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Tage der Wut, März 2019: Algeriens Jugend bewaffnet sich nach einer Demo mit Asphalt-Bruch für Gefechte mit der Staatsmacht.

Algerien

Frankreichs Angst vor der islamistischen Chimäre

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Emmanuel Macrons Regierung reagiert sehr vorsichtig auf den Machtwechsel in Algerien – mancher warnt schon vor der Destabilisierung des Landes.

Die Euphorie der algerischen Bevölkerung nach dem Rücktritt des greisen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika hat die französische Regierung ganz offensichtlich nicht angesteckt. Außenminister Jean-Yves Le Drian spricht sich sehr lapidar für einen „demokratischen Übergang in Ruhe und Verantwortung“ aus. Stabilität kommt für Paris vor Veränderung in dem riesigen Land südlich des Mittelmeeres, dem größten Staat Afrikas.

Algerien ist für die ehemalige Kolonialmacht (1830 bis 1962) ein Schlüsselstaat Westafrikas: Dort führen französische Soldaten seit sechs Jahren Krieg gegen Dschihadisten, die sich häufig von Mali über die offene Sahara-Grenze nach Algerien absetzen. Dazu kommt das abschreckende Beispiel Libyens: Welches Chaos ein Regimewechsel verursachen kann, hat dort der Sturz Muammar al-Gaddafis 2011 vor Augen geführt.

Nach Bouteflikas Demission warnt die Rechtsextremistin Marine Le Pen bereits vor einer neuen „Migrationswelle“, die über Frankreich kommen werde, wo heute über drei Millionen Algerier oder Franzosen mit algerischen Vorfahren leben. Der Chef der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez, äußert ebenfalls „große Sorge“, dass Islamisten ein Machtvakuum in Algerien ausnützen könnten. 1991 verhinderte nur die algerische Armee einen Wahlsieg der dschihadistischen FIS. Im darauffolgenden „schwarzen Jahrzehnt“ lieferten sich die Streitkräfte und die islamistischen GIA-Milizen einen blutigen Kleinkrieg mit mehr als 100 000 Todesopfern. Bouteflika wurde 1999 auch deshalb gewählt, weil er ein Ende des Bürgerkriegs und eine nationale Versöhnung versprach.

Die Islamisten sind out

Die Führer der FIS leben noch, wenn auch zum Teil im Exil. Realistische Hoffnungen auf eine politische Rückkehr können sie sich kaum mehr machen: Bei den Riesendemonstrationen in Algier und anderen Städten wurden FIS-Anhänger meist aus den Umzügen verjagt. Die algerische Jugend will mit den Anhängern derer, die ihr Land in einen zermürbenden Krieg stürzten, nichts zu tun haben. Ganz grundsätzlich reagiert sie allergisch auf jeden Versuch von außen, ihre Bewegung politisch zu vereinnahmen.

Der einflussreiche salafistische Prediger Abdelfattah Hamadache schimpft deshalb, die Demos seien von westlichen – genauer gesagt: von französischen „Agenten-Ratten“ unterwandert. Aus seinem türkischen Exil fiel Wajdi Ghoneim, einer der virulentesten Wortführer der Muslimbruderschaft, auch über die Algerier her. Sie würden sich bei ihren Freitagsdemos besser für die Einführung der Scharia als für die Demokratie einsetzen, polterte er.

Das macht die Pariser Medien hellhörig. „Le Figaro“ zitierte einen algerischen Regimevertreter mit den Worten: „Nur weil die Bilder von den Umzügen viele junge und unverhüllte Frauen zeigen, aber wenig ‚Bärtige‘, heißt das noch nicht, das sich keine Islamisten darunter gemischt hätten. Sie warten nur auf die beste Welle, um auf der Bewegung mitzusurfen.“

Präsident Emmanuel Macron ließ verlauten, er verfolge die Lage in Algerien „mit der allergrößten Aufmerksamkeit“. Der beinah warnende Unterton kommt nicht von ungefähr: Frankreich bezieht fast zehn Prozent seiner Öl- und Gasimporte aus Algerien. Und Macron will auch einen Anstieg algerischer Visaanträge wie in den 90er Jahren vermeiden.

Vorsicht vor der Armee

Über den Rücktritt Bouteflikas berichteten einzelne französische Sender stundenlang live. Die Diskussionsleiter kühlten die Freude ihrer algerischen Gäste immer wieder mit der Frage ab, ob in Algerien nun die Rückkehr der Islamisten drohe. Der algerische Schriftsteller Yasmina Khadra gab Sturmentwarnung: „Diese Integristen sind erledigt, seitdem sie dem Land soviel Leid zugefügt haben. Ihre Nachfolger haben nicht mehr die Kraft und den Einfluss der älteren Generation.“ Der weltbekannte Krimiautor fügte an, er mache sich mehr Sorgen über die Armee. Sie sei zwar im Volk angesehen, da sie über die GIA-Islamisten triumphiert habe. „Aber wir wollen in den Regierungspalästen keine Generäle. Ihr Platz ist in den Kasernen.“

Die algerische Politologin Dalia Ghanem ging noch einen Schritt weiter: Sie hält die „französische Fixierung“ auf die Islamisten für „gefährlich“. Denn das lenke vom eigentlichen Risiko für das algerische Volk ab: einem Regime im Griff der Armee, der Polit-Clans und der Profiteure. Die Franzosen, so meinte Ghanem, fielen auf die Propaganda des algerischen Regimes hinein, das einmal mehr das islamistische Gespenst an die Wand male, um sich mit französischer Rückendeckung an der Macht zu halten.

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