Giscard ab; hinter den Kulissen trat er gar für Mitterrand ein.

Diesen politischen Verrat verzieh Giscard seinem Nebenbuhler nie. Dabei hätte er wirklich nicht mit seinem Schicksal zu hadern brauchen. Nach seiner Abwahl 1981 stand VGE 18 Jahre lang dem Regionalrat der Auvergne vor. Dank einer eigenen Partei, der christdemokratischen und liberalen „Union für die französische Demokratie“ (UDF), verfügte er über viel politischen Einfluss. Zudem saß er im französischen Verfassungsgericht und der altehrwürdigen Académie Française – beides auf Lebenszeit.

Außerhalb Frankreichs genoss der leidenschaftliche Europäer hohes Ansehen. Der 1926 im französisch besetzten Koblenz geborene Funktionärssohn setzte die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle lancierte „deutsch-französische Freundschaft“ in die Tat um. Zusammen mit Kanzler Helmut Schmidt schuf er 1979 das Europäische Währungssystem (EWS). Mehr noch: Dank Giscards Impulsen nahm die EG wirklich Form an.

Giscard war für Deutschland der „sicherste“ Proeuropäer unter den französischen Spitzenpolitikern. All seine Nachfolger, auch Mitterrand, der 1989 vor der deutschen Wiedervereinigung warnte, verhielten sich gegenüber Brüssel zumindest berechnender. Das gilt auch für Emmanuel Macron, der mit Giscard das junge Präsidentenalter und den liberalen, bisweilen technokratischen Ansatz gemein hat, innerhalb der EU gerne auf Solotouren zu setzen.

Giscard arbeitete bis ins 21. Jahrhundert weiter an „seinem“ Europa. 2001 leitete er die EU-Konvention, welche eine europäische Verfassung ausarbeiten sollte. Dass die Franzosen das Projekt an der Urne 2005 ablehnten, empfand er als persönlichen Rückschlag. Aber auch das folgende Abkommen von Lissabon trägt bis in die Details seine Handschrift.

Seine europäischen Überzeugungen hinderten VGE nicht daran, vor einer zu raschen Erweiterung der EU zu warnen. Wären seine Appelle gehört worden, stünde die Union heute zweifellos solider, aber auch kompakter da.

Der europäische Nachruhm genügte Giscard indes nie: Der Altpräsident suchte in erster Linie – und stets vergeblich – die Anerkennung der Französinnen und Franzosen, die ihn 1981 an den Wahlurnen verschmäht hatten. Selbst Macron, der ihm politisch nahestand, sich aber in historischen Belangen lieber an Charles de Gaulle spiegelt, ehrte ihn am Donnerstag eher nüchtern als „großen Europäer“.

Auch die konservative Zeitung „Le Figaro“ betonte ohne Nachsicht „seinen Durst nach sozialer Anerkennung, seinen Hang zum Prunk und seine Besessenheit für Adelstitel“. Und erinnerte daran, dass der alternde Giscard gerne halberotische Jagdromane schrieb und bei Tischgesprächen über seine angebliche Liaison mit Lady Diana fabulierte.

Diese mehr menschlichen Seiten nimmt Giscard mit ins Grab; dafür hinterlässt er den Ruf eines Europa-Pioniers und G7-Begründers, der international mehr Ansehen genoss als in seinem eigenen Land.

Auch wenn es viele seiner Landsleute bestreiten würden, war Giscard einer ihrer besten Präsidenten. Laut dem Soziologen Edgar Morin waren die Siebzigerjahre jedenfalls „die glücklichste Zeit Frankreichs“ nach dem Krieg. Und das war auch ein wenig Giscards Verdienst. Der Staatsmann verstarb am Mittwoch im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Coronavirus-Infektion.

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